Vom Reformhaus zum Bioladen

Kapitelübersicht - Lebensweisen - Vom Reformhaus zum Bioladen

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Vom Reformhaus zum Bioladen    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Die Lebensreform der neuen Moderne – Wege und Irrwege der Forschung
  3. Konsumwandel, Ernährungsreform und Vegetarismus
  4. Von Reformhäusern zur Reformwarenwirtschaft
  5. Das Reformhaus im Nationalsozialismus
  6. Von biologisch-dynamischen Experimenten zu Biobauern
  7. Das Reformhaus – der "Bioladen avant la lettre"?
  8. Bioboom

Verwandte Themen

Sebastian Kneipp, Vegetarismus, Vollkornbrot, Biologisch-Dynamische Landwirtschaft, Obstbaukolonie Eden

 

Literatur

Baumgarner, Judith, Ernährungsreform, in  D. Kerbs u. J. Reulecke (Hg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal 1998.

 

Farkas, Reinhard, Alternative Landwirtschaft/Biologischer Landbau, in D. Kerbs u. J. Reulecke (Hg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal 1998, S. ???.

 

Fritzen, Florentine, Gesünder Leben. Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert (Frankfurter Historische Abhandlungen 45). Stuttgart 2006.

 

Krabbe, Wolfgang, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Göttingen 1974.

 

Radkau, Joachim, Die Verheißungen der Morgenfrühe. Die Lebensreform in der neuen Moderne, in Kai Buchholz u.a. (Hg.): Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Bd. 1. Darmstadt 2001, S. 55-60.

 

Ders., Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München 1998.

 

Rohkrämer, Thomas, Lebensreform als Reaktion auf den technisch-zivilisatorischen Prozeß, in Kai Buchholz u.a. (Hg.): Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Bd. 1. Darmstadt 2001, S. 71-73.

 

Fußnoten

[1] Vgl. dazu Welt-Online: http://www.welt.de/print-wams/ article605303/Oekowahn-und- die-praktischen-Folgen.html [20.05.2012].


[2] Florentine Fritzen, Gesünder Leben. Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert (Frankfurter Historische Abhandlungen 45). Stuttgart 2006, S.11.

 
[3] Vgl. Krabbe, Wolfgang, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Göttingen 1974.

 

[4] Joachim Radkau, Die Verheißungen der Morgenfrühe. Die Lebensreform in der neuen Moderne, in Kai Buchholz u.a. (Hrsg.): Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Bd. 1. Darmstadt 2001, S. 55-60, hier: S. 58.

 

[5] Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler,S. München 1998.

 

[6] Zitat aus: Radkau, Verheißungen, S. 59.

 

[7]Ebd., S. 58.

 

[8] In seinem Essay Mensch und Erde verurteilt Klages den vom Darvinismus propagierten "survival of the fittest".

 

[9] Radkau, Verheißungen, S. 56.

 

[10] Ebd, S. 59.

 

[11] Zum Verhältnis zwischen Lebensreform und Technisierung auch: Thomas Rohkrämer, Lebensreform als Reaktion auf den technisch-zivilisatorischen Prozeß, in Kai Buchholz u.a. (Hg.): Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Bd. 1. Darmstadt 2001, S. 71-73.

 

[12] Judith Baumgarner, Ernährungsreform, in Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke (Hg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933, S. 115-126, hier: S. 118.

 

[13] Baumgartner, Ernährungsreform, S. 119.

 

[14] Vgl. Fritzen, Gesünder Leben, S. 44..

 

[15] Vgl. Anzeigen, in Vegetarische Warte vom 8. Januar 1901, S. 24 und vom 23. Januar 1901, S. 48. Hier entnommen aus: Fritzen, Gesünder Leben, S. 44.

 

[16] Fritzen, Gesünder Leben, S. 51.

 

[17] Ebd., S. 60.

 

[18] Ebd., S. 61.

