Sebastian Kneipp

Kapitelübersicht - Verehrte Natur - Sebastian Kneipp

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Sebastian Kneipp    

Sebastian Kneipp

 

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Der Landwirt
  3. Kneipp als Empiriker
  4. Der Autor
  5. Wörishofen wird modernisiert
  6. Ein Kurort entsteht
  7. Kneipp spricht
  8. Werbung
  9. Verkörperung der Wirkungskraft
  10. Die Marke Kneipp
  11. Ein Naturheiler?
  12. Ein Naturheiler!
  13. Kurpfuscher oder Wasserdoktor?
  14. Kneipp in der Schulmedizin
  15. Kneipp als Lebensreformer
  16. Kneipp als Mann der Kirche
  17. Kneipp als wandlungsfähiger Bezugspunkt

 

Verwandte Themen

Badeort, Trimm-Dich-Pfad, Reiseweltmeister, Vollkornbrot, Vegetarismus, Obstbaukolonie Eden, FKK, Reformhaus, Heimat

 

Literatur

Eberhard Schomburg, Sebastian Kneipp 1821-1897. Die Lebensgeschichte eines außergewöhnlichen Mannes. Bad Wörishofen 1985.

 

Harald Klofat, Idee, Überzeugung und Lehre. Sebastian Kneipp – die Wörishofer Jahre. Altusried 2009.

 

Ludwig Burghardt, Helfer der Menschheit Sebastian Kneipp. Eine Dokumentation nach historischen Quellen. Bad Wörishofen 1988.

 

Reinhard H. Seitz (Hg.), Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt. Lindenberg 2004.

 

Fußnoten

[1] http://www.welt.de/die-welt/ vermischtes/hamburg/article5228343/ Kneipp-Rekord-an-der-Ostsee -1322-Wassertreter-holen -sich-kalte-Fuesse.html vom 16.11.09 [13.07.2010].


[2] Staatsarchiv Augsburg Grundsteuer Kataster-Umschreibeheft, Rentamtsbez. Türkheim, Steuergem. Wörishofen, Hs. Nr. 106-113.

 
[3] Ludwig Burghardt, Helfer der Menschheit Sebastian Kneipp. Eine Dokumentation nach historischen Quellen. Bad Wörishofen 1988, S. 20f.

 

[4] August Filser, Leben und Streben in Wörishofen, in: Reinhard H. Seitz (Hg.), Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt. Lindenberg 2004, S. 15-50; S. 22.

 

[5] Zitiert nach Eberhard Schomburg, Sebastian Kneipp 1821-1897. Die Lebensgeschichte eines außergewöhnlichen Mannes. Bad Wörishofen 1985, S. 58.

 

[6] Sebastian Kneipp, So sollt ihr leben! Winke und Rathschläge für Gesunde und Kranke zu einer einfachen, vernünftigen Lebensweise und einer naturgemäßen Heilmethode. Kempten 1889, S. V.

 

[7] Burghardt, Helfer, S. 131; Hasso Spode, Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" – ein Volk auf Reisen? in: Ders. (Hg.), Zur Sonne, zur Freiheit! Beiträge zur Tourismusgeschichte. Berlin 1991, S. 79-94; S. 85.

 

[8] Alfred Baumgarten, Sebastian Kneipp, 1821-1897. Biographische Studie. Berlin 1898, S. 38.

 

[9] Harald Klofat, Idee, Überzeugung und Lehre. Sebastian Kneipp – die Wörishofer Jahre. Altusried 2009, S. 69f.

 

[10] Burghardt, Helfer, S. 34.

 

[11] Schomburg, Sebastian Kneipp, S. 122.

 

[12] Zitiert nach Burghardt, Helfer, S. 35.

 

[13] Zitiert nach J. Okič, Sieben Jahre in Wörishofen. Wörishofen 1898, S. 42.

 

[14] Archiv des Kneipp Museums D 65; Todesursache von Pfarrer Sebastian Kneipp ausgestellt von Herrn Dr. Noder, Königlicher Bezirksarzt Wörishofen, Kopie des Originals vom 18.06.1897.

 

[15] Burghardt, Helfer, S. 53.

 

[16] Die Kneipp-Werke beteiligten Kneipp mit 3 % des Umsatzes. Vgl. Max Bonifaz Reile, Erinnerungen an Kneipp. Regensburg 1942, S. 12f. Auch Kathreiner Malzkaffee verpflichtete sich einen Teil des Gewinns an Kneipps Wohlfahrtseinrichtungen abzuführen. Vgl. Alfred Baumgarten, Ein Fortschritt des Wasser-Heilverfahrens. Untersuchung und Kritik der Systeme Priessnitz und Kneipp. Wörishofen 1901, S. 180.

 

[17] http://www.kneipp.de/de/ ueber_uns/ geschichte_meilensteine.html [29.05.2010].

 

[18] Geschäftsbericht 2009 der Hartmann Gruppe. Heidenheim 2010, S. 2f.

 

[19] Adolf Brougier, Die Entstehung des Kneipp-Malzkaffees, in: Die Kneipp-Kur. Wörishofer Blätter für Volksgesundheitspflege. Organ der Kneippvereine Nr. 13 (1913), S. 167-174; S. 171.

 

[20] Zum Beispiel Hans Ripper, Zur Steuer der Wahrheit. Offenes Sendschreiben an den hochwürdigsten Herrn Pfarrer Seb. Kneipp in Wörishofen (Zum 4. October 1893), 47. Aufl., o.O. 1893.

 

[21] Philo vom Walde, Vinzenz Prießnitz – Sein Leben und sein Wirken. Zur Gedenkfeier seines hundertsten Geburtstages. Berlin o.J., S. 137.

 

[22] Friedrich Frey, Das Prießnitz'sche Heilverfahren und Pfarrer Kneipp. Berlin 1896, S. 54.

 

[23] Christian Fey, Die Kneipplehre. Ihre Entwicklung und ihr Ausbau nach den Erkenntnissen unserer Zeit. München 1939, S. 13.

 

[24] Simon Baruch, Das Wasser in der ärztlichen Praxis. Stuttgart 1896, S. 17.

 

[25] Vgl. Wörishofener Kur- und Bade-Blatt mit amtlicher Fremdenliste. Amtliches Publikations-Organ der Gemeinde Wörishofen Nr. 5 (1899), S. 2.

 

[26] Zitiert nach Achim Wölfing, Entstehung und Bedeutung des Begriffes Schulmedizin. Die Auseinandersetzungen zwischen der naturwissenschaftlichen Medizin und Vertretern anderer Heilmethoden im 19. und 20. Jahrhundert. Freiburg i. Br. 1974, S. 118.

 

[27] Albert Schalle, Es dämmert, in: Kneipp-Blätter. Monatsschrift für Volksgesundheitspflege, für Kneipp'sche Heil- und Lebensweise Nr. 33 (1923), S. 50f.; S. 50.

 

[28] Uwe Heyll, Wasser, Fasten, Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. Frankfurt a. M. 2006, S. 225.

 

[29] Sebastian Kneipp, Meine Wasserkur. Wörishofen 1888, S. 10.

