Mülltrennung

Kapitelübersicht - Ökologische Zeiten - Mülltrennung

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Mülltrennung    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte: Das Konzept Wiederverwertung
  2. Geschichte eines Begriffs
  3. Lösungen für das Müllproblem
  4. Politische und ökonomische Faktoren
  5. Die "Große Verschwendung" der 1950er
  6. Umdenken seit den 70er Jahren
  7. Das Duale System Deutschland
  8. Wer muss trennen?
  9. Papier
  10. Herausforderungen der Wiederverwertung
  11. Die Grenzen des Recyclings
  12. Verbrennung statt Verwertung?
  13. Das Ende der Klarheiten

 

Verwandte Themen

Freiberger Hüttenrauch, Elektrofilter, Rekultivierung, Umweltprogramm, Grenzen des Wachstums

 

Literatur

Nicole Beutler / Peter Fankhauser / Stephan Kormann / Ana Lienert / Matthias Nast, Eine Gesellschaft packt aus: Konsum, Verpackung und Abfall, in: Christian Pfister, Peter Bär (Bearb.), Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Bern / Stuttgart / Wien, 1996.

 

Ludolf Kuchenbuch, Abfall, in: Jörg Calliess / Jörn Rüsen / Meinfried Striegnitz (Bearb.), Mensch und Umwelt in der  Geschichte. Pfaffenweiler 1989, S. 257-276.

 

Carmelita Lindemann, Verbrennung oder Verwertung: Müll als Problem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in: Technikgeschichte 59 (1992), 91-107.

 

Reinhold Reith, Recycling – Stoffströme in der Geschichte, in: Sylvia Hahn / Reinhold Reith (Bearb.), Umweltgeschichte. Arbeitsfelder, Forschungsansätze, Perspektiven. Wien und München 2001, S. 99-120.

 

Norman Fuchsloch, Recycling, Upcycling, Downcycling.  Eine umwelthistorische Ist-Soll-Analyse, in: Roland Ladwig (Bearb.), Recycling in Geschichte und Gegenwart. Schriftenreihe der Georg-Agricola-Gesellschaft. Freiberg 2003, S. 11-40.

 

Frithjof Hager (Bearb.), Müll und Verantwortung. München 2004.

 

Dirk Asendorpf, Gegen den Trennt, in: Die Zeit Nr. 12, 15.03.2007. Online unter: http://www.zeit.de/2007/12/ U-Gelber-Sack/komplettansicht.

 

Nora Somborn, Die gelbe Revolution, in: Der Spiegel, 21.07.2010. Online unter: http://www.spiegel.de/ wissenschaft/mensch/ 0,1518,699781,00.html.

 

Helmut Bünder, Bleiben die gelben Tonnen bald stehen? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2009. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/ wirtschaft/wirtschaftspolitik/ der-neue-muellnotstand- bleiben-die-gelben-tonnen -bald-stehen-1781279.html.

 

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, BMWi-Studie zur Verpackungsverordnung belegt die Vorteile der getrennten Erfassung von Wertstoffen und zeigt Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung auf. Pressemitteilung vom 12.11.2009. Online unter: http://www.bmwi.de/BMWi/ Navigation/Presse/ pressemitteilungen,did=319900.html.

 

Fußnoten

[1] C. Adam. Müllverbrennung oder landwirtschaftliche Verwertung? in: Technisches Gemeindeblatt 1903/04, S. 8-11. Abgedruckt in: Franz-Josef Brüggemeier, Michael Toyka-Seid (Bearb.), Industrie-Natur. Lesebuch zur Geschichte der Umwelt im 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M., 1995, S. 237.


[2] Hartwig Walletschek und Jochen Graw (Bearb.), Öko-Lexikon. Stichworte und Zusammenhänge. 5. Auflage. München 1994, S. 197.

 
[3] Hartwig Walletschek und Jochen Graw (Bearb.), Öko-Lexikon. Stichworte und Zusammenhänge. 5. Auflage. München 1994, S. 197.

 

[4] Kenneth E. Boulding, The Economics of the Coming Spaceship Earth, in: Henry Jarret (Bearb.), Environmental Quality in a Growing Economy. Baltimore/London, 1996, S. 3-14.