 

[19] Werner Altpeter, Was ist Lebensreform? Grundlegende Gedanken über sämtliche Gebiete der heutigen Lebensreform. Stuttgart 1939, S. 5. Hier zitiert nach: Fritzen, Gesünder Leben, S. 224.

 

[20] Freilich ging mit diesen Forderungen auch ein ökonomischer Nutzen einher, so kalkulierten die Nationalsozialisten, dass mit einem verringerten Fleisch-, Zucker- und Fettverbrauch auch finanzielle Einsparungen einhergingen.

 

[21] Neuform-VDR Fachblatt vom 18. November 1932, S. 217.

 

[22] Fritzen, Gesünder Leben, S. 220f.

 

[23] Neuform-VDR-Fachblatt vom 21. September 1935, S. 525f. Hier zitiert nach: Fritzen, Gesünder Leben, S. 223.

 

[24] Reinhard Farkas, Alternative Landwirtschaft/Biologischer Landbau, in Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke (Hg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933, S. 301-317, hier: S. 302.

 

[25] Ebd., S. 310.

 

[26] http://www.gfk.com/imperia/ md/content/presse/pd_bio- lebensmittel_2008_dfin.pdf [Stand: 09.06.2012].

 

[27] Mehr dazu unter: http://www.bio-siegel.de/ [Stand: 22.05.2012].

 

Bildnachweis

Foto: Ein VW-Bus von Rapunzel Naturkost auf Werbetour in Tübingen 2005.

Die einen nennen es "Bioboom", die anderen "Ökowahn"[1]: Fakt ist, dass seit Jahren das Interesse an alternativer Energie, ökologischem Anbau, Bio-Siegeln und "Fairtrade" wächst. War der Bioladen in den 80er Jahren noch als eine Nische der "Müslis" verschrien, so sind Bioprodukte aus unserer heutigen Konsumlandschaft kaum mehr wegzudenken. Selbst Discounter nehmen Produkte mit dem berühmten Bio-Siegel in ihr Sortiment auf. "Bio" ist offenkundig zu einem festen Bestandteil, ja einem identitätsstiftenden Merkmal eines modernen, umweltbewussten Lebens geworden.
Stehen der Bioladen und das Reformhaus aus heutiger Sicht für ein umweltbewusstes Leben, so fußen ihre Wurzeln in einem sich wandelnden Körperbewusstsein – der Lebensreformbewegung.
Der gesunde Körper avanciert um 1900 zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen geistigen Bewegung: Kleidungsreformer propagierten den freien, ungebundenen Körper, Naturheilkundler richteten sich gegen die traditionelle Medizin, die Gartenstadt-Bewegung versuchte die Stadt mit der Natur zu versöhnen, Abstinenz-Vereine kämpften gegen Alkohol- und Drogenkonsum und Reformhäuser warben mit einer naturgemäßen Ernährung. Die aus der Lebensreform geborenen Reformhäuser – zunächst völlig marginalisiert – begannen sich allmählich zu vernetzen und erlangten schlussendlich eine wirtschaftliche Größe: die Reformwarenwirtschaft entstand.

 

 

1. Vorgeschichte

Die "Geburt" des Reformhauses lässt sich nur schwer auf ein bestimmtes Ereignis zurückführen. So war es die Stoßrichtung verschiedener lebensreformerischer Bewegungen, die das Bewusstsein gegenüber dem eigenen Körper und der Ernährung transformierte. Erscheint die Lebensreform angesichts ihrer heterogenen Strömungen zunächst als ein "sperriges und unüberschaubares Gebilde"[2], so lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten erkennen. Alle Strömungen stellten den gesunden Körper und das gesunde Leben in den Mittelpunkt ihres reformerischen Interesses. Hiervon ausgehend sollte auch der "Volkskörper" gesunden. In besonderer Weise wurde das Reformhaus und die spätere Reformwarenwirtschaft durch den Vegetarismus [Link: Vegetarismus] und die Naturheilkunde beeinflusst. Der Vegetarismus in Deutschland entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts und orientierte sich zunächst stark an englischen Vegetariervereinigungen wie der "Vegetarian Society" in London. 1892 schließlich wurde der "Deutsche Vegetarier-Bund" als Dachverband gegründet. Vegetarier und Naturheilkundler begannen sich vor dem Ersten Weltkrieg untereinander zu vernetzen – der "Deutsche Bund der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise" wurde 1900 ins Leben gerufen. Die zunehmende Institutionalisierung und Vernetzung dieser Bewegungen festigten lebensreformerische Diskurse über ein "naturgemäßes Leben" und einen "gesunden Körper". Auf diese Entwicklungen folgte ein Echo aus Reihen der Ladeninhaber, die Reformnahrung und -kleidung anboten. Auch sie stellten vor dem Ersten Weltkrieg erste Vernetzungsversuche an; Reformwarenunternehmen folgten schon bald. Passend spricht Wolfgang Krabbe von der "Kommerzialisierung einer Weltanschauung".[3]