 

[30] H. Westreicher, Ueber Modetorheiten und Genußsucht (Schluß), in: Die Kneipp-Kur. Wörishofener Blätter für Volksgesundheitspflege. Organ des Kneipp-Bundes (Verband der Kneippvereine Deutschlands, Österreich u.d. Schweiz) Nr. 2 (1914), S. 39f.; S. 39.

 

[31] H. Moeser, Was bedeutet Sebastian Kneipp für die Gegenwart und Zukunft unseres Volkes? in: Die Kneipp-Kur. Wörishofener Blätter für Volksgesundheitspflege. Organ des Kneipp-Bundes (Verband der Kneippvereine Deutschlands, Österreich u.d. Schweiz) Nr. 5/6 (1921), S. 38-43; S. 39.

  

[32] Sebastian Kneipp, Zur Einführung, in: Kneipp Blätter Nr. 1 (1891), S. 1-3; S. 2.

  

[33] Schomburg, Sebastian Kneipp, S. 6.

  

[34] Trotz seiner großen Spendenbereitschaft konnte Kneipp ein beträchtliches Privatvermögen erwirtschaften. In seinem Testament berücksichtigte er seine zehn Neffen und Nichten mit je 3000 Mark. Archiv des Kneipp Museums D 110 a; Abschrift aus dem Testament von Prof. Matthias Merkle vom 19.04.1895.

  

[35] Z.B. Schomburg, Sebastian Kneipp, S. 86; Burghardt, Helfer, S. 49.

  

[36] Klofat, Idee, S. 17.

  

[37] Zitiert nach Karl Pörnbacher, Sebastian Kneipp (17. Mai 1821 – 17. Juni 1897) – ein Lebensbild, in: Reinhard H. Seitz (Hg.), Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt. Lindenberg 2004, S. 77-92; S. 86.

  

[38] Ordinariatsarchiv Augsburg Amtsblatt für die Diözese Augsburg Nr. 6, Erlass gegen Ausübung der Heilkunde durch Kleriker vom 10.05.1898.

  

[39] Josef Leute, Das Sexualproblem und die katholische Kirche, Frankfurt a. M. 1908, S. 312; Staatsarchiv Augsburg, BA Mindelheim, Nr. 1648.

 

Bildnachweis

Das grosse Kneippbuch von 1915.

"Kneipp-Rekord an der Ostsee: 1322 Wassertreter holen sich kalte Füße"[1], titelte DIE WELT am 16. November 2009 und vermeldete damit einen neuen Guinness-Weltrekord. Der Ort des Ereignisses irritiert: Nicht etwa Bad Wörishofen, das mit dem Namen Sebastian Kneipp unweigerlich verbunden ist, sondern das davon 1000 km entfernte Ostseebad Heringsdorf auf der Insel Usedom wurde als Austragungsstätte gewählt. Neben der Örtlichkeit des Ereignisses werden weitere Fragen aufgeworfen: Warum wurde ein schwäbischer Priester aus dem 19. Jahrhundert zum Anlass für einen Weltrekordversuch genommen? Welche kollektive Assoziation führte dazu, dass sich über 1000 Menschen zusammenfanden und im November gemeinsam zwei Minuten lang in der sieben Grad kalten Ostsee ausharrten, und wie erklärt sich generell der Umstand, dass der Name Kneipp völlig selbsterklärend eine so große Anziehungskraft besitzt? Eines macht das Ereignis aber bereits klar: Sebastian Kneipp besitzt als Kristallisationspunkt kollektiver Erinnerung einen festen Platz in der deutschen ökologischen Gedächtnislandschaft.

 

 

1. Vorgeschichte

Sebastian Kneipp wurde am 17. Mai 1821 in Stephansried im Unterallgäu als viertes Kind eines Landwebers geboren. Da er früh selbst am Webstuhl sitzen musste, endete sein regulärer Schulbesuch bereits mit zwölf Jahren. Sein Ziel Geistlicher zu werden, konnte er letztlich aber durch die Unterstützung eines verwandten Kaplans verwirklichen. Dr. Matthias Merkle bereitete ihn auf den Besuch des Dillinger Gymnasiums vor, das im Herbst 1844 den 23-jährigen Kneipp aufnahm. Sein bereits angeschlagener Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend im Verlauf seines Theologiestudiums 1848-1852 in Dillingen und München. Während eines Besuchs der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München 1849 stieß er jedoch auf das Buch von Johann Sigmund Hahn "Unterricht von der Kraft und Wirkung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen". Hierdurch angeregt gelang es ihm, eigenen Angaben zufolge, sich mithilfe regelmäßiger Bäder in der Donau selbst zu kurieren. Diese Selbstheilung bildete den Ausgangpunkt seiner Krankenbehandlung – zunächst von Kommilitonen, dann von Gemeindemitgliedern und später von tausenden Kurgästen. Am 5. August 1852 empfing er schließlich im Dom zu Augsburg von Bischof Peter von Richarz seine Diakonats- und am 6. August 1852 die Priesterweihe. Dem folgte am 24. August 1852 die Primiz in Ottobeuren. Bevor er im April 1855 zum Beichtvater der Dominikanerinnen in Wörishofen berufen wurde, war er in Biberach, Boos und Augsburg tätig.
Am 17. Juni 1897 starb Sebastian Kneipp im Alter von 76 Jahren in Wörishofen. Wie berühmt Kneipp durch sein Wirken geworden war, zeigt die enorme Zahl der Trauergäste, die sich zu seiner Beisetzung nach Wörishofen eingefunden hatten.

 

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2. Der Landwirt

Seine ersten Jahre in Wörishofen waren vor allem von der Arbeit in der klösterlichen Wirtschaftsführung geprägt, was sich auch in der Thematik seiner frühen Publikationen widerspiegelt (z.B. "Fritz, der fleißige Landwirt"). Durch den Einsatz von Entwässerungsverfahren, der Einführung neuen Saatguts und Versuchen mit künstlichen Düngemitteln gelang es ihm, die Klosterwirtschaft gewinnbringend auszubauen. Der Erfolg seiner Wirtschaftsführung zeigt sich in der Vergrößerung des klösterlichen Grundbesitzes von 1860 bis 1897 um 43,57 ha.[2] Auch in der Viehhaltung verzeichnete er beträchtliche Erfolge, indem er neue Rinderrassen zur Zucht einsetzte und die Stallungen ausbaute. Aufgrund seiner besonderen Verdienste in der Bienenzucht avancierte er zum "schwäbischen Bienenvater"[3]. Neben dem Kloster profitierten auch die ortsansässigen Bauern von Kneipps Aktivitäten. Bernhard Scharpf, der Bürgermeister Wörishofens von 1870-1881, stellte Berechnungen an, aus denen hervorgeht, dass durch Kneipps Ratschläge der Ertragswert der Äcker und Wiesen in zwei Jahrzehnten um 15-20 % gesteigert werden konnte.[4]
Den Grund für die Interessenverlagerung zugunsten der Landwirtschaft sah sein späterer Biograph und Wegbegleiter Alfred Baumgarten in Kneipps Bestreben, den Verdacht einer gewinnsuchtorientierten Krankenbehandlung abzuwenden. Allerdings seien es Baumgarten zufolge gerade "die stillen Jahre von 1855-1880" gewesen, in denen Kneipp seine Methode entwickelte, prüfte und verbesserte.[5]

 

