Die Schornsteinbesetzer von Greenpeace

Kapitelübersicht - Ökologische Zeiten - Die Schornsteinbesetzer von Greenpeace

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Die Schornsteinbesetzer von Greenpeace - (c) Wolfgang Hain/Greenpeace    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Von Anti-Atom zu Greenpeace - eine Gründungsgeschichte
  3. Vom Atomtest zum Walfang – die erste Ausweitung des Themenspektrums.
  4. "Erst wenn der letzte Baum gerodet..." – die Besetzung des Boehringer Schornsteins in Hamburg.
  5. Greenpeace erfindet die Bilder
  6. Die Brent Spar Kampagne
  7. Der bittere Nachgeschmack der Brent Spar
  8. Realos und Fundis bei Greenpeace - die Abspaltung von Sea Shepherd
  9. Realos und Fundis bei Greenpeace - die Abspaltung von Sea Shepherd
  10. Greenpeace-Kampagnen und Aktionen nach der Brent Spar-Kampagne
  11. Umweltprotest und Inszenierung jenseits von Greenpeace - Reclaim the Streets, Flash Mobs und The Yes Men
  12. Online Protest

 

Verwandte Themen

Waldsterben, Seveso ist überall, Windrad, Die Grünen

 

Literatur

Andrea Hösch, Ein Macher mit Visionen, in: Greenpeace Magazin 3/2002, URL: http://www.greenpeace-magazin.de /index.php?id=3598 (Stand 13.01.2012).

 

Andrej Mischerikow, Aneignung und Umnutzung, Medientechnik und Soziale Bewegungen, in: Klaus Schönberger, Ove Sutter (Bearb.), Kommt herunter, Reiht euch ein, Eine kleiner Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Hamburg und Berlin 2009, S. 241-252.

 

Anna-Katharina Wöbse, Die Brent Spar Kampagne. Plattform für diverse Wahrheiten, in: Frank Uekötter und Jens Hohensee (Bearb.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme. Wiesbaden 2004, S. 139-160.

 

Bahn für alle 2007, URL:  http://www.bahn-fuer-alle.de/pages/ pressemitteilungen/2007/flash-mob--- protest-in-50-bahnhoefen-gegen- bahnprivatisierung.php (Stand 14.01.2012).

 

Brigitte Behrens, Vorwort, in: Svenja Koch et al. (Bearb.), Brent Spar und die Folgen. Hamburg 2005, S. 4-5.

 

Campact 2011, URL: http://www.campact.de/atom2/sn11/signer (Stand: 16.01.2012).

 

Christian Krüger, Matthias Müller-Henning, Brent Spar als Geschichte und Gegenwart, Zur sozialen Brisanz der Auseinandersetzung in: Svenja Koch et al. (Bearb.), Brent Spar und die Folgen. Hamburg 2005, S. 25-29.

 

Christian Krüger, Matthias Müller-Henning, Greenpeace auf dem Wahrnehmungsmarkt, Studien zur Kommunikationspolitik und Medienresonanz. Hamburg 2000.

 

Greenpeace 2003, URL: http://www.greenpeace.de/themen/oel/ brent_spar/artikel/chronik_ein_konzern _versenkt_sein_image/ (Stand 14.01.2012).

 

Greenpeace 2009, URL: http://www.greenpeace.de/themen/ klima/presseerklaerungen/artikel/greenpeace_ kletterer_protestieren_an_zwillingstuermen_ der_deutschen_bank_in_frankfurt/ (Stand: 19.01.2012).

 

Greenpeace 2010a, URL: http://www.greenpeace.de/ueber_uns/ nachrichten_ueber_uns/artikel/ fragen_antworten_zu_greenpeace-1/ (Stand 14.01.2012).

 

Greenpeace 2010b, URL: http://www.greenpeace.de/themen/ waelder/presseerklaerungen/artikel/ nestle_will_nach_greenpeace_ kampagne_urwald_schuetzen/ (Stand: 18.01.2012).

 

Greenpeace 2010c, URL: http://www.greenpeace.de/themen/waelder/ presseerklaerungen/artikel/ nestle_will_nach_greenpeace_ kampagne_urwald_schuetzen/ (Stand: 18.01.2012).

 

Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie, Eine Weltgeschichte. München 2011.

 

Jochen Reiss, Greenpeace. Der Umweltmulti – sein Apparat, seine Aktionen. München 1990.

 

Karoline Boehm, Warenboykott, vom Arbeitskampf zum Angriff auf das Image, in: Klaus Schönberger, Ove Sutter (Bearb.), Kommt herunter, reiht euch ein, Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Hamburg und Berlin 2009, S. 149-160.

 

Marc Amann (Bearb.), go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests, Geschichten, Aktionen, Ideen. Frankfurt 2011.

 

Martin Zips, Fast wie bei James Bond. Die Konfrontation mit einem Walfänger bringt die angriffslustigen Umweltschützer um Paul Watson weltweit in die Schlagzeilen, in: Süddeutsche Zeitung (8.1.2010), URL: http://archiv.sueddeutsche.de/75238P/ 3215393/Fast-wie-bei-James-Bond.html (Stand: 14.01.2012).

 

Michael Brown, John May, Die Greenpeace Story. Hamburg 1989.