 

[5] Heinrich von Lersner, Ist Abfall Müll? in: Frithjof Hager (Bearb.), Müll und Verantwortung. München 2004, S. 72.

 

[6] Dirk Asendorpf, Gegen den Trennt, in: Die Zeit Nr. 12, 15.03.2007. Online unter: http://www.zeit.de/2007/12/ U-Gelber-Sack/komplettansicht.

 

[7] Siehe hierzu: Dirk Asendorpf, Gegen den Trennt, in: Die Zeit Nr. 12, 15.03.2007. Online unter: http://www.zeit.de/2007/12/ U-Gelber-Sack/komplettansicht sowie Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, BMWi-Studie zur Verpackungsverordnung belegt die Vorteile der getrennten Erfassung von Wertstoffen und zeigt Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung auf. Pressemitteilung vom 12.11.2009. Online unter: http://www.bmwi.de/ BMWi/Navigation/Presse/ pressemitteilungen,did=319900.html.

 

Bildnachweis

Mülltrennung im öffentlichen Raum.

Für rund zwei Drittel der Deutschen ist die Trennung von Glas, Papier, Kunststoff, Bio- und Restmüll zu Recyclingzwecken der wichtigste persönliche Beitrag zum Schutz der Umwelt. Wurde das Trennen von Müll 1903 noch als "Zumutung für Frau und Dienstmädchen"[1] gesehen, so ist heute kaum ein anderer Bereich des Umweltschutzes so tief im privaten deutschen Bewusstsein und Handeln verankert: Heute sieht sich Deutschland als ein Vorreiter in Sachen Mülltrennung und Recycling – der Grüne Punkt hat sich zu einem erfolgreichen Exportmodell entwickelt. Dabei gilt in Deutschland der Grundsatz: Abfälle sind Rohstoffe, die weiter verarbeitet werden sollten, anstatt die Umwelt zu belasten. Die Ernsthaftigkeit mit der Deutsche an die Mülltrennung herangehen – Stichwort ausgewaschene Joghurtbecher – hat auch Eingang in die Stereotypisierung der Nation im Ausland gefunden.

 

 

1. Vorgeschichte: Das Konzept Wiederverwertung

Laut Definition des Öko-Lexikons ist Recycling die "Rückführung von verwertbarem Abfall in den Wirtschaftskreislauf". Vorteil dieses Vorgehens ist, dass die Abfallmengen reduziert und gleichzeitig Ressourcen geschont werden können.[2] Abfälle sind Sekundärrohstoffe (z.B. Metalle), die in der (Wieder)-Aufbereitung oft viel weniger aufwändig sind als die Gewinnung neuer Primärrohstoffe (z.B. Metallerze). Gerade für ein zunehmend rohstoffarmes Land wie Deutschland spielt Recycling deshalb weiterhin eine wichtige Rolle. In manchen Bereichen wie der Stahlindustrie und der chemischen Industrie wächst die Bedeutung und Nutzung von Sekundärrohstoffen, die auch als "urban mining" bezeichnet wird.
Dabei ist das Konzept der wirtschaftlichen Nutzung und Wiederverwertung von Abfallprodukten nicht erst in den letzten 40 Jahren entstanden: Primärrohstoffe und auch Produktionskosten waren in vor- und frühindustriellen Zeiten so teuer, dass Recycling eine Selbstverständlichkeit war. Die Bausubstanz alter Gebäude wurde beispielsweise schon in der Antike für neue Bauten verwendet, ebenso wurde Bruchglas schon von den Römern für die Herstellung von neuem Glas benutzt. Für die Papierherstellung waren Lumpen bis um 1870 ein essenzieller Rohstoff und die möglichst weitgehende Wiederverwertung von Metall hatte besonders in Kriegszeiten Relevanz. Selbst die bei der Erzverhüttung entstehende giftige Schwefelsäure galt bereits während der Industrialisierung als ein wertvoller Rohstoff, den es abzuschöpfen galt.