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3. Kneipp als Empiriker

Gleichwohl behandelte er während dieser Zeit weiterhin Klosterfrauen und Bedienstete in der Badeküche des Klosters. Kneipp berichtete selbst, er liebe es Versuche zu machen vor allem mit Wasser, aber auch mit im Volk gebräuchlichen Heilkräutern und Barfußgehen. Seinen eigenen Angaben zufolge, experimentierte er während seiner Tätigkeit als Beichtvater auch mit der Behandlung kranker Tiere durch Wasseranwendungen. Dabei war er zutiefst überzeugt, Wasser sei das "vorzüglichste und allgemeinste Heilmittel".[6] Dieser Universalanspruch kulminierte bei Kneipp in einer Mystifizierung des Wassers als ein durch Gott gegebenes Allheilmittel.
Obwohl Kneipp nicht der erste Verfechter der Wasserheilkunde war, vermied er es, an seine Vorgänger anzuknüpfen. Zwar erwähnte er Johann Siegfried Hahn, Christian Wilhelm Hufeland und Vincenz Prießnitz als Gewährsleute, betonte aber immer, durch eigene Erfahrung die rechte Therapie entwickelt zu haben. Stets berief er sich auf seine bäuerliche Herkunft, die ihm die einzig wahre, durch Bescheidenheit geprägte Lebensweise nahe gebracht habe und für ihn das Ideal und Vorbild sinnvoller Existenz blieb. Die Ernährung, die Art der Kleidung und das Barfußgehen übernahm er aus dem Milieu des Elternhauses. Als weitere Quelle benannte er die Volksheilkunde, aus der er zahlreiche Anwendungen übernahm, so etwa Kräuterbäder, Fußbäder und Essigwaschungen.
Neben den Wasseranwendungen als Heilmethode entwickelte er ein umfassendes Gesundheitssystem, das auf folgenden fünf Säulen basiert:

  1. die Hydrotherapie als Lehre der Heilung,
  2. die Bewegungstherapie als Lehre der Gesunderhaltung,
  3. die Lehre der richtigen Ernährung unter Einschränkung von Genussmitteln,
  4. die Lehre von der Heilkraft der Kräuter und
  5. die Ordnungstherapie als Lehre des seelischen Gleichgewichts.

 

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4. Der Autor

Einer der maßgeblichen Gründe für die Popularität Kneipps ist seine Tätigkeit als Autor. Insgesamt verfasste Kneipp neben 19 Monographien zahlreiche Zeitschriftenartikel. Überdies erschienen seine ca. 2000 Vorträge in sieben Bänden, die Alfred Baumgarten nach Kneipps Tod herausgab.
Der Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit bildete die ab 1873 erschienene Reihe populär-landwirtschaftlicher Schriften, die leicht verständlich in Dialogform verfasst, sowohl unter Laien als auch in Fachkreisen anerkannt waren und im Unterricht an landwirtschaftlichen Schulen Verwendung fanden.
Sein berühmtestes Werk "Meine Wasserkur" wurde erstmals am 1. Oktober 1886 verlegt. Sein zweites erfolgreiches Buch "So sollt ihr leben" erschien 1889 und sprach allein mit dem Titel weite Teile der Bevölkerung an, die auf der Suche nach einer Orientierungshilfe in der Lebensführung waren. Zahlreiche Übersetzungen führten dazu, dass Kneipp zunehmend auch im Ausland bekannt wurde. Weitere Buchveröffentlichungen folgten mit Kneipps "Kinderpflege in gesunden und kranken Tagen" (1891), "Mein Testament" (1894) und "Codizil zu meinem Testament für Gesunde und Kranke" (1896).

 

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5. Wörishofen wird modernisiert

Der durch seine Schriften ausgelöste Besucherandrang in Wörishofen veränderte grundlegend das Erscheinungsbild des Ortes. Innerhalb kürzester Zeit wurde Wörishofen mittels der Kneipp'schen Lehre zum internationalen Kurort. Bereits 1888 können erste bauliche Maßnahmen als Reaktion auf den wachsenden Kurbetrieb registriert werden. Neben einem Restaurant entstand das erste eigens für Kneipp'sche Wasseranwendungen konzipierte Badehaus. Im Zeitraum von 1889-1897 erfolgten insgesamt 132 Neu- und 243 Um- und Erweiterungsbauten, um den wachsenden Besucherstrom bewältigen zu können. Die baulichen Angleichungen an die neuen Erfordernisse fanden auch in einer expandierenden Infrastruktur der Gemeinde ihren Niederschlag. 1896 wurde aufgrund des steigenden Briefverkehrs eine eigene Postagentur in Wörishofen eingerichtet. Ebenso erfolgte ab 1893 der Ausbau der Kanalisation. Auch der Anschluss an das Eisenbahnnetz ließ nun nicht mehr auf sich warten. Am 4. Juni 1895 gründeten einige Wörishofener Bürger zusammen mit Sebastian Kneipp die Localbahn-Actien-Gesellschaft. Die elektrisch betriebene Bahn brachte neben der verbesserten Verkehrsanbindung noch einen weiteren Vorteil – den Bau eines Elektrizitätswerkes, das ab dem 7. Februar 1896 sämtliche Haushalte in Wörishofen mit elektrischem Licht versorgte.

 

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6. Ein Kurort entsteht

Neben Infrastrukturmaßnahmen bemühte man sich in Wörishofen, dem Anspruch eines Kurortes durch den Aufbau eines gesellschaftlichen Lebens gerecht zu werden. Ein erster Schritt hierfür war 1889 die Gründung eines Verschönerungsvereins, der sich für die Gestaltung des Kurparks einsetze. Um neben dem regulären Kurbetrieb für Unterhaltung zu sorgen, wurde 1895 das Museum Artis eröffnet, das als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen genutzt wurde. Ebenso wurde ein Lawn-Tennis- und Chroquet-Platz errichtet. Ein winterliches Freizeitangebot wurde durch die Aufstauung des Dorfbachs geschaffen, da hier die Kurgäste bei Blasmusikbegleitung Schlittschuhlaufen konnten. All diese Maßnahmen ließen die Bevölkerung des Orts von 1880 bis 1900 um 250 Prozent anwachsen. Im Mai 1915 verlieh der bayerische König Ludwig III. Wörishofen ein eigenes Wappen, das einen silbernen Wellenbalken in einem mit einem grünen Lindenzweig belegten Schildhaupt zeigt. Der ausdrückliche Wunsch, eine Gießkanne abzubilden, wurde aus heraldischen Gründen abgelehnt. 1920 erfolgte die Erhebung der Gemeinde zur Stadt und noch im selben Jahr wurde Wörishofen vom Bayerischen Staatsministerium des Innern zum "Bad" ernannt, obwohl es über kein ortsgebundenes Heilmittel verfügt.
Für den anhaltenden Besucherstrom in den 1930ern war auch die Praxis der Kinderlandverschickungen durch die 1933 gegründete Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) verantwortlich. Hinsichtlich neuer Kurortsgründungen war die Aufnahme der Kneipp-Kurorte in den Reichsfremdenverband und in das Amt für Reisen, Wandern und Urlaub (RWU) ausschlaggebend. Als Abteilung der nationalsozialistischen Tourismusorganisation Kraft durch Freude (KdF) garantierte die RWU eine konstante Besucherzahl [Reiseweltmeister]. Zweifellos kann somit dem staatlich verordneten Tourismus im Dritten Reich eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Kurorte zugedacht werden.[7]
In der Nachkriegszeit war vor allem die Anerkennung als Kneipp-Heilbad 1948 für den anhaltenden Aufwärtstrend in den 50er Jahren entscheidend. Weitere Baumaßnahmen wie die Errichtung eines Hallenbads 1962, einer Kunsteisbahn 1972 und die Erschließung eines Golfplatzes 1977 steigerten die Attraktivität des Ortes. Den seit 1993 rückläufigen Gästezahlen – eine Folge der Gesundheitsreformen – wurde mit der Planung eines Thermalbads begegnet. Mit der Eröffnung der Therme Bad Wörishofen im Mai 2004 wurde neben dem Kurbetrieb ein zweites Standbein geschaffen.