 

Wolfgang Sachs et al. (Bearb.), Game Over. Neustart! Das Buch zum vierten Kongress Mc.Planet.com. Hamburg 2009.

 

Fußnoten

[1] Michael Brown, John May, Die Greenpeace Story. Hamburg 1989, S. 7.


[2] Brown und May, S. 7.

 
[3] Greenpeace 2010a, URL: http://www.greenpeace.de/ ueber_uns/nachrichten_ueber_uns/ artikel/fragen_antworten_zu_ greenpeace-1/ (Stand 14.01.2012).

 

[4] Brown und May, S. 36.

 

[5] Brown und May, S. 73.

 

[6] Andrea Hösch, Ein Macher mit Visionen in: Greenpeace Magazin 3.2002, URL: http://www.greenpeace-magazin.de /index.php?id=3598 (Stand: 13.01.2012 ).

 

[7] Brown und May, S. 73.

 

[8] Christian Krüger, Matthias Müller-Henning, Greenpeace auf dem Wahrnehmungsmarkt, Studien zur Kommunikationspolitik und Medienresonanz. Hamburg 2000, S. 35-38.

 

[9] Anna-Katharina Wöbse, Die Brent Spar Kampagne. Plattform für diverse Wahrheiten, in: Frank Uekötter und Jens Hohensee (Bearb.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme. Wiesbaden 2004, S. 145.

 

[10] Wöbse, S. 144.

 

[11] Greenpeace 2003, URL: http://www.greenpeace.de/themen/ oel/brent_spar/artikel/chronik_ ein_konzern_versenkt_sein_image/ (Stand 14.01.2012).

 

[12] Karoline Boehm, Warenboykott, vom Arbeitskampf zum Angriff auf das Image, in: Klaus Schönberger, Ove Sutter (Bearb.), Kommt herunter, reiht euch ein, Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Hamburg und Berlin 2009, S. 149.

 

[13] Brigitte Behrens, Vorwort, in: Koch et al. (Bearb.), Brent Spar und die Folgen, Hamburg 2005, S. 4.

 

[14] Christian Krüger, Matthias Müller-Henning, Brent Spar als Geschichte und Gegenwart, Zur sozialen Brisanz der Auseinandersetzung, in: Koch et al. (Bearb.), Brent Spar und die Folgen. Hamburg 2005, S. 25.

 

[15] Vgl. Wöbse, S. 150.

 

[16] Vgl. Wöbse, S. 150-151.

 

[17] Wöbse, S. 154.

 

[18] Wöbse, S. 139.

 

[19] Greenpeace 2010a.

 

[20] Wöbse, S. 155.

 

[21] Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie, Eine Weltgeschichte. München 2011, S. 356.

 

[22] Jochen Reiss, Greenpeace. Der Umweltmulti – sein Apparat, seine Aktionen. München 1990, S. 39.

 

[23] Reiss, S. 39.

 

[24] Martin Zips, Fast wie bei James Bond. Die Konfrontation mit einem Walfänger bringt die angriffslustigen Umweltschützer um Paul Watson weltweit in die Schlagzeilen, in: Süddeutsche Zeitung (8.1.2010); URL: http://archiv.sueddeutsche.de/75238P/ 3215393/Fast-wie-bei-James-Bond.html (Stand: 14.01.2012).

 

[25] Zips.

 

[26] Greenpeace 2009, URL: http://www.greenpeace.de/themen/klima/ presseerklaerungen/artikel/greenpeace_kletterer_ protestieren_an_zwillingstuermen_ der_deutschen_bank_in_frankfurt/ (Stand:19.01.2012 ).

 

[27] Greenpeace 2010b, URL: http://www.greenpeace.de/themen/ waelder/presseerklaerungen/artikel/ nestle_will_nach_greenpeace_ kampagne_urwald_schuetzen/ (Stand: 18.01.2012).

 

[28] Greenpeace 2010c, URL: http://www.greenpeace.de/themen/ waelder/presseerklaerungen/artikel/ nestle_will_nach_greenpeace_ kampagne_urwald_schuetzen/ (Stand: 18.01.2012).

 

[29] Marc Amann (Bearb.), Reclaim the Streets in: go.stop.act., Die Kunst des kreativen Straßenprotests, Geschichten, Aktionen, Ideen. Frankfurt 2011, S. 42.

 

[30] Amann, S. 44.

 

[31] Amann, S. 44.

 

[32] Amann, S. 50.

 

[33] Marc Amann, Flash Mobs, in: Ibid. (Bearb.), go.stop.act. Die Kunst des kreativen Straßenprotests, Geschichten, Aktionen, Ideen. Frankfurt 2011, S. 188.

 

[34] Bahn für alle 2007, URL: http://www.bahn-fuer-alle.de/pages/ pressemitteilungen/2007/flash-mob--- protest-in-50-bahnhoefen-gegen- bahnprivatisierung.php (Stand 14.01.2012).

 

[35] Amann, S. 192.

 

[36] Wolfgang Sachs et al., Game Over. Neustart! Das Buch zum vierten Kongress Mc.Planet. Hamburg 2009, S. 162.

 

[37] Sachs, S. 162.

 

[38] Andrej Mischerikow, Aneignung und Umnutzung, Medientechnik und Soziale Bewegungen, in: Klaus Schönberger, Ove Sutter (Bearb.), Kommt herunter, Reiht euch ein, Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Hamburg und Berlin 2000, S. 241.