 

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2. Geschichte eines Begriffs

Abfall wird heute vom Öko-Lexikon im Sinne des Abfallgesetzes definiert als "Sachen, deren sich der Besitzer entledigen will oder deren geordnete Entsorgung zur Wahrung des Wohls der Allgemeinheit, insbesondere zum Schutz der Umwelt geboten ist".[3] Doch verbirgt sich hinter dieser scheinbar einfachen Definition eine 250-jährige Begriffsentwicklung. Lange Zeit war "Abfall" einfach ein technischer Begriff, der Nebenprodukte der industriellen Produktion bezeichnete. Unsere moderne Definition von Industrie- und Konsumabfällen entstand erst vor 120 Jahren, als Urbanisierung und Industrialisierung allmählich zu steigendem Wohlstand und neuen Konsumgütern bei größeren Siedlungsdichten führten. Diese Entwicklungen verursachten noch nie dagewesenen Abfallmengen (vor allem Hausmüll und Fäkalien), die auch in Bezug auf ihre Zusammensetzung neuartig waren. In der Folge rückte die Charakterisierung von Abfall als unerwünschte Masse, für deren Behandlung Lösungen gefunden werden müssen, immer mehr ins Zentrum. So lässt sich die Entstehung des Begriffs "Müll" auf die Zeit um 1900 zurückführen.

 

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3. Lösungen für das Müllproblem

Deponien, Verbrennungsanlagen und Mülltrennung sind schon seit über 100 Jahren ein Dauerthema innerhalb der deutschen Gesellschaft. Schon um 1900 gab es hitzige Diskussionen über den besten Umgang mit Abfall und Abwasser. Hinaus aus der Stadt musste er – aber was dann? Die Verbrennung von Müll war als Technologie umstritten. Auch Mülltrennung wurde schon um die Jahrhundertwende vorgeschlagen und versuchsweise in manchen Gemeinden wie Berlin-Charlottenburg eingeführt. Doch Gegner argumentierten, dass ein solcher Aufwand für Privatpersonen unzumutbar wäre. In der erhitzten Diskussion um Verbrennung oder Verwertung setzte sich schließlich mit der Deponierung eine dritte – bis dahin wenig beachtete – Lösung durch, obwohl sie erhebliche Kosten und Land- und Hygieneprobleme verursachte. In manchen Fällen machte man aus den Problemen der Deponierung sogar eine Tugend: Der Leipziger Scherbelberg, eine Mülldeponie, entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem beliebten lokalen Ausflugsziel. Wie auch im Freiberger Hüttenrauchstreit wurde die Diskussion um die Jahrhundertwende allerdings nicht von einer breiten Öffentlichkeit, sondern von einem kleinen Expertenkreis geführt.

 

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4. Politische und ökonomische Faktoren

Politische und ökonomische Faktoren haben zu allen Zeiten das Wiederverwertungsverhalten beeinflusst – Umweltfragen nehmen bis heute im Recycling oft eine untergeordnete Rolle ein. Besonders Autarkieregime wie im Nationalsozialismus oder der DDR förderten die Wiederverwertung von Altstoffen und häusliche Mülltrennungsprogramme: So verkündete das NS-Regime im zweiten Weltkrieg mit hohem Propaganda-Aufwand die Maxime der "totalen" Verwertung des Mülls. Die gesamtwirtschaftliche Relevanz sowie die Umsetzung des NS-Recycling-Programms während des Krieges sind jedoch umstritten.
Auch die DDR, die eine Teilautarkie anstrebte und selbst über wenige Rohstoffquellen verfügte, förderte die "Sekundärrohstoffwirtschaft" mit Prämien für die Rückführung von Abfallstoffen. Die Recyclingmaßnahmen der DDR waren aber äußerst ineffizient: Viele der eingesammelten Stoffe wie zum Beispiel Altkautschuk wurden einfach eingelagert, weil Ressourcen zur Weiterverarbeitung fehlten oder eine Wiederverwertung gar nicht möglich war. Mit der Zeit landeten die so gesammelten Bestände schließlich doch auf den ostdeutschen Mülldeponien, die auch Müll aus der Bundesrepublik gegen Devisen entgegennahmen.
Im Gegensatz zur DDR schwand die Bedeutung des Recyclings in der BRD im Verlauf der 1950er. Der rapide Preisverfall von Erdöl und anderen industriellen Rohstoffen schmälerte den wirtschaftliche Anreiz zur Wiederverwertung erheblich. Ähnliche wirtschaftliche Faktoren spielen auch heute bei Müllfragen eine große Rolle und überlagern teilweise Umweltanliegen: Solange andere Wege wie Deponierung oder Verbrennung wirtschaftlicher sind oder über schon funktionierende Systeme verfügen, wird Recycling oft torpediert.