 

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7. Kneipp spricht

Ausschlaggebend für Sebastian Kneipps Bekanntheit waren auch seine zahlreichen Vorträge. Mit Hilfe seiner "einfachen, ungekünstelten, aus dem Herzen kommenden Sprache"[8] verstand es Kneipp, die Zuhörer zu fesseln und zu begeistern. Der durch Kurgäste initiierte Bau einer Wandelhalle in Wörishofen 1890 ermöglichte es ihm, täglich öffentliche Ansprachen zu halten.
Kneipps Vortragstätigkeit beschränkte sich aber nicht allein auf Wörishofen. Zwischen 1890 und 1896 unternahm er insgesamt 32 größere Vortragsreisen durch ganz Europa, wobei ihn Schätzungen zufolge ca. eine Million Zuschauer erlebt haben sollen.[9] Dem Verdacht, dass Kneipp zu sehr an seiner eigenen Popularität Gefallen finden könnte, wurde stets damit begegnet, dass "nicht Reklame- oder Ehrsucht" der Grund hierfür seien.[10] Gleichwohl liegt der Verdacht nahe, dass Kneipp nicht aus purer Nächstenliebe handelte, sondern eventuell auch durch den banalen und weniger edlen Umstand der Geldnot angetrieben wurde. Vor allem der Bau seiner Stiftungen verschlang immense Summen. Insbesondere die Errichtung des "Kneippianums" überstieg die zuvor angestellten Kalkulationen, was Kneipp dazu zwang, das unvollendete Bauwerk im März 1896 an die Mallersdorfer Franziskanerinnen zu überschreiben.
In Folge von Kneipps Vortragsreisen kam es zur verstärkten Gründung von Vereinen. Hierdurch sicherte Kneipp nicht nur den zukünftigen Ausbau seines Bekanntheitsgrads, sondern konnte neue Mitglieder und Spendengelder akquirieren.

 

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8. Werbung

Auch hinsichtlich der Kurortentwicklung Wörishofens kann Sebastian Kneipp eine offensive Haltung attestiert werden. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit unternahm er den Versuch, nachhaltig zum Bekanntheitsgrad seiner Person und des Ortes beizutragen. So stellte er zum Beispiel in den 1880ern den ehemaligen Hoffotografen Fritz Grebmer an und erteilte ihm die Aufgabe, ihn gemeinsam mit berühmten Gästen zu fotografieren. Anschließend hatte Grebmer dafür Sorge zu tragen, dass die Bilder europaweit in Zeitungen veröffentlicht wurden.
Besonders die enge Beziehung zum Erzherzog Joseph von Österreich-Ungarn erwies sich als gewinnbringend für Kneipp und die Gemeinde. Der Erzherzog zeigte sich vor allem in den Kreisen des Adels als ausgezeichneter Fürsprecher der Kneipp'schen Heilweise.
In diesem Zusammenhang spielte auch Kneipps Sekretärin Vera Freifrau von Vogelsang eine bedeutende Rolle, weil sie in ihren "Berichten und Nachrichten aus dem Weltkurort Wörishofen" die gesellschaftlichen Geschehnisse festhielt. Da sie neben Englisch auch Französisch, Italienisch und Spanisch beherrschte, war sie von großer Bedeutung für die Verbreitung der Kneipp'schen Heilweise im Ausland. Die heute als "internationale Propagandistin"[11] gefeierte Vogelsang war vor allem für die Übersetzung von Kneipps Texten und der Wörishofener Nachrichten für die internationale Presse zuständig. Neben der von ihr 1893 gegründeten "Wörishofener Zeitung" rief sie in Frankreich die Zeitschrift "Le Kneippiste" ins Leben. Darüber hinaus war sie insbesondere für die Vermittlung von Kneipps Vorträgen ins Ausland zuständig.
Eine ähnliche Funktion nahm Frau Schweizer für Amerika ein. Als ehemalige Sekretärin Kneipps, die nach New York ausgewandert war, wurde sie verantwortlich für die Verbreitung der Kneipp'schen Heilmethode in den USA.
Ein weiterer Aspekt, der Kneipps ausgeprägtes Selbst- und Sendungsbewusstsein zeigt, ist die Namensgebung seiner Stiftungen. Bereits 1890 erfolgte die Grundsteinlegung des "Sebastianeums". Dem folgte 1893 die Einweihung des so genannten "Kinderasyls", mit dessen Eröffnung am Sebastianstag Kneipp wiederum seine eigene Person betonte. Das 1896 seine Pforten öffnende Kurhaus "Kneippianum" verweist abermals unmittelbar auf den Stifter. Ferner widmete sich Kneipp nach seiner Ernennung zum Pfarrer 1881 in Wörishofen umfangreichen Restaurationsarbeiten, infolgedessen er der Pfarrkirche 1891 eine neue Glocke, die "Sebastiana", stiftete.

 

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9. Verkörperung der Wirkungskraft

Neben seiner selbst erschaffenen Omnipräsenz in Wörishofen wurde auch zunehmend sein eigenes Erscheinungsbild zum Aushängeschild seiner Methoden. So bezeichnete ihn der Chronist Dillmann als "ein lebendes Beispiel, wie man [...] über körperliche und geistige Kräfte verfügen kann".[12] Ein nicht zu unterschätzender Gesichtspunkt, sowohl für seine Popularität als auch Legitimation, findet sich in Kneipps Biographie. Indem Kneipp immer wieder die Wirksamkeit seiner Heilweise durch seine Selbstheilung betonte, konstruierte er sich zum lebenden Beweis seines Schaffens. Die eigene Heilung einer Krankheit, bei deren Behandlung die Schulmedizin versagt hatte, ist dabei ein gängiges Muster, das sich insbesondere unter den Vertretern der Naturheilkunde finden lässt.
Wie enorm wichtig dieser Umstand war, zeigt sich in dem von der Schulmedizin häufig erhobenen Vorwurf, "daß Prälat Kneipp gar nicht lungenkrank war, sondern nur aus dem Grunde leidend gewesen zu sein vorgab, um seiner Methode mehr Anhänger zuzuführen".[13] Daher wurde es für die Sympathisanten Kneipps ein dringliches Anliegen, diese Diskussion aus der Welt zu schaffen. Zu diesem Zweck wurde am 18. Juni 1897 die Sektion seiner Leiche durch den Bezirksarzt Noder aus Mindelheim angeordnet. Als dann voller Befriedigung verkündet werden konnte, dass seineLungen "die Spuren des Leidens [zeigen], dem wir die Kneippsche Heilmethode verdanken"[14], war man der Meinung, den endgültigen Beweis seiner Heilkünste erbracht zu haben.