 

[39] Mischerikow, S. 241.

 

[40] Campact 2011, URL: http://www.campact.de/ atom2/sn11/signer (Stand: 16.01.2012).

 

Bildnachweis

© Wolfgang Hain/Greenpeace.

Spektakuläre Bilder sind aus der modernen Nachrichtenwelt kaum mehr wegzudenken. Innerhalb der Ökologiebewegung war Greenpeace die Organisation, die die Macht der Bilder mit als erste erkannte und nutzte. Greenpeace hat mit dieser Art des Protestes der Umweltbewegung ein neues, spannendes und abenteuerliches Gesicht gegeben. Die Umweltschutzorganisation ist mittlerweile weltweit eine der erfolgreichsten Nicht-Regierungsorganisationen und hat über ihre außergewöhnlichen Aufnahmen immer wieder Aufsehen erregt: Ob Schlauchbootfahrer vor Walfangschiffen oder Kletterer an Fabrikschornsteinen – Greenpeaceaktivisten sind auf diese Weise in unserer bildlichen und medialen Erinnerung sehr präsent. Nicht wenige Organisationen haben versucht, Aktionsformen und Bilder von Greenpeace zu adaptieren und gelegentlich zu radikalisieren.

 

 

1. Vorgeschichte

Die Insel Amchitka liegt südwestlich von Alaska und ist eines der aktivsten Erdbebengebiete der Welt. Im Jahr 1964 führte ein Beben in dieser Region nicht nur zu großen Verwüstungen in Alaska, sondern auch zur Entstehung einer Abfolge von Tsunamis, die die Küsten von Kalifornien, Hawaii und Japan heimsuchten. Ebenjenes Gebiet hatte die US-Regierung für ihre ersten Atomwaffentests ausgewählt: Die Mission trug den Decknamen Milrow und fand am 2.10.1969 in 1200m Tiefe mit der Zündung einer 1-Megatonnen-Atombombe statt. Aus Protest gegen den Test hatten ca. 10.000 Protestierende die wichtigen Grenzübergänge zwischen den USA und Kanada blockiert und trugen Transparente mit der Aufschrift: "Macht keine Welle. Ihr seid Schuld, wenn unsere Zukunft in Trümmer geht."[1] Aus diesem Protest entstand eine der weltweit mächtigsten Umwelt-NGOs: Greenpeace.

 

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2. Von Anti-Atom zu Greenpeace - eine Gründungsgeschichte

In der Unitarier-Kirche 49th Avenue and Oak in Vancouver suchten die Gründungsmitglieder von Greenpeace im Jahre 1970 einen Namen für ihre Organisation. Einprägsam sollte er sein und – im Gegensatz zur ersten Idee eines "Don´t Make a Wave Commitee" – nicht allzu lang.[2] Außerdem sollte der Name das Gleichgewicht aus Sorge um den Planeten und Atomwaffenprotest widerspiegeln. Auf der Grundlage dieser Überlegungen erschuf der junge kanadische Sozialarbeiter Bill Darnell die Wortverbindung "Greenpeace".  Zum Gründungskomitee gehörten außerdem Jim Bohlen, Paul Cote und Irving Stone – alles zentrale Personen des früheren "Don´t Make a Wave Commitees". Zur offiziellen Gründung von Greenpeace kam es schließlich am 15. September 1971.[3]
Bereits in den Anfangsjahren von Greenpeace lag der strategische Schwerpunkt der Organisation auf gewaltfreien Direktaktionen und einer gezielten Ansprache der Medien. Im Zentrum stand in den ersten Jahren der Protest gegen die Atomtests. Dabei verlagerte sich der Widerstand vom Land auf die See: Von Amchitka bis Moruroa agierte die Organisation gegen die Tests der Atommächte im Pazifik.
Die klapprigen Boote der Anfangszeit, die zur Verhinderung eines Atomwaffentests ausliefen, sind inzwischen ausrangiert – heute verfügt Greenpeace über eine technisch-versierte Hochseeflotte. Waren es in den frühen 1970ern noch ein bis zwei Themen, die es zuzuspitzen galt, beschäftigt sich Greenpeace mittlerweile mit der gesamten Bandbreite ökologischer Probleme. Nicht verändert hat sich jedoch die Herangehensweise: Nach wie vor bildet die geschickt inszenierte direkte Aktion und Konfrontation mit dem politischen Gegner den Mittelpunkt von Greenpeace-Operationen.

 

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3. Vom Atomtest zum Walfang – die erste Ausweitung des Themenspektrums.