 

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5. Die "Große Verschwendung" der 1950er

Der wirtschaftliche Aufschwung der 1950er Jahre führte in den USA und Westeuropa zu einer Zäsur in der Geschichte des Abfalls: Sinkende Rohstoff- und Erdölpreise führten zu enormen Produktionssteigerungen und einer massiven Ausweitung der Verfügbarkeit von Konsumgütern. In der Folge verwandelte sich die deutsche Industriegesellschaft in eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nach den harten Kriegsjahren unter dem totalitären NS-Regime mit seinen Spar- und Verhaltenszwängen wurde Müll gewissermaßen zu einem ambivalenten Symbol von Wohlstand und individueller Freiheit. Die scheinbar grenzenlose Verfügbarkeit von Ressourcen führte zu einem verschwenderischen Umgang mit ihnen und einer Abwendung von teils nachhaltigeren und energieeffizienteren Lebens- und Produktionsweisen.
Das Produktionsregime dieser Wachstumszeit zeichnete sich durch eine große Materialintensität und einen hohen Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen bei minimaler Wiederverwertung aus. Besonders der Verpackungsverbrauch steigerte sich enorm durch die Einführung von Selbstbedienungsläden, in denen Waren einzeln portioniert und hygienisch verpackt sein mussten. Die Steigerung der Abfallmengen, die Industrie und Konsumenten mit ihrer "ex und hopp"-Mentalität produzierten, führte zu neuen Extremen der Umweltbelastung: In den 70er Jahren produzierte der durchschnittliche Bundesbürger 244kg Müll pro Jahr, die vorwiegend aus Verpackungsmaterial bestanden.

 

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6. Umdenken seit den 70er Jahren

Dass Ressourcen wie Erdöl nicht unendlich sind, wurde spätestens mit den Ölpreiskrisen der 70er Jahre deutlich. Den größten Einfluss auf die Entwicklung des Gedankens der Ressourcenbegrenztheit hatten das "Spaceship Earth"-Modell[4] von Kenneth Boulding (1966) und der Bericht des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" (1973). Beide Analysen betrachteten die Erde als ein geschlossenes System, das durch den Verbrauch seiner endlichen Ressourcen bei gleichzeitiger Steigerung der Abfallmenge zunehmend aus den Fugen geriet. Aus dieser Bedrohung des Systems Erde leiteten beide Berichte die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit ("sustainability") ab, um das System erneut zu stabilisieren.
Recycling spielte bei beiden Konzepten eine Schlüsselrolle und schlug sich ab den 1970ern zunehmend in deutschen Konsum- und Wegwerfmustern nieder. In den ökologischen achtziger Jahren gewann auch der Müll eine erhöhte politische Dringlichkeit. Unter der Ägide des Bundesumweltministers Klaus Töpfer wurde im Jahr 1991 schließlich eine Verpackungsverordnung erlassen. Töpfers Verpackungsverordnung fußte auf einem Kreislaufmodell, demzufolge die Lebenszeit von Verpackungen durch Einbindung in Recyclingkreisläufe erheblich verkürzt werden sollte. Die Erfolge der Verordnung waren unbestreitbar: Zwischen 1991 und 2000 hat sich die Verwertungsquote für Verkaufsverpackungen (einer der schwierigsten Recyclingbereiche) mehr als verdoppelt[5] und die Kreislaufwirtschaft wurde auf schwierigere Bereiche wie Elektroschrott und Altautos ausgeweitet. Inzwischen betragen in der BRD die Wiederverwertungsquoten von Verkaufsverpackungen aus Glas und Papier 80-90 Prozent, aus Aluminium circa 75 Prozent und aus Kunststoff über 50 Prozent.[6]