 

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2. Die Lebensreform der neuen Moderne – Wege und Irrwege der Forschung

Eine Reform setzt immer ein Übel, einen kollektiv empfundenen Missstand voraus. Doch was war jenes Über, aus dem sich die Lebensreform in all ihren Ausprägungen speiste? Joachim Radkau glaubt, das eine zentrale Leidenserfahrung aller Lebensreformer auf das "nervöse Zeitalter" zurückzuführen sei.[4] Kaum ein anderer Diskurs beherrscht die Zeit um 1900 so sehr wie der um die Nerven.[5] Nicht ohne Grund ermahnt Kaiser Wilhelm II seine Marinekameraden 1910: "Der nächste Krieg und die nächste Seeschlacht fordern gesunde Nerven von ihnen. Durch Nerven wird entschieden."[6] Die allgemeine Nervosität der Deutschen, die als "bedrohliche Epidemie" empfunden wurde, wurde zum Katalysator neuer Naturheilverfahren, Ernährungsreformen und Körperkulturen. Betrachtet man gegenwärtige Tendenzen stresssymptomatischer Krankheiten wie "Burn Out", so erscheint uns die Leidenserfahrung um 1900 als eine außerordentlich moderne.[7] So eingängig die Lebensreform von Historikern untersucht wurde, so sehr haben sich spezifische Deutungsmuster in diese Bewegung eingeschrieben, die einer kritischen Reflexion bedürfen: Häufig wurde auf der Basis der "Kontinuitätslinie Lebensreform – Nationalsozialismus" argumentiert. Deutungen, die den Natur- und Körperkult um 1900 jedoch als Wegbereiter des nationalsozialistischen Sozialdarwinismus' erachten, verkennen, dass Lebensphilosophen wie Ludwig Klages den Darwinismus als "Irrlehre" verurteilten[8], und auch populärdarwinistische Schriftsteller wie Wilhelm Bölsche nicht den Kampf, sondern die Liebe und Sexualität in der Natur betonten.[9] Darüber hinaus gilt es die dichotomisierende Frontstellung zwischen Lebensreformern und der wilhelminischen Gesellschaft zu hinterfragen: War das Kaiserreich grundsätzlich ablehnend der Lebensreform gegenüber eingestellt? Joachim Radkau findet darauf eine klare Antwort: "In Wahrheit gehörten Lebensreform und Wilhelminismus innerlich zusammen – es hat seine Bedeutung, wenn der Monte Verità in den 20er-Jahren von dem Bankier des gestürzten Kaisers aufgekauft wird und wenn dieser die Tradition in gewissen Sinne fortsetzt. Die Auseinandersetzung mit der Zeitkrankheit Nervosität war ein Leitmotiv nicht nur der Reformer, sondern der wilhelminischen Kultur insgesamt."[10]

 

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3. Konsumwandel, Ernährungsreform und Vegetarismus