Zu Beginn weigerten sich vor allem eingefleischte Aktivisten der Anti-Atom-Fraktion, das Engagement von Greenpeace auf andere Themen wie den Walfang auszudehnen. Dies änderte sich jedoch Mitte der 1970er: Anfang 1975 mieteten einige Aktive um Robert Hunter drei kleine Räume an der Fourth Avenue in Vancouver. Mittels facettenreichen Fundraisings bekamen sie zwei Schiffe für Anti-Walfangaktionen zur Verfügung gestellt. Am 27. April 1975 liefen die Phyllis Cormack und die Vega von Vancouver aus und wurden von ca. 23.000 Menschen verabschiedet. Zur Crew gehörte der schon an den Atomwaffenprotesten beteiligte Paul Watson (Gründer und heutiger Leiter von Sea Shepherd). Die Aktivisten suchten die Konfrontation mit der sowjetischen Walfangflotte, deren Routen sie zuvor in Europa ausspioniert hatten. Mitte Juni hatten sie die sowjetische Flotte aufgespürt und fuhren in die erste Konfrontation, die sie sogleich dokumentierten. Paul Watson ließ sich mit einem von der sowjetischen Fangflotte getöteten Walbaby ablichten. In Europa, Amerika und sogar in Japan liefen Aufnahmen der Aktion über die Bildschirme, die zeigten, wie eine Harpune nur knapp an Greenpeace-Aktivisten vorbeischnellte und einen Wal vor deren Augen tötete. In den nachfolgenden Jahren gründeten sich in Amerika regionale Gruppen, die sich als Greenpeace-Gruppen bezeichneten. Durch die Bilder in den Medien hatte Greenpeace die Aufmerksamkeit einer breiten und internationalen Öffentlichkeit erreicht.[4]

 

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4. "Erst wenn der letzte Baum gerodet..." – die Besetzung des Boehringer Schornsteins in Hamburg.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland fand Greenpeace immer mehr Zuspruch. Im Februar 1981 wurde in Hamburg das erste Büro eröffnet. Zu den Mitbegründern gehörten Gerd Leipold, Ozeanograph und Physiker vom Max-Planck-Institut, und Monika Griefahn. Sie hatte in einem Erwachsenenbildungsprogramm des CVJM gearbeitet und die Anti-Walfang-Kampagne seit 1978 verfolgt. Im Jahr 1980 traf sie sich in Frankreich mit Remi Parmentier und David McTaggart, mit deren Hilfe Greenpeace Deutschland gegründet wurde.[5]
Am 24. Juni 1981 verschafften sich Greenpeace-Aktivisten mit einer eigens für die Aktion erfundenen Spedition "Friedemann Grün" Zutritt zum Werksgelände der Chemiefabrik Boehringer in Hamburg und erklommen einen Schornstein. Als sie oben angekommen waren, entnahmen sie Rauchproben und entrollten ein Banner mit einer Weissagung der Cree, die in den 1990ern über Aufkleber in der BRD weite Verbreitung fand:

"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."[6]


Die Idee für die Besetzung des Schornsteins hatte einer der Kletterer, Harald Zindler, gehabt. Insgesamt 26 Stunden harrten die Aktivisten mit Atemmasken auf dem Schlot aus. Die Firma Boehringer stellte in der Hamburger Chemiefabrik Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel her, woraufhin im Hamburger Stadtgebiet und im Umland die Dioxinwerte angestiegen waren. Die Aktion stieß auf breite gesellschaftliche Akzeptanz, da die Schadstoffbelastung die Bürger in Sorge versetzte. Zu dieser Zeit sorgte sich die deutsche Öffentlichkeit zudem immer mehr um Themen wie die Spätfolgen des Sevesounglücks, das beginnende Waldsterben sowie Giftstoffe in Wasserversorgungssystemen und menschlicher Muttermilch.[7] Die Greenpeace-Aktion war erfolgreich – drei Jahre später stellte Boehringer die umstrittene Produktion in Hamburg ein.

 

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5. Greenpeace erfindet die Bilder

Greenpeace gelingt es wie keiner anderen Organisation im Umweltsektor ihr Profil in einfach zu deutenden Bildern kenntlich zu machen. Die Bilder entsprechen sowohl der öffentlichen Wahrnehmung als auch dem Selbstbild der Organisation. Häufig sind es in Fotos festgehaltene Aktionsmomente, auf denen Schlauchbootfahrer vor überdimensionalen Walfangschiffen, angekettete Aktivisten in schwindelerregender Höhe an Schornsteinen und Brücken oder professionell inszenierte Blockaden zu sehen sind – wie etwa die Blockade des Atommülltransports nach Gorleben mit einem Getränketransporter im November 2010. Ein wichtiges Merkmal von Greenpeace ist stets eine gelungene Symbolsprache der Aktion.
Das Bewusstsein, dass Veränderungen vor allem durch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit angestoßen werden können, ist bei Greenpeace stark verankert. Dabei setzt Greenpeace besonders auf ein Sinnesorgan: das Auge. Die Aufnahmen von Greenpeace besitzen eine hohe Informationsdichte, sind aber einfach zu verstehen und mit Emotionen zu verknüpfen. Neben Aktionsfotos setzt Greenpeace deshalb auch provozierende Fotos ein, die grausame Tieraufnahmen zeigen – geschlachtete Robbenbabys und in Schleppnetzten verendende Delfine.[8]
In diesem Punkt unterscheidet sich Greenpeace stark von anderen mitgliedstarken Umwelt- und Naturschutzorganisationen wie dem Naturschutzbund Deutschland, den Naturfreunden oder dem BUND. Während basisdemokratische Mitgliedsorganisationen eher Wert auf eine hohe Mitgliedsbeteiligung an Aktionen mit vergleichsweise geringen Mitteln legen, setzen die Strategen von Greenpeace unabhängig vom Aufwand auf pressewirksame und leicht zu vermittelnde Bilder. Greenpeace setzt meist auf eine gezielte Inszenierung eines Sachverhalts und schafft eingängige Symbole. Die Scheu vor der Selbstdarstellung, wie sie einige Akteure aus dem traditionellen Verbandssektor hegen, teilte Greenpeace nie.[9]