 

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7. Das Duale System Deutschland

In Erwartung der neuen Verpackungsordnung wurde 1990 das Entsorgungsunternehmen Duales System Deutschland (DSD) von einem Verbund deutscher Unternehmen in der Lebensmittel- und Verpackungsbranche gegründet. DSD war zunächst ein Non-Profit-Unternehmen, das für Industrie und Handel die Verpflichtungen aus der Verpackungsverordnung erfüllte. Damit Hersteller die Marke "Grüner Punkt" auf ihren Verpackungen verwenden können und der so gekennzeichnete Müll zur Wiederverwertung abgeholt wird, müssen sie Lizenzgebühren zahlen. Die Kosten für die Lizenz werden über die Produktpreise auf den Verbraucher umgelegt. Dieser zahlt also beim Kauf eines Produkts für die fachgerechte Entsorgung der Verpackung – was aber nicht nur Recycling, sondern unter Umständen auch Verbrennung oder Transport und Ablagerung in anderen Ländern bedeuten kann. Die DSD verarbeitet allerdings auch Stoffe, die nicht mit dem Grünen Punkt gekennzeichnet sind. Durch die neuesten Änderungen in der Verpackungsordnung (unter anderem die Einwegpfand-Regelung von 2003) müssen Unternehmen inzwischen keinen Grünen Punkt mehr auf ihren Verpackungen haben, damit sie wiederverwertet werden. Die Folge: Immer mehr Firmen steigen aus ihren Lizenzverträgen aus. Besonders bei Getränken werden zunehmend Einwegverpackungen angeboten.
Die DSD ist nicht für Sortierung und Verwertung des Mülls verantwortlich, sondern arbeitet mit lokalen Partnerfirmen zusammen. Damit passte sich die Firma bei ihrer Gründung an schon vorhandene Strukturen der deutschen Abfallwirtschaft an. Die Vielzahl lokaler DSD-Partner arbeitet mit sehr unterschiedlichen Verwertungsmodellen und Hol- und Bringsystemen. Vielerorts wird der Müll im berühmt-berüchtigten gelben Sack abgeholt. Anderswo bringen Verbraucher alle oder nur einige ihrer Wertstoffe (z.B. Glas) selbst zum Container oder Recyclinghof. Lange Zeit hatte die DSD eine Monopolstellung in der deutschen Müllwirtschaft. Schon bald wurden Vorwürfe laut, dass die Firma ihr Monopol missbrauche, undurchsichtige Bilanzen vorlege und ihre Statistiken manipuliere. Dem Ruf nach freiem Wettbewerb wurde schließlich stattgegeben: Inzwischen haben sich auch andere Abfallunternehmen auf dem Markt etabliert.

 

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8. Wer muss trennen?

Sammelaktivitäten, wie wir sie heute in der privaten Mülltrennung und in Recyclinghöfen wiederfinden, haben eine lange Geschichte: So kümmerten sich von der frühen Neuzeit bis zum zweiten Weltkrieg spezielle Berufsfelder um die Sammlung von Baumaterialien, Lumpen, Metall, Leder, Knochen, Fäkalien und Asche. Heute liegt die Mülltrennungspflicht zu einem Großteil beim Bürger – sie ist zu einer unbezahlten Beschäftigung geworden, für die der Bürger Gebühren zahlt. Diese Veränderung im Feld der Mülltrennung und -sammlung birgt auch Probleme: Beim relativ komplexen Trennsystem des Dualen Systems Deutschland landet fast die Hälfte der Abfälle in der falschen Tonne – vor allem in Städten. Auch ist die Mülltrennung und –abholung nicht deutschlandweit gleich geregelt. Das Aufkommen von Sortiermaschinen, die den Müll besser und genauer trennen, hat zudem zu neuen Diskussionen über die deutsche Mülltrennung geführt.[7]

 

