Der Englische Garten München

Kapitelübersicht - Verehrte Natur - Der Englische Garten München

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Der Englische Garten München    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte: München um 1800
  2. Die Stadt wächst
  3. Landschaftsgarten
  4. "Alles scheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt"
  5. Friedrich Ludwig von Sckells Vision
  6. Volksgarten
  7. Freiheit
  8. Freizeit
  9. Selbstdarstellung und Lebensstil
  10. Integrativ und multikulturell
  11. Bedrohte Fläche
  12. Ökosystem
  13. Die Last der Massen

 

Verwandte Themen

Der romantische Rhein, Der Biergarten, FKK, Trimm-Dich-Pfad, Worpswede, Die Lüneburger Heide

 

Literatur

Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (Bearb.), Der Englische Garten in München. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage der Festschrift "200 Jahre Englischer Garten in München". München 2000.

 

Dombart, Theodor, Der Englische Garten zu München. München 1972.

 

Borgmeier, Raimund, Der Englische Garten – eine frühe Manifestation der Romantik. Gießener Universitätsblätter 42 (2009), S. 39-50.

 

Imwolde, Lars, Metropolitane Parklandschaften. Der Englische Garten in München im Wandel. Dortmund 2007.

 

Wanetschek, Margret, Grünanlagen in der Stadtplanung von München 1790-1860. München 2005.

 

Landeshauptstadt München – Baureferat (Bearb.), Parkband zwischen Schlosspark Nymphenburg und dem Englischen Garten. München 2005.

 

Fußnoten

[1] Benjamin Thompson, Graf Rumford, zit. nach Pankraz Freiherr von Freyberg, "Lustwandler steh! Dank staerket den Genuss", in: Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (Bearb.), Der Englische Garten in München. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage der Festschrift "200 Jahre Englischer Garten in München". München 2000, S. 9.


[2] Christian Cay Lorenz Hirschfeld, Theorie der Gartenkunst, Leipzig 1782.

 
[3]Friedrich Ludwig von Sckell, Denkschrift über den Englischen Garten, 1807. Abgedruckt in: Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (Bearb.), Der Englische Garten in München. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage der Festschrift "200 Jahre Englischer Garten in München". München 2000, S. 94-96.

 

[4] Friedrich Ludwig von Sckell, Denkschrift über den Englischen Garten, 1807. Abgedruckt in: Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (Bearb.), Der Englische Garten in München. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage der Festschrift "200 Jahre Englischer Garten in München". München 2000, S. 92.

 

[5] Johann Nepomuk Huntinger, zitiert in: Gebhard Spahr (Bearb.), Johann Nepomuk Huntinger. Reise durch Schwaben und Bayern im Jahr 1784, Weißenhorn 1964, S. 73.

 

[6]Friedrich Ludwig von Sckell, Denkschrift über den Englischen Garten, 1807. Abgedruckt in: Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (Bearb.), Der Englische Garten in München. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage der Festschrift "200 Jahre Englischer Garten in München". München 2000, S. 93.

 

Bildnachweis

Der Englische Garten München (Foto: Ludmiła Pilecka).

Der Englische Garten in München ist der größte Landschaftsgarten in Europa und eine der ersten europäischen Parkanlagen, die für alle Stadtbewohner geöffnet wurden. Die zehn Kilometer lange, einen Kilometer breite grüne Achse der Stadt ist eines ihrer Wahrzeichen und ein wesentlicher Faktor für die Attraktivität des Münchner Raums, ob als touristisches Ziel oder Wohnort. Seit über 200 Jahren bietet der Park – einer der ersten "Volksgärten" und damit sowohl Spiegel als auch Experimentierfeld der Gesellschaft – Münchnern und Touristen einen Raum für die Begegnung mit der Natur und mit anderen Menschen, für Selbstentfaltung, Freizeit und Integration.
Trotz baulicher Eingriffe ist der Englische Garten weitgehend in seiner historischen Form erhalten, vor allem in seiner typischen Bepflanzung. Auch heute orientiert man sich deshalb noch an Carl Effners Aufmaßplan von 1830, wenn es um Eingriffe geht, denn bei einem solchen historischen "Bauwerk" bedeutet Parkpflege gleichzeitig auch Denkmalpflege. In Deutschland steht der Englische Garten jedoch nicht allein: Auch in Dessau entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem Wörlitzer Park ein Landschaftsgarten nach englischem Vorbild, der heute UNESCO-Weltkulturerbe ist und dem der Münchner Englische Garten in vielerlei Hinsicht ähnelt.