 

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6. Die Brent Spar Kampagne

Am 1. März 1995 begann Shell Deutschland eine Imagekampagne, in der sich Shell als ökologisches und soziales Unternehmen präsentierte. Parallel hierzu bereitete Shell UK die Versenkung der Ölplattform Brent Spar in der Nordsee vor.
Im gleichen Jahr plante Greenpeace eine Kampagne zur Nordseekonferenz, die im Juni im dänischen Esbjerg stattfinden sollte. Dabei suchte Greenpeace gezielt nach einem Vorgang, der sich skandalisieren ließ. Die Hauptthematik sollte der Gifteintrag in die Nordsee sein, doch die Unsichtbarkeit der Gefahr und die Anonymität der Verursacher ließen die Mitarbeiter der Organisation zunächst von der Thematik abrücken. Durch britische Greenpeace-Aktivisten kam schließlich die Problematik der Entsorgung von Ölplattformen ins Gespräch. Aufgrund des Symbolwerts einer solchen Versenkung entschied Greenpeace, sich der Brent Spar als skandalträchtigem Thema anzunehmen. Am 30. April 1995 besetzten Greenpeace-Aktivisten erstmals die Plattform der Brent Spar. Erst nachdem Shell einen Räumbefehl vor Gericht erstritt, wurden die Besetzer von der Plattform entfernt.[10]
Im Gegensatz zu bisherigen Greenpeace-Kampagnen entstand bei der Brent Spar Kampagne eine Eigendynamik, die von Greenpeace weder so vorgesehen noch berücksichtigt wurde. So war der von Politik und Gesellschaft unterstützte Boykott deutscher Shell-Tankstellen eine unintendierte Folge der Besetzung der Brent Spar. Auch die anschließende Verteilung von Boykott-Flyern an über 300 Shell-Tankstellen durch lokale Aktivisten war nicht vorher von Greenpeace geplant worden.[11]
Den Anstoß zu einer Erweiterung des Protestes in Deutschland gab die Junge Union Nordrhein-Westfalen am 24. Mai 1995 mit ihrer Aussprache gegen die Versenkung der Plattform. Wenig später schlossen sich neben dem Umweltausschuss des deutschen Bundestags auch Bundesumweltministerin Dr. Angela Merkel und der Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl der Initiative der Jungen Union an. Auf dem Abschlussgottesdienst des evangelischen  Kirchentages im Hamburger Volksparkstadion rief sogar der Kirchentagspräsident zum Boykott auf.[12]
Anfang Juni wurde die Plattform Brent Spar erneut von Greenpeace-Aktivisten eingenommen und bis zum Ende der Kampagne immer wieder geräumt und neu besetzt. Am 22. Juni des gleichen Jahres verkündete der Shell-Konzern, dass die Plattform nicht in der Nordsee versenkt werden sollte. Die Brent Spar Kampagne mündete schließlich sogar in ein internationales Abkommen: Die OSPAR-Konferenz (Oslo-Paris-Konferenz) beschloss im Juli 1998 ein Versenkungsverbot für Öl-und Gasplattformen in der Nordsee und im Atlantik. Zum ersten Mal wurden Unternehmen dazu gezwungen, über das Nachleben unrentabler Öl-, Gas- und Verladungsplattformen nachzudenken, anstatt sich das Problem mit Versenkungen sprichwörtlich aus den Augen zu schaffen.

 

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7. Der bittere Nachgeschmack der Brent Spar

