Schlüsselbegriffe

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Maurice Halbwachs

* 11. März 1877 in Reims; † 16. März 1945 im KZ Buchenwald

Halbwachs studierte Philosophie bei Henri Bergson und Soziologie bei Émile Durkheim. Er gilt als der Stammvater der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, der das Konzept des kollektiven Gedächtnisses prägte. Zudem war er als Mitherausgeber der Année Sociologique tätig. 1935 wurde er als Professor der Soziologie an die Sorbonne berufen, bevor er 1944 den Lehrstuhl für Sozialpsychologie am Collège de France erhielt. Aufgrund seines Bekenntnisses zum Sozialismus und dem Engagement seiner Söhne in der Résistance wurde Halbwachs am 23. Juli 1944 in das KZ Buchenwald deportiert, wo er am 16. März 1945 starb.

 

Kollektives Gedächtnis

In Maurice Halbwachs Untersuchungen zur Funktionsweise des individuellen Gedächtnisses[1] setzte er dieses mit Émile Durkheims Konzeption vom kollektiven Bewusstsein in Beziehung. Gedächtnis galt ihm als Gegenstand sozialer Interaktion und sei somit stets in einen moralischen Kontext und in Normen eingebettet. Dabei wies er insbesondere auf den sozialen Ursprung des "individuellen Gedächtnisses" hin. Halbwachs nahm an, dass ein Mensch für sich allein keine Erinnerungen erleben könne, weil diese erst durch Interaktion und Kommunikation im Gefüge einer sozialen Gruppe entstünden.Die Feststellung, dass jede soziale Gruppe "kollektive Gedächtnisse" ausbildet, deutet sowohl auf eine Konstruktivität von Gedächtnis und Erinnerung als auch auf eine zentrale Rolle im Hinblick auf die Möglichkeit von Identitätsstiftung hin. In diesem Kontext entwickelte Halbwachs das Konzept der cadres sociaux, das er für den Aufbau und die Bindung der Erinnerung verantwortlich machte. Zwar hätten soziale Gruppen und Gemeinschaften selbst kein Gedächtnis, sie aber seien es, die den spezifischen Wahrnehmungsrahmen und das Sinnbedürfnis ihrer Mitglieder bestimmen würden. Voraussetzung, dass sich ein Ereignis zur Erinnerung wandelt, sei die kollektive Aufladung mit Sinn. Das kollektive Gedächtnis lässt sich also, gemäß Halbwachs, als den Gesamtbestand der Erinnerungen, die eine "Gesellschaft [...] mit ihrem jeweiligen Bezugsrahmen rekonstruier[t]", bezeichnen.[2] Zugleich erklärte er hiermit das Phänomen des Vergessens: Fehlt der Bezugsrahmen in der Gegenwart, kann Vergangenheit nicht rekonstruiert werden und verschwindet aus dem Gedächtnis. Demnach sei das "kollektives Gedächtnis" konsequent gegenwartsbezogen. Es handle sich daher immer um eine Konstruktion und nicht um Rekonstruktion. Des Weiteren sah Halbwachs Gedächtnis und Geschichte in Opposition zueinander. Während Letzeres als universales, einzigartiges Abbild der Vergangenheit erlernt werden müsse, beruhe Gedächtnis auf Erfahrung und sei zeitlich und räumlich an eine bestimmte Gruppe gebunden. Folglich gebe es auch eine Vielzahl "kollektiver Gedächtnisse".


[1] Maurice Halbwachs, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Frankfurt a. M. 2008 und Ders., Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1991.

[2] Halbwachs, Das Gedächtnis, S. 390.

 