 

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10. Die Marke Kneipp

Die zunehmende Popularität Sebastian Kneipps belebte nicht nur den Fremdenverkehr, sondern weckte auch das Interesse einzelner Herstellerfirmen. Ganze Industriezweige begannen sich seit den 1890ern auf die Herstellung von Produkten zu spezialisieren, welche auf die von Kneipp entwickelten Methoden zugeschnitten waren. Der neu entstandene Markt warb dabei aggressiv mit dem Begriff Kneipp, da dieser mittlerweile zum Garant für Qualität und Wirksamkeit geworden war. Die Palette der vertriebenen Artikel umfasste unter anderem Reformkostüme, Kur- und Badeartikel, Kneipp-Sandalen, Kneipp-Malz-Kaffee und Kneipp-Brot. Das sich ausbreitende neue Bewusstsein für Gesundheit und den eigenen Körper schlug sich unmittelbar in der davon profitierenden Ökonomie nieder.
Diese Entwicklungen, die insbesondere durch das Erscheinen seiner beiden Hauptwerke ausgelöst wurden, nahmen derart überhand, dass sich Kneipp 1893 zum Handeln veranlasst sah und öffentlich erklärte, er stehe sämtlichen Fabrikanten fern.[15] Diese Aussage traf allerdings nicht gänzlich zu, da er bereits 1890 die Mechanische Leinenspinnerei Memmingen bevollmächtigt hatte, ihre Produkte "Kneipp-Wäsche" nennen zu dürfen. Zudem ging er eine Partnerschaft (inklusive einer Gewinnbeteiligung[16]) mit dem Würzburger Apotheker Leonhard Oberhäußer ein, aus der die späteren Kneipp-Heilmittelwerke resultierten. Kneipp berechtigte allein Oberhäußer mit der Herstellung und dem Vertrieb von Heil-, Lebens-, Körperpflege-, Gesundheits-, Diät- und Arzneimitteln.[17] Neben einer stetig wachsenden Produktpalette kam es ab 1920 zu einer enormen Aufwertung durch die Belieferung von Apotheken. Oberhäußers Enkel, Luitpold Leusser, der ab 1951 das Unternehmen als Kneipp-Heilmittel-Werk weiterführte, war auch hauptverantwortlich für den in den 1970er Jahren eintretenden Boom der Kneipp-Produkte, da er die Vertriebskanäle auf Drogeriemärkte und den Lebensmitteleinzelhandel ausweitete. 2001 erwarb die Paul Hartmann AG 80 % der Unternehmensanteile und wurde schließlich nach erheblichem Ausbau des internationalen Marktes im April 2008 alleiniger Anteilseigner. Heute beschäftigt die Hartmann AG allein in ihrer Kneipp-Gruppe weltweit 9515 Mitarbeiter und erwirtschaftet eigenen Angaben zufolge 1,5605 Mrd. Euro Umsatz (Stand 31.12.2009).[18]
Bei der zu Beginn aufgezeigten Instrumentalisierung als Werbeträger handelt es sich also keineswegs um ein Phänomen neuerer Zeit. Und auch die wechselseitige Reklamewirkung von beworbenem Produkt und der Person Kneipp war bereits zu Kneipps Lebzeiten existent. Schon Adolf Brougier, Teilhaber der Firma Franz Kathreiner, erkannte, dass Werbung maßgeblich zur Verbreitung des Namens Kneipp beitrug.[19]

 

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11. Ein Naturheiler?

Die heutige Praxis, Kneipp als Naturheiler zu bezeichnen, ist allerding weniger selbstverständlich: Die chronologische Entwicklung reicht hier von der völligen Ablehnung seitens der Naturheilbewegung bis hin zu der Frage, wie unter Betonung einer Traditionslinie Kneipp als Lichtgestalt der eigenen Geschichte installiert werden kann.
Einer der Gründe, der zunächst besonderen Anstoß erweckte, war der Titel des Buches "Meine Wasserkur". Die Tatsache, dass abgesehen von einigen Modifikationen die Wasseranwendungen bereits bekannt waren, nahmen die Anhänger der Naturheilbewegung zum Anlass, Kneipp jegliche Originalität abzusprechen.[20]
Ein zweiter Grund für die Anfeindungen zwischen den beiden Parteien war die Tatsache, dass sich sowohl Sebastian Kneipp als auch seine Anhänger von jeglichen ideellen und ideologischen Kämpfen der Verbände für eine bessere naturgemäße Ernährungs- und Heilweise abgrenzten und zur eigenen Interessenvertretung selbständige Organisationen gründeten. Dieser von ihm eingenommene Sonderweg musste von der Naturheilbewegung als Provokation verstanden werden, zumal beide Bewegungen ähnliche Zielgruppen ansprachen.
Ein weiterer Streitpunkt war das Verhältnis zur Schulmedizin. Der Umstand, dass sich Kneipp nicht am Widerstand gegen die Ärzte beteiligte, wurde als Verrat empfunden. Besondere Verbitterung rief dabei die Tatsache hervor, dass er sein medizinisches Erbe ganz bewusst den Ärzten anvertraut hatte. Zudem lehnte er im Gegensatz zur Naturheilkunde Medikamente nicht prinzipiell ab, sondern verwies lediglich auf den alternativen und billigeren Einsatz von Heilkräutern. Allerdings war die Anwendung von Kräutern ebenso wenig wie die Medizinalheilkunde mit den Grundsätzen der Naturheilkunde vereinbar, die schlicht jede Form der "Rezeptmedizin" ablehnte und Kneipps "Verbrennesselung" und "Verheublumung"[21] als Angriff auf die arzneilose Heilweise beschrieb.
Auch Kneipps eigener Lebensstil wurde den Ansprüchen der Naturheilkunde nicht gerecht und bot wiederholt Anstoß zur Kritik. Kneipp, dem eigenen Erscheinungsbild nach zu schließen kein Kostverächter, war weder Vegetarier [Vegetarismus] noch sprach er sich für ein generelles Verbot von Genussmitteln wie Bier und Tabak aus.
Ferner kritisierten die Anhänger der Naturheilkunde die Vermarktung seiner Person und führten den Erfolg des gesamten "Kneipp-Fanatismus" ausschließlich auf die "Reklame gewinnsüchtiger Speculanten" zurück.[22]

 

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12. Ein Naturheiler!