 

 

1. Vorgeschichte: München um 1800

Seine Entstehung verdankt der Englische Garten drei Personen: Dem pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor (1724-1799), der Bayern bis 1799 regierte, dem bayerischen Kriegsminister Benjamin Thompson, Graf Rumford (1753-1814) und dem Gartenkünstler Friedrich Ludwig von Sckell (1750-1823). Alle drei prägten auch über den Park hinaus nachhaltig das Münchner Stadtbild.
Die wachsende Bevölkerung Münchens (Ende des 18. Jahrhunderts rund 40.000 Einwohner) bedeutete zwei Dinge: die Stadt platzte in ihren befestigten Mauern aus allen Nähten – und neue Freizeitareale für die Münchner Bürger waren dringend nötig, vor allem Spaziermöglichkeiten. Karl Theodor öffnete deshalb schon 1780 den Hofgarten für die Allgemeinheit und ließ darüber hinaus den Englischen Garten schaffen, der 1792 eröffnet wurde.
Der neue Park war vom Kriegsminister Rumford eigentlich als Militärgarten im Rahmen seiner Heeresreform gedacht. Dort sollten sich die bayerischen Soldaten in ihrer Freizeit erholen und grundlegende landwirtschaftliche Fähigkeiten lernen. Doch von Anfang an war auch schon beabsichtigt, den Garten für alle Münchner Bürger zu öffnen: "Mein Werk soll nicht nur einem Stande, sondern dem ganzen Volke zugute kommen", erklärte Rumford.[1] Zunächst bestand der Park nur aus dem heutigen Südteil, aber schon einige Jahre später wurde er um die Fläche rund um den Kleinhesseloher See und die Hirschau erweitert. In 26 Jahren war der Park bis auf wenige Teile so fertig gestellt, wie er heute noch ist.

 

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2. Die Stadt wächst

Mit der Entwicklung der Parks eng verbunden war die von Karl Theodor veranlasste Abtragung der Stadtmauern, die zu einer schnellen Flächenexpansion Münchens führte. Der Englische Garten wertet das Gebiet vor dem Schwabinger Tor und entlang der Schwabinger Landstraße stark auf. Hier entstand in den nächsten Jahrzehnten eine neue "Gartenvorstadt", die sich schließlich zu den Stadtteilen Maxvorstadt und Schwabing entwickeln würde. Später wurde besonders die Fläche zwischen Ludwig- bzw. Leopoldstraße und Englischem Garten Objekt von Immobilienspekulation – und gehört bis heute zu den teuersten Gegenden in München.

 

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3. Landschaftsgarten

Der Landschaftsgarten etablierte sich als Gartenform um 1730 in England und löste die strengen geometrischen Formen des Barockgartens ab. Er kann als ein sehr früher Teil des Paradigmenwechsels in Kunst, Literatur und Kultur gesehen werden, der seinen Höhepunkt in der Romantik fand und auch unser modernes Naturverständnis nachhaltig geprägt hat.
Als Vorbild für die neuen Landschaftsgärten dienten die idealisierten Landschaften der italienischen und niederländischen Landschaftsmaler der 17. Jahrhunderts, aber auch Reiseberichte über unregelmäßig angelegte chinesische Gärten. Anstelle der Förmlichkeit, Ornamentalität und Künstlichkeit des Barockgartens stellt der Landschaftsgarten Natürlichkeit und sogar Wildheit in den Vordergrund und wird bald selbst zum Motiv der Landschaftsmalerei. Das neue Konzept unterstreicht die Werte von Aufklärung und Romantik: Natürlichkeit, Individualität, Freiheit.

 

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4. "Alles scheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt" [2]

Unregelmäßige, fast zufällig wirkende Linien, Haine, Wiesen, kurvige Wege, Bäche und Teiche imitieren natürlich entstandene, idyllische Landschaften und schaffen romantische Stimmungsbilder. Diese Gartenform ist nicht abgegrenzt durch Zäune – stattdessen bezieht sie ihre Umgebung geschickt mit ein und lässt die Grenzen zwischen Stadt und Park, Garten und Umland verschwimmen.
Freilich steckt trotzdem eine Menge Kunst hinter dieser Natürlichkeit: die Landschaften des Englischen Gartens werden unter anderem durch Strukturierung, Kontraste und perspektivische Täuschungen erzeugt. So wird zum Beispiel der Blick immer auf den Rand einer freien Fläche gelenkt, gewundene Wege sind nur für kurze Stücke überschaubar und bieten ständig neue Ausblicke, und eine akribische Auswahl verschiedener Baumarten sorgt für malerische Licht- und Schattenspiele. Die Bepflanzung und Wegeführung wird durch sorgfältig platzierte Bauten unterstrichen: Tempel und Pavillons, exotisch-asiatische Elemente, Brücken, malerische Ruinen. Der "klassische" Landschaftsgarten Friedrich Ludwig von Sckells bevorzugte allerdings statt kitschiger Bauten sparsame, schlichte Akzente wie den Monopteros oder einzelne Denkmäler: der Chinesische Turm war Sckell eher ein Dorn im Auge.