"Der Mensch ist, was er isst" – diese Erkenntnis lässt sich bereits in den Schriften des Hippokrates (460-377 v. Chr.) wiederfinden. Dass eine natürliche, gesunde Ernährung vor allem im 19. Jahrhundert im Zentrum lebensreformerischer Gruppen stand, kann nur vor dem sozioökonomischen Hintergrund des 19. Jahrhunderts verstanden werden. Agrarrevolution, Technisierung und die gesamte Industrialisierung des Lebensmittelsektors hinterließen auch ihre Spuren im Konsumverhalten der Menschen.[11] Das Nahrungsgefüge verschob sich von einer kohlehydrat- und ballaststoffreichen, hin zu einer fett- und eiweißreichen und damit ballaststoffarmen Ernährung; hinzu kamen chemische Zusätze zur Konservierung und Bearbeitung der Lebensmittel. Dieser tiefgreifende Konsumwandel provozierte Ernährungsreformer, die das neue Nahrungsangebot als Ursache für eine Fehl- und Mangelernährung sahen und gleichsam eine natürliche und gesunde Lebensweise postulierten. Die zentralen Forderungen der Ernährungsreformer lassen sich laut Judith Baumgartner mit drei Schwerpunkten zusammenfassen: Erstens Einschränkung des Fleischkonsums, zweitens Konsum möglichst frischer, unbearbeiteter Lebensmittel und drittens die Verwendung von Vollkornprodukten.[12] Freilich riefen die ernährungsreformerischen Bestrebungen auch Kritiker hervor, insbesondere Vertreter der wissenschaftlichen Ernährungslehre wie Carl Voit (1831-1908) oder Max Pettenkofer (1818-1901), deren Theorie postulierte, dem Körper möglichst viel Eiweiß zuzuführen. Die "Pioniere der Ernährungsreform"[13] hätten heterogener nicht sein können: Der Psychologe Carl Gustav Carus (1789-1869) führte in seinem Werk "Lebenskunst" die Zivilisationskrankheiten auf die umgreifende Mangelernährung zurück; der Apotheker Theodor Hahn (1824-1848) war Gründer der Naturheilanstalt "Obere Waid", die eine rein vegetarische Kost propagierte; der Diätlehrer und Naturheilkundler Gustav Schlickeysen (1843-1893) wies den Menschen in seinem ersten Buch "Obst und Brod" als reinen "Fruchtfresser" aus; der Ernährungswissenschaftler Maximilian Oskar Bircher-Brenner (1867-1939) begründete eine eigene Ernährungslehre, die als "Lichtlehre" oder auch "Sonnenlichttherapie" bekannt wurde. Die Ernährungsreform trieb also weite Früchte. Nicht selten gingen die Forderungen der Ernährungsreformer Hand in Hand mit denen des Vegetarismus, der Naturheilkunde und der Abstinenzler.

 

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4. Von Reformhäusern zur Reformwarenwirtschaft