Pierre Nora

* 7. November 1931 in Paris

Pierre Nora studierte am Lycée Louis-le-Grand in Paris und erwarb seine Licence in Philosophie. Nach seiner Agrégation d'histoire arbeitete er bis 1960 als Gymnasiallehrer in Oran (Algerien). Seit 1977 ist er Studienleiter an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales. Zugleich war Nora erfolgreich im Verlagswesen tätig: seit 1965 als Lektor bei Éditions Gallimard und seit 1980 als Herausgeber der Zeitschrift "Le débat". 2002 wurde er in die Académie française aufgenommen. Zusammen mit Jaques le Goff gilt Nora als Mittler zwischen der dritten und vierten Generation der Annales-Strömung, die von einer Verlagerung der Themen und Methoden gekennzeichnet ist. Statt der Darstellung einer longue durée konzentrierte man sich auf die Wiederentdeckung des Individuums. Nora ist vor allem für seine Arbeiten im Bereich der Mentalitätsgeschichte bekannt. Seine Auseinandersetzung mit der französischen Geschichte und der kollektiven Identität der Franzosen in den Lieux de mémoire regte zu zahlreichen Nachfolgeprojekten an. Die Lieux de mémoire entwickelten sich zunehmend zum Musterbeispiel einer neuen Art der Geschichtsschreibung, die der Tatsache Rechnung trägt, "dass die Gegenwart zur wichtigsten Kategorie unseres Selbstverständnisses geworden ist".[3]


[3] Etienne François, Pierre Nora und die »Lieux de mémoire«, in: Ders., Pierre Nora (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 7-14; S. 12.

 

Konzept der Lieux de mémoire

Pierre Nora wandte das Konzept von Maurice Halbwachs auf die französische Nation an und verband damit die Vorstellung, dass sich deren kollektives Gedächtnis an bestimmten Orten kristallisiert. Ebenso wie Halbwachs sah er eine Polarität von Geschichte und Gedächtnis. Die Geburt des Konzepts steht im engen Zusammenhang mit Noras Zivilisationskritik und seiner Imagination eines Zerfalls. In seinem Essay "Zwischen Geschichte und Gedächtnis"[4] beschreibt er die Beschleunigung der Geschichte und den Wandel der Form des Vergangenheitsbezugs als tiefen Verlust. Demnach stünde der Wärme der Tradition heute eine hinterfragende Historizität gegenüber. Die "Vermassung der Vergangenheit" und die "Erzeugung von Geschichte" hätten zwangläufig zum Auseinandertreten von Gedächtnis und Geschichte geführt. Die Trennung von gelebter Vergangenheit und Rekonstruktion, der Zerfall des vitalen Gedächtnisses und das Gewahrwerden einer zerbrochenen, nicht mehr absoluten Einheitswelt führe zu einem Drang das Verschwindende zu bewahren. Zugleich diagnostizierte Nora einen Zusammenbruch des Gedächtnisraums der Nation Frankreich in eine Vielzahl von Gruppengedächtnissen.

In Abgrenzung zum Gedächtnis sei Geschichte die "stets problematische und unvollständige Rekonstruktion dessen, was nicht mehr ist".[5] Nora vertritt die provokante These, dass das Gedächtnis nicht mehr existiere. An dessen Stelle setzt er sein Konzept der Lieux de mémoire, die als Relikte des Gedächtnisses dieses greifbar werden ließen. Für Nora sind Erinnerungsorte "als Phänomene des Übergangs" zwischen Gedächtnis und Geschichte angesiedelt. Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft bestünde seiner Ansicht nach in der Rolle einer Vergangenheitsdeuterin. Demnach sei die Rekonstruktion des nationalen Gedächtnisses die neue Art der Nationalgeschichtsschreibung. Aufgrund des prognostizierten Endes des Zeitalters des Gedenkens würden die Lieux de mémoire zugleich aber auch den letzten Stein in einer Kette von Nationalgeschichten darstellen.


[4] Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1990.

[5] Ebd., S. 13.

 

Definition Lieux de mémoire (Nora)

Ein Erinnerungsort kann sowohl ein geographischer, zeitlicher als auch symbolischer Ort sein. Dazu zählen mythische und reale Gestalten, Ereignisse, Gebäude, Denkmäler, Institutionen, Begriffe, Bücher und Kunstwerke, die den Status eines Erinnerungsortes aufgrund ihrer symbolischen Funktion erhalten. Darüber hinaus sind diese stets mit historischen Bezügen belegt, allgemein bekannt und gemeinschaftskonstituierend. Zusammenfassend lassen sich Erinnerungsorte als exponierte Punkte, in denen sich die Wahrnehmung der gemeinsamen Geschichte für die Mitglieder einer Großgruppe verdichtet, beschreiben. Damit ein Überrest die Funktion eines Lieu de mémoire einnimmt, müssen nach Nora drei Dimensionen aufeinander treffen:

  1. materielle Qualität (was nicht zwangsläufig Stofflichkeit bedeuten muss)
  2. symbolischer Aspekt
  3. funktionaler Aspekt

In seiner Definition, die Nora im dritten Teil seiner Lieux de mémoire nachreicht, ergänzt er die Charakteristika um die Komponenten Zeit und Wandelbarkeit:

"Lieu de mémoire, donc: toute unité significative, d'ordre materiél ou idéel, dont la volonté des hommes ou le travail du temps a fait un élement symbolique du patrimoine mémoriel d'une quelconque communauté."[6]

("Ein Gedächtnisort ist folglich jede bedeutsame Einheit, ideeller oder materieller Art, die durch menschlichen Willen oder durch das Werk der Zeiten zu einem symbolischen Element des Gedächtniserbes irgendeiner Gemeinschaft gemacht worden ist.")


[6] Pierre Nora, Comment écrire l'histoire de France? in: Ders. (Hg.), Les lieux de Mémoire, Bd. 3: Les Frances. Paris 1992, S. 9-32; S. 20.

 

Französische Erinnerungsorte

Erstmals wurde das Wechselverhältnis von Nationalbewusstsein und kollektivem Gedächtnis systematisch am französischen Beispiel von Pierre Nora erfasst, der sein siebenbändiges Werk als eine Art "Inventur des kollektiven Gedächtnisses der französischen Nation"[7] verstand. Mit seiner Analyse der Lieux de mémoire, in denen sich das Gedächtnis der Nation Frankreich in besonderem Maße "kondensiert, verkörpert oder kristallisiert hat"[8], beschritt er den Weg einer neuen, anderen Geschichtsbetrachtung, die nicht mehr die Determinanten, sondern die Auswirkungen, nicht mehr die Ereignisse, sondern deren Konstruktion untersucht. Das Ziel ist nicht länger die Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern die Darstellung ihrer ständigen Wiederverwendung, ihr Gebrauch und Missbrauch sowie ihr Bedeutungsgehalt für die aufeinander folgenden Gegenwarten – eine Geschichtsschreibung "zweiten Grades"[9].

Noras Untersuchung gliedert sich in drei Teile: "La Republique", "La Nation" und "Les Frances". Das als Sammelband konzipierte Projekt erschien zwischen1984 bis 1992 und unterlag zwangsläufig in seiner Entwicklung einer gewissen Dynamik und Veränderungen. So wurden die einzelnen Teile nicht nur immer umfangreicher, auch ihr Fokus erweiterte sich zusehends. Während „La Republique" noch den Schwerpunkt auf die Gründungsphase der Dritten Republik und ihre entstehende Symbolwelt legte, wurde in "La Nation" das Mittelalter mit einbezogen und in "Les Frances" reichten die Betrachtungen bis in die Vor- und Frühgeschichte. Die Nation Frankreich wurde immer umfassender und pluralistischer verstanden. Auch wandelte sich das Konzept im Hinblick auf die betrachteten Objekte, die zunehmend "nichtstofflicher" Natur waren. Des Weiteren kann die Tendenz festgestellt werden, dass zu Beginn vor allem Artefakte untersucht wurden, die willentlich zum Gedenken geschaffen wurden. Später gerieten Objekte in den Blick, deren Gedächtnischarakter erst nachträglich entstand. Grundsätzlich lässt sich auch eine Veränderung in der Zielsetzung des Projekts ausmachen. Ursprünglich ging es um die Katalogisierung des symbolischen Inventars Frankreichs, also der Sammlung von Fixpunkten, an denen sich das bestimmte Konzept von Frankreich materialisiert. Im Verlauf wurde die Unternehmung immer weniger als Suche nach symbolischer Verkörperung verstanden, vielmehr Frankreich in seiner Gesamtheit als symbolische Realität betrachtet. Es geht nicht mehr um das Aufspüren der Manifestation des nationalen Gedächtnisses, sondern um die Suche nach dem Nationalen in jedem einzelnen Topos. Das ursprünglich so wichtige Ereignis musste seiner Rekonstruktion weichen. Auch in der Darstellungsweise unterscheiden sich die einzelnen Teile: Der dem kulturpessimistischen Ansatz geschuldete pathetisch melancholische Ton wich einer kühleren und distanzierteren Berichterstattung. Aus dem Widerstand gegen die Entwicklung und der Überzeugung der untergehenden Erinnerungsgemeinschaft entstand eine teilnehmende Beschreibung, die zahlreiche partikulare Geschichten und damit eine neue, nationale Identität entdeckte.