Retrospektiv ist die Kampagne gegen die Versenkung der Ölplattform Brent Spar eine der meist zitierten und beachteten in der Geschichte von Greenpeace[13] – aber auch eine der am stärksten kritisierten. Die Umweltschutzorganisation selbst verortet die Brent Spar-Kampagne als größten Verbraucherboykott, den es je in der Bundesrepublik gegeben hat.[14] Doch die Vorgehensweise von Greenpeace war äußerst ambivalent und verlieh der Brent Spar Kampagne einen bitteren Nachgeschmack: Entgegen der Angaben des Shell-Konzerns, dass sich lediglich 130 Tonnen Problemrückstände im Inneren der versenkungsbereiten Plattform befänden, behauptete Greenpeace fälschlicherweise, dass es noch 5.500 Tonnen Öl und Ölrückstände im Inneren der Brent Spar gebe.[15]
Die falschen Angaben waren bei der ersten Besetzung entstanden: Man hatte wohl an einem Nylonfaden ein mit Eisenbolzen beschwertes Erdnussbutterglas in den Tank der Brent Spar absinken lassen wollen, um Proben zu entnehmen. Das Glas war allerdings in einem Lüftungsrohr hängen geblieben und hatte so zu falschen Hochrechnungen geführt. Obwohl sich Lord Melchett, der Leiter von Greenpeace U.K., im Nachhinein für den Zahlenverdreher entschuldigte und darauf verwies, dass die Zahlen erst sehr spät in die Kampagne eingeflossen waren, berichteten viele Medien binnen Kürze über eine gezielte Irreführung durch Greenpeace.[16]
Der mediale Aktionsstil von Greenpeace hatte auch die Folge, dass nur einem geringen Teil der Bevölkerung – und der Journalisten – überhaupt bewusst war, dass es sich bei der Brent Spar nur um eine Verlade- und Lagerplattform, nicht aber um eine Ölbohrinsel handelte. Bei der Kampagne ging es um eine maximale Skandalisierung und weniger um Detailfragen. Gleichzeitig ist bis heute umstritten, ob die Versenkung der Brent Spar gegenüber dem aufwendigen Transport nach Norwegen mit anschließender Demontage bei Freisetzung umweltschädlicher Stoffe in Küstennähe nicht sogar ‚umweltfreundlicher' gewesen wäre.
Ein weiterer Kritikpunkt seitens anderer Umweltaktivisten an Greenpeace-Aktionen wie der Brent Spar ist die Vernachlässigung ‚grauer' ökologischer Themen angesichts der medialen und politischen Überpräsenz von Skandalthemen. So äußerte zum Beispiel die TAZ-Redakteurin Nicola Liebert am 8. Juli 1995 unter der Fragestellung "Wer rettet die Flußauen?" Bedenken, dass die praktische Natur- und Umweltschutzarbeit durch ein solches Medienspektakel in Vergessenheit gerate. Gleichzeitig kam die Befürchtung auf, dass mediale Umweltspektakel à la Brent Spar dazu verleiteten, sich nicht mehr selbst zu engagieren, sondern nur noch über Geldspenden die Aktionen eines elitären Aktivistenzirkels zu unterstützen.[17]
Trotz aller Kritik hat die Greenpeace Kampagne um die Brent Spar eine emotionale Zuspitzung eines ökologischen Themas erreicht, das sonst wahrscheinlich nebensächlich geblieben wäre. Die Brent Spar Kampagne ist einerseits zu einem Symbol für den Sieg der Regenbogenkämpfer im Sinne des klassischen David-gegen-Goliath-Schemas geworden, ist aber andererseits auch eine Mahnung vor ökologischer Kurzsichtigkeit infolge der einseitigen Inszenierung bildgewaltiger medialer Umweltskandale.[18]

 

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8. Aus David wird Goliath - Imagewandel von Greenpeace seit den 1990ern

Mittlerweile zählt Greenpeace Deutschland ca. 562.000 Mitglieder und Greenpeace International ca. drei Millionen Mitglieder.[19] Mit der zunehmenden Größe von Greenpeace ist das Fundraising professioneller, die Bürokratie größer und die Radikalität geringer geworden. Der ehemalige Monopolist innerhalb der Ökologiebewegung kämpft mittlerweile auch um "Marktanteile" und Reputation beim Umweltschutz.
Das 20. Jubiläum von Greenpeace fiel in den Beginn der 1990er Jahre und somit in eine starke Professionalisierungsphase der Verbändelandschaft. Greenpeace schien vielen Beobachtern mittlerweile überetabliert und übermächtig.[20] Eine transnationale Umweltschutzorganisation, die mit Millionensummen arbeitete, hatte es bis dahin nicht gegeben – aus David schien Goliath geworden zu sein. Zu einem weiteren Imageproblem wurde für Greenpeace zudem ihre äußerst hierarchische und undemokratische Struktur. Dies führte dazu, dass die spendenreiche Organisation öfter wenig schmeichelhaft als The Empire bezeichnet wurde. Der Historiker Joachim Radkau hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass Greenpeace über seine Aktionsformen geradezu auf eine generalstabsmäßige Planung bei gleichzeitiger hierarchischer Führung angewiesen war.[21]
Hierbei ist der Unterschied von Greenpeace zu basisdemokratisch organisierten Non-Governmental Organisations (NGOs) wie dem Naturschutzbund und dem BUND klar herauszustellen. Bei den demokratisch organisierten NGOs ist das Mitspracherecht der Basis in die Struktur der Organisationen eingebaut. Somit können Themen, die an der Basis aufkeimen, bis an die Spitze des Verbandes getragen und thematisiert werden. Greenpeace entscheidet anhand von Faktoren wie Medienwirksamkeit und Spendenerfolg über Arbeitsschwerpunkte, während eine basisdemokratische NGO Schwerpunkte und Forderungen zunächst in aufwendiger Gremienarbeit demokratisch klären muss. So verkündete Harald Zindler einst sehr freimütig: "Ich lass mir doch von einer Vollversammlung nicht jemanden ins Schlauchboot setzen."[22] Ein weiteres Zitat macht dies noch deutlicher: "Debatten wie etwa zwischen Fundis und Realos bei den Grünen in Bonn, in denen man sich in endlosen Nächten die Nerven zerreibt und zerstreitet, gibt es bei Greenpeace nicht."[23]

 

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9. Realos und Fundis bei Greenpeace - die Abspaltung von Sea Shepherd