Auch die Kneippbewegung sah zunächst keine Notwendigkeit, die Nähe zur Naturheilkunde zu suchen, sondern bemühte sich um Anerkennung innerhalb der Schulmedizin. Unter Akzentuierung der Unterschiede versuchte man sich daher von der Naturheilbewegung weitgehend zu emanzipieren. Insbesondere nach 1920, als die Kneippbewegung in ihrer Organisationsstruktur gefestigt war und im Gegensatz zu den Naturheilverbänden weiter an Popularität gewann, wurde kein Grund für eine Annäherung gesehen. Zur selben Zeit wandelte sich hingegen das Verhalten der Naturheilbewegung, die ihren Zenit überschritten hatte. Verstärkt wurde jetzt das Aufgehen der wachsenden Kneipp-Gemeinde in der eigenen Organisation angestrebt. Das schwindende Bewusstsein um Vincenz Prießnitz, der bis heute als Begründer der Naturheilkunde gilt, sollte jetzt mit der neuen Galionsfigur Sebastian Kneipp kompensiert werden.
Trotz der Tatsache, dass der Kneipp-Bund 1934 mit der Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Heil- und Lebensweise gleichgeschaltet wurde, konnte die Kneippbewegung im Gegensatz zu anderen naturheilkundlich-orientierten Vereinigungen ihren Einfluss weiter ausbauen. Das von der Naturheilbewegung angestrebte und nun zwangsweise durchgesetzte Aufgehen der Kneipp-Vereine veranlasste wiederum die Kneippbewegung, eine Eingliederung der allgemeinen Naturheilkunde in die eigene Organisationsstruktur zu fordern. Im Gegensatz zu früheren Deutungen wurde Sebastian Kneipp jetzt durch seine Anhänger als wesentlicher "Reformator und Vollender" der Naturheilkunde bezeichnet.[23]
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Naturheilbewegung nicht mehr an die Erfolge der Vorkriegszeit anschließen – der Kneipp-Bund ging hingegen aus der NS-Zeit vergleichsweise gestärkt hervor und entwickelte sich in der Bundesrepublik zum bedeutendsten Verband dieser Bewegung. Wie erfolgreich die Vereinsarbeit wieder aufgenommen werden konnte, zeigen die rasant anwachsenden Mitgliederzahlen in den Jahren 1949-1958 von 9000 auf 50.000. Infolge der eigenen Reorganisation suchten daher viele ehemalige Prießnitz-Vereine die Nähe zur Kneippbewegung und formierten sich zu Prießnitz-Kneipp-Vereinen. Die Konkurrenz zwischen der Naturheilbewegung und den Kneippanhängern schien sich damit weitgehend erübrigt zu haben.

 

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 13. Kurpfuscher oder Wasserdoktor?

Ebenso wie innerhalb der Naturheilbewegung spiegelt sich in der Beziehung von Schulmedizin und Kneippbewegung der eigene Grad der Professionalisierung wider. Während die Anfangsphase aufgrund des niedrigen Organisationsgrades noch von Abgrenzung und Bekämpfung geprägt war, kam es im Zuge der Konsolidierung des Ärztestandes zunehmend zu einer Öffnung gegenüber der Kneipp'schen Lehre, die in einer völligen Aneignung mündete.
Dabei spielte insbesondere die rechtliche Situation eine ausschlaggebende Rolle: Bis zur Aufhebung des Kurierverbots in Bayern 1873 verstieß Kneipp mit seiner Heiltätigkeit gegen geltendes Recht, und auch in der Zeit bis 1939 bewegte sich die Kneipp-Bewegung in einer rechtlichen Grauzone. Nachdem Kneipp zunehmend während seiner Tätigkeit in Boos als "Cholera-Kaplan" in Erscheinung getreten war, folgten zahlreiche Anklagen wegen Gewerbebeeinträchtigung, Kurpfuscherei und Körperverletzung durch Vertreter der Ärzteschaft.
Abgesehen von den starken Abgrenzungsversuchen der Schulmedizin muss jedoch erwähnt werden, dass die Klinische Hydrotherapie im späten 19. Jahrhundert einen starken Aufschwung erlebte. Trotz des einsetzenden Interesses an dieser Behandlungsmethode blieb es für die Schulmedizin das oberste Anliegen, sich von Kneipp abzugrenzen und so wurde er weiterhin der "Sekte von Naturärzten" zugerechnet.[24]
Dessen ungeachtet waren es aber letztlich approbierte Ärzte, die die Kneipp'sche Wasseranwendung wissenschaftlich begründeten und für die Überlieferung seines Erbes verantwortlich waren. Die Grundlage hierfür hatte Kneipp noch zu seinen Lebzeiten gelegt: Da sich mit seiner wachsenden Popularität die Angriffe der Mediziner häuften, entschloss sich Kneipp ab 1887 Ärzte in seinen Sprechstunden hinzuzuziehen, die ihn vor Fehldiagnosen und Kurpfuscher-Klagen bewahren sollten. Der erste ständig anwesende Arzt war Dr. Bernhuber. Ihm folgte im Jahr 1888 Dr. Kleinschrod, der die Lehre Kneipps unter medizinischen Gesichtspunkten weiterentwickelte. Weitere wichtige Ärzte, die sich in den Dienst Kneipps stellten, waren Dr. Bergmann und Dr. Baumgarten. Letzterem war es vor allem ein wichtiges Anliegen, Kneipps Lehre wissenschaftlich zu begründen und die Verbreitung der Kneipp'schen Heilmethode voranzutreiben. Als wohl wichtigstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist die Gründung des Internationalen Vereins Kneipp'scher Aerzte 1894 zu nennen. Neben dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch galt die wissenschaftliche Erforschung und Vertretung des Kneipp'schen Heilverfahrens in der Öffentlichkeit als Zweck dieser Organisation.
Eine weitere folgenreiche Entscheidung war, dass Kneipp sein Erbe der Medizin übertrug. Indem Ärzte durch therapeutische Neuerungen zur weiteren Ausgestaltung des Heilverfahrens beitrugen und sich in aktuelle medizinische Diskussionen einschalteten, hielten sie seine Methode am Leben. Auch die Tatsache, dass sich die Kneippärzte, im Gegensatz zur Naturheilbewegung, in kritischen Fragen wie dem Impfzwang eher zurückhaltend äußerten, trug bedeutend zu ihrer breiten Akzeptanz bei.[25] Allerdings stießen sie trotz ihrer Bemühung, die Methoden wissenschaftlich zu begründen, bei vielen Vertretern der klassischen naturwissenschaftlichen Medizin weiterhin auf immense Ablehnung. Zum Beispiel verwies der Direktor des Münchener Allgemeinen Krankenhauses, Professor Dr. von Ziemssen (1829-1902), "solche Afterärzte [...] von der Schwelle der geheiligten Wissenschaft".[26]

 

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14. Kneipp in der Schulmedizin