Die Geschichte des Reformhauses ist aufs engste mit seiner Ware, der Reformnahrung, verbunden. Darin liegt jedoch genau das Problem: Was genau eine Reformware sei, war um 1900 nicht genau festgelegt. Es habe bloß – so Florentine Fritzen – eine ungefähre Vorstellung von Natürlichkeit, das heißt von einer möglichst geringen Verarbeitung des Rohmaterials gegeben.[14] Dennoch geben verschiedene zeitgenössische Fachzeitschriften Hinweise auf den Ursprung der Reformhäuser. Die Vegetarische Rundschau vom Oktober 1887 wirbt mit den Waren des "Kauf- und Versandhauses Carl Braun", das im selben Jahr am Kottbusser Damm in Berlin gegründet wurde. Zu seinem Sortiment zählten Wickel und Wolldecken, gesundheitliche Kleidung, Sandalen, Reformbetten, Schrotmühlen sowie naturheilkundliche und vegetarische Literatur.[15]
Obschon der Erste Weltkrieg eine bedeutende Zäsur für die ersten Reformgeschäfte bedeutete, war bereits Ende der 20er Jahre in beinahe jeder größeren deutschen Stadt ein Reformhaus vorzufinden. Darüber hinaus schlossen sich viele Drogerie-, Lebensmittel-, oder Konfitüregeschäfte an,  Reformwaren in ihr Sortiment aufzunehmen. Anlässlich einer Reformausstellung Anfang Oktober 1925 schlossen sich in Frankfurt am Main insgesamt 51 Reformer zur "Vereinigung Deutscher Reformhausbesitzer" (VDR) mit Sitz in Köln zusammen.[16] Hinzu trat 1929 der Hersteller-Verband "Neuform, eingetragener Verein lebensreformerischer Unternehmen" aus Oranienburg-Eden. Beide Verbände fusionierten im Juli 1930 zu einer Einheitsgenossenschaft, der "Neuform Vereinigung deutscher Reformunternehmen" (kurz: Neuform-VDR). Trotz Konflikte mit Herstellern und Reformhausinhabern und finanziellen Nöten nach der Weltwirtschaftskrise erlangte Neuform-VDR eine Monopolstellung im Bereich der Reformwarenbranche; die Genossenschaft – so Florentine Fritzen – ernannte sich selbst zur "Wächterin über den Reformwarenmarkt und zur einheitlichen Vertreterin der Belange der Lebensreform".[17] Vor dem Hintergrund der "Neuform" zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Von nun an sollte es nicht mehr um ein "Zusammenwirken aller Kräfte der Lebensreform" gehen, sondern darum, das Profil des Reformwarensektors zugunsten des ökonomischen und ideologischen Erfolgs zu schärfen.[18] Reformhäuser hatten sich zu einer regelrechten Reformwarenwirtschaft transformiert.

 

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5. Das Reformhaus im Nationalsozialismus

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb der Schriftsteller Werner Altpeter über den Sinn und Zweck der Lebensreform: "Alle Lebensreform hat im nationalsozialistischen Staat den Zweck, die Volksgesundheit und damit Wehrfähigkeit, Gebärfähigkeit und Leistungsfähigkeit zu steigern."[19]  Vor diesem ideologischen Hintergrund sollte das Reformhaus im Dienst des „deutschen Volkskörpers" stehen, den es zu erhalten und zu kräftigen galt. Doch nicht nur kurz vor Kriegsausbruch, bereits im Jahr 1933 lässt sich eine erstaunliche Wechselwirkung zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und der Reformwarenbranche erkennen: Inhaltliche Forderungen der Ernährungsreformbewegung ließen sich gut mit beliebten Topoi der nationalsozialistischen Rhetorik vereinen. So sollten Lebensmittel möglichst fettarm und ballaststoffreich sein und auch Genussmittel galt es zu meiden, wie es Reichsorganisationsleiter Robert Ley Anfang 1939 in seinem Ausruf "Kampf gegen die Genußgifte" auf den Punkt brachte.[20] Darüber hinaus betonte die Genossenschaft Neuform-VDR in ihren Fachblättern verstärkt den Verkauf "deutscher Früchte" in Reformhäusern und lobte das Roggenvollkornbrot als "deutsches Produkt".[21] Und auch die Beiträge in den Kundenzeitschriften des Neuform-VDR wurden zuweilen deutlich vom Sozialdarwinismus der Nationalsozialisten angeregt. Im Juli 1934 schrieb Werner Altpeter in der Neuform-Rundschau einen Artikel über "Die Nase als Charaktermerkmal", der durch eine Grafik mit verschiedenen nationalen Nasentypen ergänzt wurde.
Die Integration des Reformhauses in das Dritte Reich forderte im Umkehrschluss eine Reihe von tiefgreifenden Zugeständnissen: Die Reformbewegung musste von nun an die eigenen inhaltlichen Schwerpunkte alleinig auf das reduzieren, was den "Körper und seine Kräftigung" betraf. In den Texten der Reformwarenbranche verschwand nach 1933 alles "Überschießende, Schwärmerische, oft auch verflacht Philosophische". Stattdessen übernahmen die reformerischen Fachblätter den pseudo-wissenschaftlichen und ideologisch durchtränkten Gesundheits- und Ernährungsdiskurs der Nationalsozialisten.[22]
Im Bereich der Reformwaren leistete die Reformbewegung zuweilen Widerstand, war es doch Teil der lebensreformerischen Tradition, dass die Produkte zumeist aus fremdsprachlichen Komponenten zusammengesetzt waren, als Beispiele seien "Frugella", "KiKaKana", "Vitanova" oder "Kalobion"zu nennen. Solche Produktnamen sorgten für Konfliktpotential, schließlich nahm der Nationalsozialismus eine radikal sprachpuristische Position ein. Die Genossenschaft verteidigte ihre Produktnamen, indem man betonte, man müsse "seine Zuflucht nehmen zu fremden Bezeichnungen oder Kunstwörtern. Denn nicht immer läßt sich mit den Firmennamen allein [...] eine genügend schützbare Bezeichnung schaffen".[23] Insgesamt zeigte die Reformwarenbranche während des Nationalsozialismus ein großes Bestreben nach Anpassung. Die Anpassung forderte jedoch zuweilen einen tiefen Bruch mit der lebensreformerischen Tradition.