 

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5. Friedrich Ludwig von Sckells Vision

"In diesen anmuthigen reichhaltigen Gefielden, wo man unter Blüthen-Duft dahin wandelt; wo ein Sammt ähnlicher Rasen die Mutter Erde schmüket; wo ausgewählte Formen die Gebüsche umgürten, und liebliche Farbe-Tönen, Licht und Schatten angenehm wechseln, sind dem Fußgänger wohl gehaltene Wege geöfnet, und die Wahl gelassen, bald in dunkle Gebüsche zum traulichen Gespräch, oder in lichten Parthien, zum Genuße der schönen Natur zu treten. (...) Diese geschmückte Natur, diese üppige reichhaltige Gebüschen, können dann allmälig zum erhabenen Styl des Mayestätischen Parks übergehen: Es können sich dann Waldstücke, in grosen Maßen hingeworfen, die ein heiliges Dunkel einschliesen, und gesönderte Gruppen von ehrwürdigen Bäumen, zeigen. Freundliche Wiesen, die eilende Bäche durchströmen, können die Zwischen-Räume ausfüllen, und kräftige Wasserfälle die feierliche Stille unterbrechen. Heilige Haine wo die Phantasie die Bardensänge höret; wo sie Altäre der grauen Vorzeit im Geheimniß vollen Dunkel erblickt, und die hundert jährige Eiche sieht, die die Siegreichen Waffen Teutscher Helden trägt. Seen von sanften Ufern umschlungen, und von lieblichen Gesträuchen überhängt, die sich in die Fluthen tauchen, und ihr schönes Bild noch reiner wieder geben: Freundliche Inseln die zum Besuch auf Kähnen einladen, und wo abgesöndert von der lärmenden Welt, die süße Einsamkeit wohnt, und die Natur, da wenig besucht, noch unverdorben, im schönen Gewande der erhaltenen Unschuld pranget! –"[3]

 

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6. Volksgarten

Die Französische Revolution hatte nichtadelige Bürger als neue Macht zutage treten lassen, die nicht mehr ignoriert werden konnte. Auch in München beschleunigten die Ereignisse in Frankreich ein schnelles Umdenken vom Militär- zum Volksgarten. Der Volkspark, in dem alle sozialen Schichten gemeinsam die Freude an der Natur erleben können, wurde zu einem wichtigen Integrationsraum.
Von Sckell umreißt 1807 treffend, welche Möglichkeiten Volksgärten bergen – und wie viele verschiedene Aspekte bei ihrer Gestaltung deshalb beachtet werden müssen: "Ihre Zwecke bestehen darin, dass sie den Menschen zur Bewegung, und Geschäfts-Erhollung; zum Genusse der freien und gesunden Lebens Luft, und zum traulichen und geselligen Umgang und Annäherung aller Stände dienen (...). In solchen Gärten muß also auch für die Bedürfnisse aller Stände und Alter gesorgt werden".[4] Das Ergebnis ist eine bunte Mischung von Elementen, für den die Form des Landschaftsgartens ideal geeignet ist: Wiesen, Wald, Spazierwege, Alleen und Wirtshäuser bieten im Englischen Garten Platz für eine Vielfalt an Freizeitbeschäftigungen.
Schon früh wurde der Englische Garten zu einem beliebten Ziel für Besucher von außerhalb, die diesen Besuch als Bildungs- und Kulturveranstaltung oder als Teil ihrer künstlerischen Ausbildung sahen. Manche wurden davon inspiriert – so zum Beispiel Frederick Law Olmsted, der den New Yorker Central Park anlegte. Für viele Münchner war Sckells romantisches Konzept vom Naturgenuss am Anfang wohl zu abgehoben: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts machten sie ihre Ausflüge eher ins Münchner Umland, wo viele auch eigene landwirtschaftliche Nutzgärten besaßen.