Aufgrund der zunehmenden Größe von Greenpeace ist die Gründung der "See Shepherd Conservation Society" als Antwort zu verstehen. Innerhalb der kleinen Führungsebene von Greenpeace kam es zu Meinungsverschiedenheiten. So verließ der Mitbegründer Paul Watson Greenpeace schon Ende der 1970er mit der Feststellung, dass bei Greenpeace "ein Haufen tatenloser Bürokraten" tagen würde.[24] Mittlerweile führt Watson die radikalste Anti-Walfang-Organisation der Welt – Sea Shepherd. Sie arbeitet nicht mehr nur mit Mitteln der gewaltfreien Aktion und Konfrontation, sondern mit direkten Angriffen auf Wal- und Delphinfänger, die in Politik und Öffentlichkeit kontrovers wahrgenommen werden. Neben geschickt dokumentierten Attacken auf Walfänger mit Buttersäure und Stinkbomben gehören auch Besetzungen der Walfangschiffe zu den Mitteln der Aktivisten.[25]

 

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10. Greenpeace-Kampagnen und Aktionen nach der Brent Spar-Kampagne

Doch auch Greenpeace beschäftigt sich weiterhin mit dem Kernthema Walfang. Dies wurde zuletzt auf drastische Weise am 18. Januar 2006 vor der japanischen Botschaft in Berlin deutlich. Greenpeace-Aktivisten legten einen in der Ostsee bei Rostock-Warnemünde verendeten Finnwal vor der japanischen Botschaft in Berlin ab. Die Aktion mit dem 20-Tonnen-Kadaver trug den Titel: "Wissenschaft braucht keine Harpunen. Schluss mit dem sinnlosen Walfang!" und protestierte gegen den Walfang durch die japanische Flotte in der Antarktis.
Am 16. März 2009 entrollten Kletterer zwei Banner an einem der jeweils 140 Meter hohen Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt am Main mit der Aufschrift: "Wenn die Welt eine Bank wäre, hättet ihr sie schon längst gerettet."[26] Laut zugehöriger Pressemitteilung forderte Greenpeace mit dieser Aktion die Bundesregierung auf, die Finanz-und Wirtschaftskrise für ein ökologisch orientiertes Konjunkturprogramm zu nutzen. Wieder gelang es Greenpeace mit geschicktem Timing, ein populäres und emotionales Thema, wie es die Finanzrettungsschirme zu dieser Zeit waren, aufzugreifen.
Im Rahmen des 15. Klimagipfels in Kopenhagen baute Greenpeace seine Aktivitäten im Bereich Klimaschutz massiv aus. So waren nicht nur Großschiffe, wie die Arctic Sunrise in Kopenhagen präsent, sondern auch eine große Zahl Aktiver. Einigen Aktivisten, darunter auch der Geschäftsführer von Greenpeace Spanien, Juan López de Uralde, gelang es am 17. Dezember 2009 sogar, sich in Ballkleidern und Smoking in ein Galadinner im Beisein der dänischen Königin einzuschleusen. Dort entrollten sie ein Transparent mit der Botschaft "Politicians talk, Leaders ACT." Sie ließen sich widerstandslos festnehmen und wurden 21 Tage in Haft behalten.
Ähnlich wie bei der Brent Spar-Kampagne griff Greenpeace zu Beginn des Jahres 2010 erneut direkt einen Konzern an. Diesmal war es der transnationale Lebensmittelgigant Nestlé. Die Kritik galt insbesondere der Herstellung von Schokoriegeln aus indonesischem Palmöl, das für die Abholzung des dortigen Regenwalds verantwortlich ist. Greenpeace produzierte ein Internetvideo, organisierte Demonstrationen mit Bannerprotest vor den Produktionsstandorten und schaltete eine Online-Petition. Die Pressemitteilung lautete: "KitKat, Süßes mit bitterem Beigeschmack."[27] Dies war die erste große Internetkampagne von Greenpeace, die dank ihrer Plakativität (Im zugehörigen Video erweist sich der Schokoriegel beim Abbeißen als Orang-Utan-Finger) mit 250.000 Unterzeichnern und 1,5 Millionen Klicks große Verbreitung fand.[28] Das Greenpeace-Prinzip der starken Bilder und einprägsamen Botschaften scheint auch – oder gerade – im Internet gut zu funktionieren.
Auffällig ist, dass Greenpeace auch hier keine Kooperation mit anderen Organisationen eingeht. Zuletzt wurde diese Politik im Rahmen der Anti-Atom-Proteste nach der Laufzeitverlängerung 2010 deutlich. Während die Großdemonstrationen und Menschenketten von Bündnissen der Anti-Atom-Bewegung organisiert wurden, trat Greenpeace eher als Einzelakteur in sichtbar abgegrenzten Aktionen auf – etwa bei der Projektion von Botschaften auf AKW-Kühltürme oder das Bundeskanzleramt.

 

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11. Umweltprotest und Inszenierung jenseits von Greenpeace - Reclaim the Streets, Flash Mobs und The Yes Men