 

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6. Von biologisch-dynamischen Experimenten zu Biobauern

Nimmt man die Genese des Reformhauses in den Blick, so muss man auch die alternative Landwirtschaft berücksichtigen. So konstatiert Reinhard Farkas eine "herausragende Wechselbeziehung" der alternativen Landwirtschaft zur "Infrastruktur der Gesundheits- und Ernährungsreform." Die Reformhäuser bildeten in diesem Zusammenhang "wichtige Absatzstellen".[24]
Doch worin fußen die Anfänge der alternativen Landwirtschaft? Die in Deutschland einflussreichsten Spielarten der alternativen Landwirtschaft waren der biologisch-dynamische  sowie der organisch-biologische Landbau. Mit dem im Juni 1924 in Koberwitz abgehaltenen Landwirtschaftlichen Kurs legte Rudolf Steiner (1861.-1925) die ideologischen Grundlagen der biologisch-dynamischen Richtung. [Link: Biologisch-dynamische Landwirtschaft] In den 1960er Jahren entwickelten Hans Müller und der Mikrobiologe Hans Peter Rusch den organisch-biologischen Landbau ("Modell Müller-Rusch"), welcher durch die "Freie Landbauschule" auf dem Möschberg (Schweiz) bekannt wurde. Zentral für diese christlich fundierte Form der alternativen Landwirtschaft war der Verzicht auf Pestizide und die Betonung von lebendigen Kreisläufen. In den 80er Jahren emanzipierte sich der biologische Landbau zu einem "zukunftsträchtigen Produktionsfaktor": 1981 wurde in Kassel-Witzenhausen ein Lehrstuhl für ökologischen Landbau eingerichtet; die Produkte des biologischen Landbaus wurden in den Lebensmittelkodices anerkannt und Vereinigungen – darunter der "Ernteverband" sowie "Bioland-Verband Deutschland" – begannen sich zu vernetzten und zu bündeln.[25] Nicht zuletzt begünstigte die kontroverse Debatte jener Jahre um Nitratbelastung des Wassers und Erosion innerhalb der konventionellen Landwirtschaft ein gesteigertes Interesse an alternativen Anbauformen. Allmählich öffneten sich auch konventionelle Landwirte gegenüber alternativen Methoden.

 

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7. Das Reformhaus – der "Bioladen avant la lettre"?