Zwischen 1920 und 1933 kann jedoch eine veränderte Haltung der Schulmedizin festgestellt werden. Als wohl bedeutendstes Ereignis ist die am 10. Juni 1923 veranstaltete Exkursion des medizinischen Lehrstuhls der Universität München nach Bad Wörishofen zu erwähnen. Diese Lehrveranstaltung markierte einen Wendepunkt im gegenseitigen Verständnis. Erstmals informierten sich Vertreter der naturwissenschaftlich ausgerichteten Universitätsmedizin vor Ort über das in Bad Wörishofen praktizierte Verfahren. Prof. Gottfried Böhm, der damalige Abteilungsleiter für physikalische Therapie des Krankenhauses rechts der Isar, resümierte: "Die Zeiten, in welchen speziell die medizinischen Universitätskreise das Kneipp'sche Heilverfahren gleichgültig oder ablehnend behandelten, sind vorüber."[27]
Eine weitere Begebenheit, die im Kontext der Annäherung nicht unerwähnt bleiben darf, ist die Errichtung klinischer Stützpunkte in Krankenhäusern. Durch den Einsatz Kneipp'scher Heilmethoden im Rahmen der stationären und ambulanten Behandlung waren diese nun nicht mehr auf den Kurbetrieb beschränkt. Damit war nicht nur eine Annäherung von Schulmedizin und der Lehre Kneipps vollzogen worden, sondern die Schulmedizin begann die einzelnen Verfahren in ihren Behandlungsablauf zu integrieren.
Zusammenfassend lassen sich folgende Gründe für das neue Interesse der Schulmedizin identifizieren: Zum einen boten Kneipps Abhärtungsmaßahmen mit dem primären Ziel der Gesunderhaltung eine Fülle an Beispielen für die an Bedeutung gewinnende Präventivmedizin. Zum anderen deckte sich die von Kneipp propagierte ganzheitliche Behandlung mit der neuen Ganzheitsbetrachtung des Patienten. Und schließlich waren es die verstärkten Autarkiebestrebungen, die Kneipp als billige und einfache Alternative zum Medikamenteneinsatz stetig attraktiver werden ließen.
Letzteres kann insbesondere nach 1933 für den Erfolg der Kneipp'schen Heilmethoden verantwortlich gemacht werden. Im Zuge der umfassenden Veränderung von Gesellschaft, Kultur und politischem System wandelte sich auch die Erinnerung an Sebastian Kneipp ab 1933 grundlegend. Signifikant ist hierbei die bewusste Reminiszenz an den deutschen, gesunden, volkstümlichen Arzt, der für die Parteiinteressen und politischen Ziele instrumentalisiert wurde. Dass hier der nationalsozialistische Topos der Volksgemeinschaft Pate stand, ist offenkundig.
Hinsichtlich der Entwicklungen innerhalb der Medizin wird Kneipps Bedeutung besonders ersichtlich. Für die NS-Gesundheitsführung im Dritten Reich erlangte die Naturheilkunde, der auch Kneipp zugerechnet wurde, einen speziellen Stellenwert, da diese für die sozialdarwinistische Politik der Artverbesserung und Wehrertüchtigung nützlich erschien. Die Gleichschaltung aller Verbände der Lebensreformbewegung und ihre spezifischen Zielrichtungen sollten eine breite "Volksgesundheitsbewegung" ins Leben rufen. Hierzu wurde die Synthese von Elementen der Naturheilkunde und der Schulmedizin in der Neuen Deutschen Heilkunde (NDH) angestrebt. Kneipp, der genau dieses Ziel durch seine Integration innerhalb der Medizin wiedergab, wurde zum Musterbeispiel für die NDH. Besonders seine Anleitungen zur Abhärtung und seine alternative Kräutermedizin rückten ins Zentrum des Interesses. Angeregt durch seine Arbeit wurde er insbesondere für das SS-Heilkräuterprogramm zur Referenz.[28]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hielt das Interesse der Schulmediziner an, die sich im Februar 1948 im Keippärztebund neu organisierten. Der wohl folgenreichste Schritt war die von ihnen initiierte Aufnahme Wörishofens in den bayerischen Heilbäderverband 1949. Für die Zukunft war damit die Grundlage für die Finanzierung durch gesetzliche Krankenkassen geschaffen worden, die unter dem Slogan "Reha vor Rente" lange Zeit die Kneipp-Kur förderten. Mit der Neubewertung der ambulanten Badekur und den damit verbundenen Kürzungen Ende der 1990er trat auch eine Neuorientierung ein: Themen wie Wellness und Anti-Aging scheinen derzeit die klassische Krankenbehandlung in der Kneipp-Therapie zunehmend in den Hintergrund zu drängen.

 

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15. Kneipp als Lebensreformer

Der Einordnung von Sebastian Kneipp als Lebensreformer kann wohl am ehesten unterstellt werden, dass sie im Verlauf weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurde und im Sinne von Maurice Halbwachs zu "Geschichte" geworden ist. Ein Hinweis hierfür ist die Diskussion innerhalb der Forschung, ob Sebastian Kneipp überhaupt dieser Bewegung zuzurechnen ist. Allerdings kann entgegen der weit verbreiteten Argumentation gegen eine Zuordnung durchaus nachgewiesen werden, dass sich Sebastian Kneipp mehr als nur medizinischen Fragen gewidmet und mit seinen Schriften ein umfassendes Lebensprogramm geliefert hat. So setzte sich Kneipp zum Beispiel intensiv mit der Thematik der Ernährung auseinander und sprach sich wie andere bekannte Lebensreformer gegen die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten aus, die im Zusammenhang mit der Modernisierung der Lebensmittelindustrie, den sinkenden Preisen für Zucker und Weißmehl sowie der Einführung von Konserven und ersten Fertigprodukten standen. Ebenso lassen sich in seinen Ausführungen zur Kindererziehung diverse reformpädagogische Sentenzen erkennen. Ähnlich Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790-1866) und Anton Sickinger (1858-1930) befand Kneipp die Selbsttätigkeit der Schüler, das freie Gespräch, das eigene, unmittelbare Erleben innerhalb einer Gruppe und praktische Tätigkeiten bzw. das Lernen durch Handeln als grundlegend für die Entwicklung. Des Weiteren beschäftigte sich Sebastian Kneipp mit dem privaten Lebensbereich des Wohnens und griff dabei explizit die Forderungen der Hygiene- und Wohnungsreformbewegungen auf, die gegen die katastrophalen Wohnbedingungen der Arbeiter in den rapide wachsenden Großstädten kämpften. Bemerkenswert ist auch, dass sich Kneipp gegen die Landflucht wandte und sich im Sinne Rousseaus ausdrücklich für ein Leben auf dem Land einsetzte. Sebastian Kneipp schaltete sich auch in das für die Lebensreform zentrale Thema der Kleidungsreform ein. Der Frage, welches Material der Gesundheit besonders zuträglich sei, entgegnete Kneipp: "Selbstgesponnen, selbstgemacht, ist die beste Landestracht."[29] Und auch die unter Reformern dringend geforderte Abschaffung des Korsetts und das "Wunderding" Damenschuh waren ihm ein Anliegen.[30]
Obwohl innerhalb der Kneippbewegung die Ideen berühmter Vertreter der Nacktkultur kaum Niederschlag fanden, lässt sich auch hier ein ausgeprägtes Körperbewusstsein feststellen. Bei einem 1903 eingereichten Plakatentwurf für den "Internationalen Kurort für Kneipp'sches Wasserheilverfahren und gesundheitsmäßigen Sport Wörishofen" schien die Tatsache, dass nicht etwa ein Bildnis Kneipps, sondern unbekleidete, durchtrainierte Männer für den katholischen Kurort werben sollten, wenig zu stören.
Weiterhin sprechen Kneipps sozialkritischen Äußerungen und seine Annahme, durch seine Methoden nicht nur dem Individuum, sondern dem "Volk" zu helfen, für eine Interpretation als Lebensreformer. Dass dies auch seine Anhänger erkannten, spricht für sich selbst. Unter gezielter Betonung und dem weiteren Ausbau seiner lebensreformerischen Gedanken bzw. der Tilgung von weniger Vereinbarem wurde die Nähe zur Lebensreform gesucht, um so Kneipp als "Führer einer neuen Lebensordnung"[31] im öffentlichen Bewusstsein zu installieren. Die Tatsache, dass berühmte Vertreter der Lebensreform in Wörishofen zur Kur gingen (z.B. Gustaf Nagel und Fidus) oder sich in ihren Werken explizit auf Kneipp bezogen, beweist ebenso wie die ähnliche Berufsstruktur der Mitglieder der Vegetarier-Vereine und der Kneipp-Kurgäste im Jahr 1900, dass es sich um eine verwandte Klientel gehandelt haben muss. Ebenso spricht für die Deutung Kneipps als Lebensreformer die Produktpalette der Reformhäuser, die ganz selbstverständlich von Anfang an Kneipp-Artikel im Sortiment hatten.