[7] Ders., Das Abenteuer der Lieux de mémoire, in: Etienne François, Hannes Siegrist, Jakob Vogel (Hg.), Nation und Emotion: Deutschland und Frankreich im Vergleich. 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1995, S. 83-92; S. 83.

[8] Ders., Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S. 7.

[9] Ders., Wie lässt sich heute eine Geschichte Frankreichs schreiben? in: Ders., Etienne François (Hg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 15-23; S. 16.

 

Konzept der Deutschen Erinnerungsorte

In Anlehnung an das französische Konzept erschienen 2001 die dreibändigen "Deutschen Erinnerungsorte", die von Etienne François und Hagen Schulze herausgegeben wurden. Dabei wurde im Vorfeld intensiv die Frage der Übertragbarkeit diskutiert – schließlich wollte Pierre Nora mit seinen Lieux de mémoire kein allgemeines historiographisches, sondern ein spezifisch französisches Problem lösen. Da es aber, wie bereits Nora selbst bemerkte, nicht darum ginge, seinen Entwurf exakt zu übernehmen, sondern vielmehr "der geschichtlichen Logik, die [eine Klasse von Gegenständen] hervorgebracht hat, und dem Verhältnis zur Vergangenheit, die sie enthüllt, auf die Spur zu kommen"[10], einigte man sich auf eine Reihe von Modifikationen. So ging es zunächst weniger wie im französischen Projekt um die Frage, wie Nationalgeschichte geschrieben werden sollte, als vielmehr darum, ob überhaupt eine Nationalgeschichte geschrieben werden darf. Dem versuchte man zu begegnen, indem erklärt wurde, dass man keine Nationalgeschichte, sondern lediglich eine andere deutsche Geschichte im Sinn habe. Aufgrund vielfältiger Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich, die dazu führen, dass die deutsche Geschichte im Gegensatz zur französischen durch "ihr Übermaß an Verwerfungen, Brüchen und Brechungen eine Vielfalt oft disparater, widersprüchlicher Erinnerungsorte"[11] aufweist, entscheid man sich für eine abgewandelte Form des Konzepts. So wählte man bewusst den Terminus des Erinnerungs- statt des Gedächtnisortes, um den selektiven, willkürlichen und aktiven Prozess zu betonen. Die Wahl des Begriffs ergab sowohl eine inhaltliche Verschiebung als auch eine speziell deutsche Semantisierung. Durch die gegenwartsbezogene Tätigkeit des Erinnerns, die eine ständige Aktualisierung der Bedeutung zu Folge hat, sollte auch auf den fragmentarischen Charakter von Erinnerung verwiesen werden. Das Fragmentarische zeigt sich zugleich auch auf der Gliederungsebene, die durch 18 Oberbegriffe gebildet wird. Die zugeordneten Lemmata führen zuweilen zu überraschenden Nachbarschaften, die zu einer nichtlinearen Lektüre anregen sollen. Ziel ist es, den Eindruck der Vielfalt zu stärken. Gleichzeitig zeigt sich darin der Versuch, die Inkohärenz der deutschen Geschichte zu repräsentieren. Ebenso soll hiermit der affirmative Eindruck eines Kanons, einer Systematik oder Normativität vermieden werden. Nicht die große Erzählung wurde angestrebt, sondern ein Sammelsurium bzw. eine ergänzungsfähige erste Bestandsaufnahme. Ein wichtiges von Beginn an erklärtes Ziel des Projekts war zudem die Multiperspektivität, die wiederum auf die vielfach gebrochene kohärente Vergangenheit verweisen sollte. Zum einen versuchte man dies durch die Beteiligung nichtdeutscher Autoren, zum anderen durch "geteilte Orte", die eine mit den europäischen Nachbarn verwobene Geschichte zeigen sollten. Des Weiteren verpflichtete man sich zu einer größeren Nüchternheit als im französischen Konzept. Anders als bei Nora stand im Fokus weniger die Ereignis-, denn mehr die Rezeptionsgeschichte. Es kam also zu einer Umkehr der Blickrichtung von der Intention zur Wahrnehmung. Auch spielte der für das französische Konzept so wichtige Aspekt des Bewahrens für die "Deutschen Erinnerungsorte" keine Rolle. Etienne François und Hagen Schulze verwiesen vielmehr auf die Unsicherheit hinsichtlich der deutschen Identität, die mit der Wiedervereinigung eingetreten sei. Den Gewinn ihres Projekts sehen sie in dem Angebot eines möglichen Identifikationspotentials, das die Schatten der Vergangenheit nicht ausblendet und zugleich den Einfluss des europäischen Einigungsprozesses berücksichtigt.