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9. Papier

Bis um 1870 wurde Papier vor allem aus Lumpen hergestellt, was der Sammlung und Wiederverwertung dieses relativ knappen Guts große Relevanz verlieh. Erst der Wechsel zum Zellstoff ermöglichte eine größere Produktion, die ab 1900 zu einem rasanten Anstieg des Papierkonsums führte. Die resultierende Steigerung des Papierabfalls machte Papier schnell zum signifikantesten Sekundärrohstoff: Bis zu sechs Mal können Papierfasern durch den Recyclingkreislauf geführt werden – nur Glas kann besser wiederverwertet werden. Es verwundert daher nicht, dass der größte Teil der Müllreduktion der vergangenen Jahrzehnte auf Papier-Recycling zurückgeht. Das bräunliche Umweltschutzpapier wurde deshalb schnell zu einem Symbol für die Umsetzbarkeit umweltbewussten Handelns.

 

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10. Herausforderungen der Wiederverwertung

Eine Kreislaufwirtschaft funktioniert am besten in überschaubaren Räumen, wo Prozesse identifiziert und isoliert werden können. Dabei ist die Effizienz von Recycling stoffspezifisch – allgemeine Aussagen können kaum getroffen werden: Bei gewissen Stoffen wie Blech, Glas, Getränkekartons und Papier sind die Verwertungsmöglichkeiten ausgereift, es gibt zahlreiche Abnehmerfirmen und die Verwertung ist kosteneffizient. Bei Kunststoffen, die in Privathaushalten einen erheblichen Anteil des Abfalls ausmachen, beträgt der verwertbare Anteil jedoch nur etwa 40 Prozent. Die übrigen 60 Prozent sind Leichtverpackungen, Kleinteile und sonstige Stoffe, die für ein Recycling ungeeignet sind, weil die Sortierung und Wiederverwertung kostenintensiv und bei minimalen Energieeinsparungen ineffizient ist. Diese 60 Prozent wandern unter anderem als Verbrennungsmaterial in die Hochöfen von Stahlwerken. Auch bei radioaktiven Abfällen, Chemikalien oder Schwermetallen gibt es bis dato nur unbefriedigende Ansätze im Recycling: Oft verursacht die Wiederverwertung dieser Stoffe zusätzliche Umweltbelastungen.
Während viele Bereiche des Recyclings durch technische Fortschritte bereichert wurden, können technische Neuerungen in der Massenproduktion Recycling auch erschweren: Durch Materialreduktionen in Folge von Produktionsoptimierungen sinken vielfach die Erträge der Recyclingbemühungen. Ein weiteres Problem ist, dass die Sekundärrohstoffe oft eine schlechtere Qualität haben (zum Beispiel bei Recyclingpapier) oder dass nach kurzer Zeit ein starker Materialverlust eintritt – wie beim Recycling von Aluminiumdosen. Man spricht in solchen Fällen vom "Downcycling", da Rohstoffe bei jedem Recyclingdurchlauf mehr an Qualität verlieren, bis sie irgendwann für den Kreislauf unbrauchbar werden.

 

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11. Die Grenzen des Recyclings

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz der Bundesrepublik, das die nachhaltige Schonung von Umwelt und Ressourcen zum Ziel hat, ruht auf drei Säulen: Vermeidung, Verwertung und Entsorgung/Behandlung. Die Produktion in der Bundesrepublik soll insgesamt recyclinggerechter und ressourcenschonender gestaltet werden. Dies soll über eine Reduktion der eingesetzten Werkstoffmengen, die Auswahl schadstoffarmer Rohstoffe, die Vermeidung von Beschichtungen und demontagefreundliche Konstruktionen erfolgen. Auch Qualität und Langlebigkeit der Produkte sowie ihre Reparierbarkeit sind zentrale Elemente dieses neuen Ansatzes. Nicht die Verwertung, sondern die Vermeidung von Abfall ist dabei das wichtigste Element des Abfallmanagements. Doch gerade die Vermeidung von Abfall lässt sich am schlechtesten regulieren: Hier müssen nicht nur Industrie und Handel, sondern auch die Konsumenten einen Mentalitätswandel weg von "neu ist besser" vollziehen.
Obwohl das Duale System im Bereich der Verwertung einen großen Fortschritt darstellt, verblasst die ressourcenfreundliche Wirkung von Recycling gegenüber dem stetig steigenden globalen Ressourcenhunger. Konservendosen haben heute zum Beispiel nur noch einen Bruchteil der Dicke, die sie vor 50 Jahren hatten – doch der Anstieg in der Produktion macht die resultierenden Rohstoffeinsparungen mehr als wett. Auch der Konsum dieser Produkte hat sich nicht maßgeblich verändert. Absoluter Naturverbrauch, Flächenverbrauch und Abfallvolumen steigen weiterhin; besonders wenn man den Blick auf die globale Ebene lenkt. Es scheint, als sei der in den 1950ern erwachte globale Ressourcenhunger einfach nicht zu stillen – und solange Ressourcen billiger sind als wiederverwertete Stoffe, ist auch keine Änderung in Sicht.