 

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16. Kneipp als Mann der Kirche

Kneipp selbst ging es stets darum, primär als Pfarrer wahrgenommen zu werden. Um keinen Zweifel an seiner Funktion aufkommen zu lassen, betonte er in seinen Schriften, dass er in erster Linie Priester und Seelsorger sei. Lediglich durch das "Mitleid mit den Leidenden getrieben", war er angeblich gezwungen, als Heiler tätig zu werden, obwohl ihm dies "Undank, Spott und Hohn" eingebracht habe.[32] Diese von ihm selbst konstruierte Aura eines selbstlosen, beinahe märtyrerartigen Glaubensmannes wurde von seinen Anhängern mit Dankbarkeit aufgriffen und gipfelte schließlich aufgrund seiner Doppelfunktion in einer Glorifizierung zum "Priesterarzt".[33] Zum einen wollte sich Kneipp hiermit vor den Anfeindungen der Ärzte schützen, zum anderen nutzte er sein kirchliches Amt, um die Glaubwürdigkeit seiner Heilmethode zu steigern.
Diese pathosgeschwängerte Sicht auf Kneipp als barmherziger Samariter blendet nur allzu gern die Aspekte seines aktiven Unternehmertums[34] aus. Auch die Behauptung, dass Wörishofen vor allem von einfachen, armen, aus der Landbevölkerung stammenden Kranken aufgesucht wurde,[35] lässt sich mit einem Blick auf die Kurlisten kaum bestätigen. Vielmehr zeigt sich hier seine Klientel als das Who-is-Who des europäischen Hochadels und des solventen Unternehmerstands.
Dass Kneipps ehemals so prominente Stellung nach seinem Tod schnell an Bedeutung verloren hatte, lag vor allem an dem Verhalten der Kirche. Im Gegensatz zu Kneipp selbst, war die Katholische Kirche eher auf Abstand bedacht und sprach ab 1850 zahlreiche Verwarnungen gegen Kneipp aus, die ihn von seiner Heilertätigkeit abhalten sollten. Daher wird in der Literatur auch oft von einer "Strafversetzung nach Wörishofen"[36] gesprochen, die Kneipp in der Provinz als Beichtvater der Nonnen isolieren sollte. Neben der Sorge um Kurpfuscher-Klagen waren es die sich häufenden Geschichten über das "sündige Wörishofen", in dem entgegen der kirchlichen Moralvorstellungen gemischtgeschlechtliches Baden praktiziert wurde. Aufgrund Beschreibungen Wörishofens als "Indianerdorf, [...] in welchem dunkelgebräunte und halbnackte Weiber auf junge Geistliche Jagd machen",[37] war es für die Katholische Kirche ein Anliegen, ihre Rolle als Hüterin des sittlichen und moralischen Empfindens glaubhaft zu verteidigen.
Demnach kann davon ausgegangen werden, dass mit seinem Tod – zumal sein Erbe an die Ärzte ging – für die Katholische Kirche das Kapitel Kneipp vorerst abgeschlossen wurde. Um einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen und Ähnliches in der Zukunft zu vermeiden, untersagte Bischof Pankratius von Dinkel 1898 allen Geistlichen der Diözese Augsburg auf Schärfste die Ausübung der Heilkunde.[38] Wie ambivalent jedoch die Beziehung der Kirche zu Kneipp war, zeigt sich nicht zuletzt in seiner Ernennung zum Päpstlichen Geheimkämmerer 1893 durch Leo XIII. Dass die Vorwürfe der kirchlichen Vertreter (u.a. der Konversion[39]) gegen Kneipp ohne Konsequenzen blieben und er schließlich deren Anerkennung fand, ist vermutlich seinen großen Fürsprechern, dem Erzherzog Joseph von Österreich-Ungarn und seinem geistigen Ziehvater Mathias Merkle, zu verdanken.
Interessanterweise wurde Kneipps Lesart als Mann der Kirche gerne von den Vertretern der Medizin aufgegriffen. Speziell die Kneippärzte versuchten unter Betonung dieser Funktion, seine methodischen Ungenauigkeiten oder schlicht Falsches zu entkräften. Ebenso wurden verfeindete Vertreter der klassischen Schulmedizin nicht müde zu erklären, dass Kneipp nur Pfarrer war – allerdings mit der Intention, ihm die Legitimation zur Heilung abzusprechen. Die Kneipp-Vereine hingegen vermieden weitgehend eine derartige Betrachtung. Ihr Anliegen war es Kneipp als ernstzunehmenden Arzt darzustellen.

 

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17. Kneipp als wandlungsfähiger Bezugspunkt

Mit dem Ende des Krieges war es nicht nur zum Zerfall der Institutionen faschistischer Herrschaft gekommen, auch deren Geschichtsdoktrin und die hieraus abgeleiteten Identifikationspotentiale gingen verloren. Die Suche nach neuen Konzepten kollektiver Identität gingen daher mit der Neuformulierung identitätsstiftender Narrative einher. Von diesem Wandel war auch Kneipp betroffen, der in der Vorkriegszeit vor allem als Naturheiler, Arzt und Reformer Bezugspunkte geschaffen hatte. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs ist eine Re-Sakralisierung Kneipps zu beobachten, da mittels des Duktus der Katholischen Kirche mit Kneipp ein unvorbelastetes Instrument zum Transport von Werten wie Heimat und Volkstum geschaffen wurde. Seine Lesart als volkstümlicher Menschenfreund und heimatverbundener Volksheld, der sich gegen die ignorante Obrigkeit auflehnte, kommt besonders eindrücklich in dem 1958 von Wolfgang Liebeneiner produzierten Heimatfilm "Sebastian Kneipp – Der Wasserdoktor" zum Ausdruck. Hier offenbart sich wiederholt das Bedürfnis der Identitätsbildung durch die Reminiszenz einer gemeinsamen Vergangenheit.
Es entsteht der Eindruck, als habe sich das zu Beginn herrschende Konkurrenzverhältnis der einzelnen Interpretationsentwürfe nach 1945 weitgehend aufgelöst. Diese Annäherung führte zu einer zunehmenden Beliebigkeit der Interpretationen, was in Ereignissen, wie dem zu Beginn geschilderten Weltrekordversuch ersichtlich wird. Allein die Verbindung von Wasser und Kälte scheint heute auszureichen, um eine Assoziation mit dem Begriff Kneipp hervorzurufen.

 

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Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Sarah Waltenberger

 

Online seit 2012

 

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Empfohlene Zitierweise: Sarah Waltenberger, Erinnerungsort "Sebastian Kneipp", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verehrte-natur/38-sebastian-kneipp.