[10] Ders., Nachwort, in: Etienne François, Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 3. München 2009, S. 681-686; S. 681.

[11] Etienne François, Hagen Schulze, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1. München 2009, S. 9-26; S. 18.

 

Definition Erinnerungsort

In der Einleitung der "Deutschen Erinnerungsorte" beschreibt Etienne François das Konzept der Erinnerungsorte folgendermaßen: "Ein materieller wie auch immaterieller, langlebiger, Generationen überdauernder Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung und Identität, der durch einen Überschuß an symbolischer und emotionaler Dimension gekennzeichnet, in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden ist und sich in dem Maße verändert, in dem sich die Weise seiner Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert."[12]

Im Unterschied zur französischen Definition werden hier die Funktionsweisen der Erinnerungsorte konkretisiert und die verschiedenen Spielarten des Gedächtnisses differenziert. Die Verwendung des Terminus "Kristallisationspunkt" betont das Metaphorische, also die Tatsache, dass zunächst etwas ohne Bedeutung durch Anlagerung von Sinn zu einer bedeutungstragende Einheit wird. Mit dem Kriterium "generationenübergreifend" werden sowohl Orte, die dem Merkmal der Langlebigkeit nicht genügen als auch spezielle Generationen-Erinnerungen ausgeschlossen. Die Ergänzung um den Aspekt der Identität verweist auf den engen Zusammenhang zwischen Gruppenbewusstsein und Vergangenheitsbezug (kollektives Gedächtnis). Der Hinweis auf die Einbindung in "gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten" beschreibt die aktive Präsenz des Ortes in einer Erinnerungsgemeinschaft. Zuletzt ist die Betonung der "Wandelbarkeit" für das deutsche Konzept unverzichtbar, da die Bruchlinien innerhalb der deutschen Geschichte eine statische Erinnerung undenkbar machen.


[12] Etienne François, Hagen Schulze, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2009, 9-26; 17f.

 

Kommunikatives Gedächtnis vs. Kulturelles Gedächtnis

Der Altertumswissenschaftler Jan Assmann leistete mit seinen Arbeiten[13] einen wichtigen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Als Baustein seiner Idee diente ihm Halbwachs These vom Primat der Gegenwart über die Vergangenheit. Stets sei deren Darstellung vom gegenwärtigen Bezugsrahmen geprägt. Allerdings kritisiert Assmann, Halbwachs habe in seinen Betrachtungen die Perspektive der kulturellen Evolution ausklammert. Er plädiert dafür, dass Erinnern nicht nur sozial, sondern auch kulturell determiniert sei. Außerdem bezweifelt er, dass Vergangenheit reine Rekonstruktivität ist. Seiner Ansicht nach habe diese auch stets Einfluss auf die Gegenwart.

Daher spezifiziert Assmann den Begriff des kollektiven Gedächtnisses, indem er zwischen einem kommunikativem Gedächtnis und einem kulturellen Gedächtnis unterscheidet. Im Gegensatz zu Halbwachs, der das Gedächtnis und dessen Bedeutung für Gruppen betrachtete, stellt Assmann den identitätsstiftenden Charakter der Erinnerung in den Fokus, da Identität seiner Ansicht nach im kulturellen Gedächtnis mitgetragen werde.