 

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7. Freiheit

Standen die beschnittenen, streng geordneten Formen des Barockgartens für absolutistische Kontrolle und Unterdrückung, so war der Landschaftsgarten die perfekte Ausdrucksform für den aufklärerischen Liberalismus. Die freie Natur funktionierte als demokratisches Element, als politischer und gesellschaftlicher Freiraum, in dem auch soziale Konventionen gelockert wurden. Schon bei einem Besuch im Münchner Hofgarten 1784 beschreibt Pater Johann Nepomuk Huntinger diese besondere Atmosphäre, die im Englischen Garten noch starker zutage treten sollte: "In diesem Garten, welcher von jedermann besucht werden darf, ist man sehr ungeniert (...). Einer vertreibt sich hier die Weile mit Lesen unter einem schattigen Baume, ein anderer beschäftigt sich mit etwas anderem, jeder nach seiner Laune (...)."[5]
Im späten 20. Jahrhundert ist wohl vor allem die "Nackertenwiese" ein Ausdruck dieser Ungeniertheit. Trotz eines generellen, gesetzlich festgelegten Nacktbadeverbots im Freistaat wurde der Bereich der Schönfeldwiese im englischen Garten auf die große Nachfrage hin für die FKK-ler freigegeben. Andere Parkbesucher freilich sind über soviel Freiheit nicht immer so begeistert.

 

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8. Freizeit

Besonders Freizeit steht heute für Freiheit und individuellen Gestaltungsraum. Der Englische Garten war von Anfang an mit dem Konzept der Freizeit verbunden, auch wenn sich dieses im Laufe der Jahrhunderte stark gewandelt hat: Die Freizeit der Soldaten des Kurfürsten – ein Konzept, das Rumford in seiner Militärreform neu einführte – war die Zeit, in der kein Krieg herrschte und in der sie sich der landwirtschaftlichen Ausbildung widmen sollten. In der industriellen und postindustriellen Gesellschaft bildet Freizeit das Gegenstück zum Arbeits- und Stadtleben. Erholung, persönliche Weiterentwicklung und Identitätsarbeit – sei es durch gesellige Aktivitäten oder Sport – spielen jetzt eine zentrale Rolle. Der Park bietet dafür viele Möglichkeiten: Er kann zu jeder Zeit unentgeltlich für Sport oder gesellige Aktivitäten genutzt werden und bietet damit eine Flexibilität und Informalität, die den heutigen Lebensgewohnheiten entgegenkommt.

 

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9. Selbstdarstellung und Lebensstil

Der Parkraum als Promenade war von Anfang an ein Ort der bürgerlichen und individuellen Selbstdarstellung, in dem die Anerkennung durch Zuschauer eine wichtige Rolle spielt: "Hier will das Volk gesehen, gefallen, und bewundert werden (...). Die Pflanzungen dürfen sie also nur augenblicklich verbergen, nur die Neugier reitzen, und wieder befriedigen", erklärt Sckell.[6] War Selbstdarstellung früher vorwiegend eine Frage des gesellschaftlichen Standes, so ist sie heute eine des Lebensstils. Damals stellte man seinen eigenen Status zum Beispiel durch die Wahl des Transportmittels (Pferde oder Gespanne) dar; heute wird Lebensstil durch die Freizeitgestaltung zur Schau gestellt: zum Beispiel durch (exotische) Sportarten wie Surfen, Capoeira, asiatischen Kampfsport oder Joggen oder eben auch durch die Ausübung von FKK auf der Schönfeldwiese.

 

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10. Integrativ und multikulturell

Der Park bringt nicht nur Menschen aller Altersgruppen, kulturellen und sozialen Schichten zusammen, er vermischt sie auch und schafft neue Gruppenzugehörigkeiten und Identitäten, die durch öffentliche Zurschaustellung bestärkt werden – zum Beispiel beim Fußballspielen auf den Wiesen des Gartens, an dem Menschen aller Herren Länder teilnehmen.
Kulturelle Offenheit prägt den Park in vielerlei Form: Das Japanische Teehaus im Südteil des Englischen Gartens wurde beispielsweise 1972 anlässlich der Olympischen Spiele gebaut und bestärkt die freundschaftlichen Bande zwischen dem japanischen Sapporo und München. Die Surfer an der Isarwelle bringen kalifornisches Flair nach München; "Nackerte", "Gammler" und "Hippies" stehen für Weltoffenheit und Toleranz. Und am Chinesischen Turm treffen schon seit 1793 die unterschiedlichsten Menschen bei einem Bier aufeinander: So lieb ist der Turm den Münchnern, dass er nach seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg schon 1953 wieder aufgebaut war – nicht zuletzt mit Hilfe der Amerikaner, die ihn mit ihren Bomben zerstört hatten.