 

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12. Verbrennung statt Verwertung?

Die Undurchsichtigkeit der Abfallbetriebe und diverse Müllskandale führen immer wieder zu einer Verunsicherung der Bundesbürger, die sich oft nicht sicher sind, ob ihr mühsam getrennter Müll wiederverwertet oder einfach verbrannt wird. Tatsächlich liegen die von der Regierung festgesetzten Mindestrecyclingquoten niedriger als die anfallenden Müllmengen. Recyklierbarer Müll, der übrig bleibt, wird teilweise verbrannt oder deponiert – unter anderem, weil von Seiten der Industrie nicht genug Bedarf für die Rohstoffe besteht und die Müllwirtschaft mit einer unzureichenden Auslastung der Verbrennungsanlagen kämpft. Auch Fehlwürfe und eine Definition von Werkstoffen, die sich auf Verpackungen beschränkt, führen dazu, dass viele recyklierbare Stoffe im Restmüll landen – Quietscheenten und Salatschüsseln sind prominente Beispiele. Erhitzte Debatten toben auch über die Frage, ob die Verbrennung recyclingineffizienter Kunststoffe nicht sinnvoller und womöglich sogar umweltfreundlicher wäre als ihre Deponierung: Die thermische Behandlung unverwertbaren Abfalls kann gleichzeitig der Energiegewinnung dienen und wäre so gesehen Teil einer Kreislaufwirtschaft. Im Vergleich zur Deponierung, die mehr Methan freisetzt, machen Verbesserungen bei der Rauchgasfilterung die Müllverbrennung inzwischen sogar zu einem geringeren Umwelt- und Gesundheitsrisiko. Doch die Müllverbrennung ist nach den gängigen EU-Vorgaben keine Form von Wiederverwertung.

 

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 13. Das Ende der Klarheiten

Korruptions- und Müllskandale, Scheinverwertung, Müllexport und Ineffizienz haben zu einem Vertrauensverlust geführt: Es ist nicht mehr klar, wie Müll am besten getrennt oder verwertet werden soll. Das Thema Recycling ist zu einem undurchschaubaren Dickicht aus Expertenmeinungen, Wirtschaftsinteressen und Regelungen geworden, die es der Öffentlichkeit schwer machen, sich zu orientieren oder neue Ideen hervorzubringen.
Der Traum einer nahtlosen Kreislaufwirtschaft als Lösung für die Probleme der modernen Konsumgesellschaft hat sich inzwischen verflüchtigt – so leicht ist das "Spaceship Earth" nicht zu lenken. Die Kreislaufwirtschaft bleibt trotzdem eine wichtige Vision – aber auch eine, die durch Abfallvermeidung ergänzt werden muss. Dass selbst so genannte Wegwerfgüter für Überraschungen gut sind, zeigt das Beispiel die Einwegkamera: Der zu entwickelnde Film ist ein starker Anreiz für Benutzer, die Geräte zurück zu geben. Vom Fotoladen wandern die benutzten Kameras zurück an den Hersteller, wo sie mit einem neuen Film bestückt und weiter verkauft werden – ein Wegwerfprodukt, das eigentlich gar keines ist.

 

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Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Claudia Köpfer

 

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Empfohlene Zitierweise: Claudia Köpfer, Erinnerungsort "Mülltrennung", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/oekologische-zeiten/95-muelltrennung.