Merkmale des kommunikativen Gedächtnisses:

  • Zeitrahmen: maximal drei bis vier Generationen respektive 100 Jahre
  • Entstehung: Aufbau aus Alltagskommunikation und -interaktion in einem Milieu räumlicher Nähe, gemeinsamer Lebensumstände und geteilter Erfahrungen und somit an Träger des Gedächtnisses gebunden
  • Inhalt: Geschichtserfahrung im Rahmen der individuellen Biographie, also Bestände, die sich auf eine "lebendige Vergangenheit" beziehen
  • Form: individuell, ungeformt, naturwüchsig
  • Träger: unspezialisiert und unorganisiert

Merkmale des kulturellen Gedächtnisses:

  • Zeitrahmen/Inhalt: durch Präzision und Selektion gekennzeichnete weiter zurückliegende Ereignisse "einer absoluten Vergangenheit"
  • Träger: spezialisierte Traditionsträger, die an außeralltägliche, institutionell vermittelte Kommunikation gebunden sind
  • Form: ritualisiert, inszeniert
  • Funktion: deutet Alltagsgeschehen und verleiht ihm Sinn; beleuchtet unverrückbare "Fixpunkte" der Vergangenheit von denen Orientierungskraft für die Gegenwart ausgeht

In der neuesten Forschung steht vor allem der Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis, der von Assmann als "floating gap" bezeichnet wird, im Mittelpunkt des Interesses. Dabei soll es sich nicht um eine Lücke als vielmehr um ein Aufeinandertreffen handeln, wodurch auch ein Nebeneinander der beiden Gedächtnisformen möglich sei.


[13] Z.B. Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Ders., Toni Hölscher (Hg.), Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988, S. 9-19; Ders., Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 6. Aufl. München 2007.

 

Speichergedächtnis vs. Funktionsgedächtnis

Die Anglistin Aleida Assmann präzisierte die These vom kulturellen Gedächtnis, indem sie feststellt, dass wann und wie bestimmte historische Ereignisse erinnert werden davon abhängig sei, ob Gruppen sie "zu relevanten und bleibenden Bezugspunkten ihres historischen Selbstverständnisses gemacht haben".[14] Daher stelle das kulturelle Gedächtnis nicht die Summe des verfügbaren historischen Wissens dar und biete auch keine objektiven Abbilder der Vergangenheit, sondern sei vielmehr auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Identität von sozialen Gruppen ausgerichtet: Verändere sich eine Gruppe in ihrer Identität, würden sich auch gleichzeitig die "Fixpunkte" ihrer Erinnerung verändern – bei Jan Assmann galten diese als unverrückbar.[15] Daher differenziert Aleida Assmann zwischen Funktions- und Speichergedächtnis.

Kulturelles Funktionsgedächtnis:

  • Inhalt: die von einer Gruppe gebrauchten, zivilisierenden und "bewohnten" Überlieferungsbestände
  • Entstehung: kollektive, selektiv aktualisierende Erinnerung, die sich an gegenwärtigen Gruppenbedürfnissen orientiert
  • Träger: spezifisch (Gruppe, Institution, Individuum)
  • Funktion: Orientierung, vermittelt Werte, aus denen sich ein Identitätsprofil und Handlungsnormen ergeben; Vergangenheit fundiert Gegenwart

Kulturelles Speichergedächtnis:

  • Inhalt: absolute Vergangenheit ohne "vitalen Bezug" zur Gegenwart bzw. "unbewohntes Gedächtnis"
  • Entstehung: bedeutungsneutrale Überlieferungsbestände, die nicht mehr gebraucht werden, verschüttet oder vergessen sind
  • Träger: losgelöst, aber Konservierung durch Archive, Museen, Bibliotheken
  • Funktion: mögliches Reservoir des zukünftigen Funktionsgedächtnisses und damit Möglichkeit des kulturellen Wandels

Anders als Halbwachs sah Aleida Assmann trotz dieser Unterscheidung hier kein polares Gegenüber im Sinne einer Exklusion. Sie charakterisierte das Verhältnis der beiden Begriffspaare als zwei "Modi von Erinnerung", die stets aufeinander bezogen und miteinander verbunden sind.[16]


[14] Aleida Assmann, Das kulturelle Gedächtnis an der Milleniumsschwelle: Krise und Zukunft der Bildung. Konstanzer Universitätsreden 216. Konstanz 2004, S. 5.

[15] Ebd., 6.

[16] Aleida Assmann, Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, S. 142.

 

Zusammengestellt von Sarah Waltenberger.