Wie bereits erwähnt, hat Greenpeace auf den Straßen und im Internet mittlerweile Konkurrenz von anderen Protestgruppen bekommen: Ende der 1990er Jahre wurde Reclaim the Streets zum Synonym für Straßenblockaden und bunten Widerstand im öffentlichen Raum.
Ihren Ursprung nahm die Aktionsform in London und wurde von Anti-Straßenbau-Aktivisten organisiert, denen es um den Erhalt von unberührter Natur ging.[29] Der Widerstand manifestierte sich an dem Bau einer Umgehungsstraße im Londoner Osten: Die Claremont Road wurde 1993 mit bunten Barrikaden, selbstentworfenen Konstruktionen und einer alles zusammenfassenden bunten Party besetzt. Im Jahr 1998 war Reclaim the Streets außerdem an der Gründung des Peoples Global Action-Netzwerks (PGA) beteiligt und etablierte die Straßenparty als Form des Anti-Globalisierungsprotests.[30] Am 16. Mai 1998 fand während der Verhandlungen mit der Welthandelsorganisation in Genf ein globaler Aktionstag in über 30 Städten statt, der von PGA initiiert war.[31] Die Konferenzen in Seattle 1999, Genua 2000 und Heiligendamm 2007 sollen hier nur als weitere Meilenstein der Gipfelproteste der PGA genannt werden. Reclaim the Streets war somit eine der ersten Aktionsformen, die Widerstand, Protest und Spaß kreativ in sich vereinte.[32]
Eine weitere neue Protestform jenseits von Greenpeace sind die Flash Mobs, die sich im Sommer des Jahres 2003 in New York als neue Form des Happenings ausbreiteten. Über SMS, Email oder Internetforen verabredeten sich Menschen, die sich größtenteils nicht kannten, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. In Deutschland griffen die Feuilletons die neue Aktionsform auf, noch bevor es in Europa überhaupt zu ersten Flash Mobs kam. Flash Mobs sind wesentlich bedingt durch die Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologie.[33] Sie leben davon, dass  mobile, flexible, spaßsuchende und meist junge Menschen sich spontan an einem Ort verabreden, um dort etwas Bestimmtes zu tun.
In der Anfangsphase waren Flash Mobs sehr freizeit- und spaßorientiert, sie wurden im Laufe der Zeit jedoch immer politischer. Einer der ersten großen Flash Mobs wurde in Deutschland vom "Bündnis Bahn für alle" initiiert. Der Flash Mob fand bundesweit am 6. Oktober 2007 in über 50 Bahnhöfen statt.[34] Bei der Aktion sollte fünf Minuten vor zwölf mit Trillerpfeifen, Trommeln und Topfdeckeln zwei Minuten unter dem Motto "Bahnprivatisierung in die Tonne kloppen" in Bahnhöfen Alarm geschlagen werden. Dank ihrer vielfältig variierbaren Formen und Inhalte werden Flash Mobs vermutlich in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen.[35]
In jüngster Zeit sind auch die sogenannten Yes Men als neues Protestbündnis prominent geworden. Nach Selbstaussage wollen sie die Welt in Ordnung zu bringen: Dafür schlüpfen sie in die Rolle von Vertretern großer Unternehmen und machen im Namen dieser öffentliche Ansagen, um die Unternehmen unter Druck zu setzen.[36] So meldeten sie sich auf einer großen Öl-Konferenz in Calgary (Alberta) als Exxon-Vertreter an und erläuterten in ihrem offiziellen Beitrag, dass sie aus den Opfern des anthropogenen Klimawandels einen neuen Biokraftstoff herstellen möchten.[37] Die Konferenzteilnehmer wirkten im ersten Augenblick irritiert, stellten später jedoch interessierte Nachfragen. Die Veröffentlichung dieses schockierenden Materials machte die Yes Men bekannt.
Eine der prominentesten Aktionen der Yes Men war bis dato die Verteilung von falsch-datierten New York Times-Ausgaben am 12. November 2008. Die Zeitung schien auf den ersten Blick täuschend echt und erklärte den Krieg im Irak für beendet und enthielt Anzeigen von Ölfirmen, die sich nun allein den erneuerbaren Energien verschrieben hatten.

 

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12. Online Protest

Soziale Bewegungen sind mittlerweile zur Verbreitung ihrer Botschaften darauf angewiesen, sich neuer Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologien zu bedienen.[38] Vor allem soziale Netzwerke haben den Aktionspool und -radius von Aktivisten jeglicher Couleur deutlich vergrößert. Ernst Blochs Forderung eines Rückkanals, mit dem Nachrichtenempfänger zu Sendern werden können, scheint in Zeiten des Web 2.0. verwirklicht worden zu sein.[39]
In den letzten Jahren sind Netzwerke, die sich vorwiegend auf die Politisierung und Mobilisierung durch das Internet konzentrieren, stark angewachsen. So verfügen mittlerweile Kampagnennetzwerke wie Avaaz oder Campact über die Adressen von über 500.000 Unterstützern. Der erfolgreichste Online-Appell von Campact "Abschalten: Jetzt und Endgültig" aus dem März 2011 wurde von über 318.402 Unterstützern unterzeichnet.[40] Online-Petitionen haben zwar keinerlei rechtliche Bindung, setzen politische Akteure aber dennoch unter Druck. Über das Internet ist die Beteiligung an politischen Aktionen für den Einzelnen so einfach und niederschwellig wie noch nie zuvor geworden – heute hat der einsame Kletterer am Industrieschornstein meist schon vor dem Aufstieg eine breite Basis informierter und vernetzter Unterstützer hinter und ‚unter' sich.

 

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Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Martin Geilhufe

 

Online seit 2012

 

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Empfohlene Zitierweise: Martin Geilhufe, Erinnerungsort "Die Schornsteinbesetzer von Greenpeace", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/oekologische-zeiten/88-die-schornsteinbesetzer-von-greenpeace.