Bioladen und Reformhaus werden im Alltag beinah synonym verwendet, verkaufen sie doch Produkte, die sich von der konventionellen Lebensmittel- und Konsumindustrie unterscheiden. Doch allein die Begriffsgeschichte verrät, dass beide auf unterschiedlichen historischen Prozessen fußen: Im beginnenden 20. Jahrhundert, der Zeit, in der die ersten Reformhäuser entstanden, hat niemand von "biologischem Anbau" – geschweige denn von "Bioprodukten" – gesprochen. Der Bioladen, so wie wir ihn heute kennen, ist ein Produkt der jüngsten Zeitgeschichte; das Reformhaus hingegen wurde aus der Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende geboren. Demnach wäre es auch verkürzt, das Reformhaus als den Bioladen avant la lettre zu definieren. Die Produkte des Reformhauses tragen noch immer lebensreformerische Spuren. So orientieren sie sich vor allem an ernährungsphysiologischen Kriterien, an einer möglichst "natürlichen" Herstellung, die frei von "künstlichen" Stoffen ist. Dass die Produkte des Reformhauses ein Biosiegel tragen, ist im Gegensatz zum Biomarkt nicht unbedingt notwendig.
Der Biomarkt hingegen entstand in den 60er und 70er Jahren aus dem Naturkostfachhandel. War das gemischte Müsli zunächst eines der zentralen Produkte, die sich vor allem an eine begrenzte Schar von Konsumenten richteten, begannen sich die Bioläden in den 80er und 90er Jahren zu professionalisieren. Erste Anstöße waren bundesweite Interessenverbände wie der "Bundesverband Naturkost Naturwaren" und schließlich die 1991 eingeführte EG-Verordnung zum ökologischen Landbau, wodurch eine allgemeine Kontrollrichtlinie für ökologischen Anbau geschaffen wurde.

 

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8. Bioboom

Der Gang durch die deutschen Supermärkte – egal ob Bioladen oder Discounter – lässt keinen  Zweifel daran, dass "Bio" eindeutig im Trend liegt. Und auch die Lebensmittelindustrie, Werbebranche und Gastronomie setzt auf die suggestive Kraft von "Bio" und "Öko". Obwohl die Organisation "foodwatch" den Bioboom als eine "Mär" bezeichnet – lag doch der Marktanteil der Bioprodukte an der Lebensmittelproduktion im Jahr 2006 gerade mal bei 4 Prozent – so kann man dennoch ein gesteigertes Interesse an biologisch erzeugten Produkten in unserer Gesellschaft erkennen. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsum-Forschung (GKF) sollen im Jahr 2007 rund 90 Prozent aller deutschen Haushalte mindestens ein Bio-Produkt gekauft haben.[26] Dass "Bio" mehr als eine bloße Worthülse bleibt, soll durch die Biosiegel der Europäischen Union sichergestellt werden. Das seit dem 01. Juli 2010 neu eingeführte EU-Bio-Siegel[27] weist zwar die gleichen inhaltlichen Kriterien auf wie das alte, ist jedoch für alle verpackten Bioprodukte, die innerhalb der EU hergestellt wurden, verpflichtend. Es soll zertifizieren, dass das jeweilige Produkt gemäß der EU-Öko-Verordnung hergestellt wurde. Neben diesem allgemeinen EU-Siegel, werden Bioprodukte auch durch nationale Logos oder private Siegel – u.a. Demeter oder Bioland – gekennzeichnet, die  ihrerseits z.T. weitaus strengere Produktionskriterien aufweisen. Dennoch: Ist "Bioboom" der Weisheit letzter Schluss? – Nein! Würden kritische Stimmen sagen. Warum soll ich in Plastik verpackte Biotomaten aus Spanien kaufen, wenn ich genauso gut in den Gemüseladen meines Vertrauens gehen kann? Diese berechtigte Frage stellen sich viele – insbesondere globalisierungskritische – Konsumenten. Einen Ausweg aus diesem Problem bietet der sich abzeichnende Konsumtrend hin zu lokal erzeugten Lebensmitteln, die vielleicht nicht genau den Kriterien der EU-Öko-Verordnung entsprechen, jedoch unmittelbar aus der Umgebung stammen. Dass in Zeiten der Globalisierung die Lebensmittel-Frage nicht nur eine der "korrekten" Produktion ist, wird immer deutlicher.

 

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Empfohlene Zitierweise: Christoffer Leber, Erinnerungsort "Vom Reformhaus zum Bioladen", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verehrte-natur/68-vom-reformhaus-zum-bioladen.