 

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11. Bedrohte Fläche

So groß der Englische Garten ist – er wird auch oft als bedrohte Fläche empfunden. Seit seiner Entstehung verursachen Baupläne in seiner unmittelbaren Nähe oder gar im Parkgelände regelmäßig heftige Diskussionen. Immer wieder mussten Flächenverluste zugunsten von Straßen oder Gebäuden hingenommen werden. Darunter am prominentesten ist wohl der Isarring, der den Park in den 70er Jahren in einen Nord- und Südteil zerschnitt. Heute setzt sich die Initiative "Ein Englischer Garten" für die Ersetzung des Isarrings durch einen unterirdischen Tunnel ein, der diese Zäsur im Park wieder aufheben würde. Manche Baupläne, wie der einer Trambahnlinie durch den Park, wurden durch die Proteste der Bürger vereitelt. Andere Veränderungen wie die Verlegungen von Stromleitungen, Kanalisation oder der Bau eines Regenüberlaufsbeckens ließen sich nicht so erfolgreich verhindern.

 

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12. Ökosystem

Als Grünfläche ist der Englische Garten auch ein Ökosystem und ein Naturschutzgebiet – obwohl er künstlich entstanden ist. Friedrich Ludwig von Sckell plante die Bepflanzung des Parks behutsam und mit einem Blick für ökologische Aspekte: Klima und Standort wurden dabei genauso berücksichtigt wie die Benutzung heimischer Pflanzen und Gehölze. Ein Hochwasserdamm an der Isar machte die Parkanlage durch die Trockenlegung der Isarau überhaupt erst möglich. Die Ausschaltung der Auendynamik mit ihren periodischen Überschwemmungen sorgte für eine ungestörte Entwicklung der Fauna und Flora und damit für eine größere Artenvielfalt.
Der Südteil, der stärkeren Park- und Landschaftsgartencharakter hat, ist aus ökologischer Sicht eher uninteressant – dafür wird er durch Parkbesucher viel zu intensiv genutzt. Die Wiesen sind dort mit Intensivrasen bepflanzt und wegen der Verkehrssicherheit muss Altholz immer wieder entfernt werden. Auch typische Flora und Fauna findet sich aus diesem Grund dort nicht, abgesehen davon, dass auch hier naturnahe Gehölzbestände angepflanzt werden.
Der nördliche Teil des Parks, der schon davor ein Hirschgehege war, hat hingegen eher Waldcharakter. Das liegt einerseits an Sckells ursprünglichem Konzept, das für den Nordteil größere Naturbelassenheit vorsah, andererseits auch an der Barriere, die in den 70er Jahren mit dem Isarring entstand und für eine weniger intensive Nutzung sorgte - dadurch wurde praktisch ein Naturreservat geschaffen. Hier finden sich immer noch viele wichtige Vogelarten, Wiesengräser, seltene Insekten, Amphibien und Schnecken. Auch viele Säugetierarten kann man hier finden.
Verschiedene Dinge machen dem Ökosystem des Parks zu schaffen: Zum Beispiel fiel fast die gesamte Ulmenpopulation des Parks einem Schädlingsbefall zum Opfer, und Unwetter sorgen in regelmäßigen Abständen für starke Schäden am Baumbestand. Auch die Immissionen der Stadt und Trockenheit schaden der Vegetation. Die größte Belastung für den Garten sind allerdings seine menschlichen Besucher..

 

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 13. Die Last der Massen

So viel individuelle und gesellschaftliche Freiheit der Englische Garten auch bietet: Oft wird diese Freiheit zur Belastung. Besonders die Vegetation im Südteil wird durch so genannte "Freizeitnutzung" extrem strapaziert. Doch nicht nur diese schwer vermeidbaren Belastungen sind ein Problem, dazu kommen die mutwillige Zerstörung von Pflanzen, die Verschmutzung von Gebäuden und Denkmälern sowie tonnenweise zurückgelassener Müll. Auch der Umgang mit Tieren im Park ist problematisch: Durch Überfütterung nimmt das Wassergeflügel im Südteil Überhand, und im Nordteil dezimieren frei laufende Hunde die Reh-, Hasen- und Fasanenpopulation. Wie beim romantischen Rhein ist die romantische Idylle, die eigentlich ein zentraler Aspekt des Landschaftsgartens sein sollte, durch die Millionen von Besuchern ein wenig verloren gegangen; nirgendwo ist man weniger allein mit der Natur als im Englischen Garten. Gartenkunst und Freizeitkultur, Landschafts- und Volksgarten stehen so in einem Spannungsverhältnis, das nicht immer leicht aufzulösen ist.

 

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Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Claudia Köpfer

 

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Empfohlene Zitierweise: Claudia Köpfer, Erinnerungsort "Der Englische Garten München", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verehrte-natur/26-der-englische-garten-muenchen.