Trinkwasser

Kapitelübersicht - Verschmutzte Natur - Trinkwasser

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Trinkwasser    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte: Am Brunnen vor dem Tore
  2. Der Durst der Großstadt
  3. Sauberkeit
  4. Cholera
  5. Übertragungswege
  6. Stadttechnik
  7. Die Macht der Gewohnheit
  8. Trinkwasser im Klosett
  9. Wasser in Flaschen
  10. Ein Privileg des Westens

 

Verwandte Themen

WaBoLu, Der Badeort, Sebastian Kneipp, Der schmutzige Rhein, Rieselfelder

 

Literatur

Richard J. Evans, Tod im Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910. Reinbek bei Hamburg 1990.

 

Maude Barlow, Tony Clarke, Blue Gold. The Battle Against Corporate Theft of the World's Water. Toronto 2002.

 

Fußnoten

[1] Evans, Tod im Hamburg, S. 197.


[2] http://www.bdew.de/internet.nsf /id/C125783000558C9FC 125766C0003CBAF/$file/ Wasserfakten%20im%20%20Überblick %20-%20freier%20Bereich% 20April%202012_1.pdf.

 
[3] http://www.unwater.org/statistics _san.html.

 

Bildnachweis

Stilles Mineralwasser.

Jeder kennt es und nutzt es – täglich und ohne groß darüber nachzudenken. Trinkwasser ist in Deutschland seit Generationen eine Selbstverständlichkeit, und die wenigsten Menschen denken an die Geschichte, wenn sie einen Wasserhahn aufschrauben. Dabei dokumentiert dieser Handgriff – und die Selbstverständlichkeit, mit der wir ihn ausüben – ein kollektives Bewusstsein, das sich durchaus als ein Produkt der Geschichte betrachten lässt. Vor einhundert Jahren haben die Menschen ihren Wasserhahn nämlich nicht ganz so selbstverständlich genutzt. Und vor zweihundert Jahren hätten sich die Menschen wohl sehr über das Wort "Trinkwasser" gewundert. Kann man nicht jedes Wasser trinken? Es musste einiges geschehen, bis man diese Frage verneinen konnte.

 

 

1. Vorgeschichte: Am Brunnen vor dem Tore

Die Versorgung mit frischem Wasser war seit jeher eine Schlüsselfrage der Stadtentwicklung, wie die Wasserleitungen und Aquädukte der römischen Antike zeigen. Die meisten Menschen der Vormoderne bezogen ihr Wasser jedoch aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. In aller Regel war es ein möglichst nahe gelegener Brunnen, aus dem man sein Wasser bezog, und dessen Unterhalt war zwangsläufig ein Gemeinschaftsprojekt von Familien, Sippen und Nachbarschaften. Der Brunnen wurde damit nahezu zwangsläufig zu einem sozialen Treffpunkt. Das Volkslied "Am Brunnen vor dem Tore" kündet davon noch heute.

 

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2. Der Durst der Großstadt

Die dezentrale Versorgung aus zahllosen Brunnen kam zwangsläufig in die Krise, als die deutschen Städte im 19. Jahrhundert rasant wuchsen. Viele Großstädte griffen weit ins Umland aus, um die wachsende Bevölkerung mit frischem Wasser zu versorgen. Frankfurt zapfte im späten 19. Jahrhundert den Vogelsberg an, München die Mangfall, und im 20. Jahrhundert wuchsen die Distanzen weiter: Bremen bezog Wasser aus dem Harz, und Stuttgart trinkt bis heute Wasser aus dem Bodensee. Die Großstadt hatte einen enormen Durst – nicht zuletzt deshalb, weil sich die Bedürfnisse der Menschen veränderten.

 

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3. Sauberkeit

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Bürgertums, und zu dessen Wertehimmel gehörte auch die Sauberkeit: Reinlich sollte der gute Bürger sein. Dazu brauchte es einer tüchtigen Hausfrau und fleißiger Dienstmädchen – aber eben auch des sauberen Wassers. Hinter dem sauberen Hemd steckte noch eine Menge mühseliger Handarbeit, nicht selten in fraulicher Gemeinschaft am nächstgelegenen Fluss. Den eigenen Körper musste der Herr des Hauses hingegen noch selbst schrubben (nachdem hilfreiche Geister ein heißes Bad eingelassen hatten), und zwar in einem extra dafür vorgesehenen Raum – das Badezimmer ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Dahinter standen jedoch nicht nur bürgerliche Werte, sondern auch die wachsende Bedeutung einer medizinisch geschulten öffentlichen Gesundheitspflege. "Hygiene" wurde im späten 19. Jahrhundert zu einem Schlüsselbegriff, die "Hygienebewegung" zu einer öffentlichen Macht, und das aus guten Gründen. Bei der Hygiene ging es nämlich seinerzeit um Leben und Tod.

 

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4. Cholera

Die Konzentration von abertausenden Menschen auf engstem Raum bot günstige Bedingungen für Krankheitserreger, und so wurde das 19. Jahrhundert auch zu einem Zeitalter der Epidemien. 1831/32 schaffte es der Choleraerreger, in Indien endemisch, dank schnellerer Verkehrsverbindungen zum ersten Mal nach Mitteleuropa und verbreitete dort Angst und Schrecken – umso mehr, als zunächst niemand wusste, was die Ursache der rätselhaften Krankheits- und Todeswelle war. Vielleicht stammte das Übel aus dem Boden, aus übelriechenden Miasmen, die vor allem bei hohem Grundwasserspiegel entstanden, wie etwa der Münchener Naturwissenschaftler Max von Pettenkofer behauptete? Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Theorie des preußischen Mediziners Robert Koch durch: Cholera wurde durch Krankheitserreger im Wasser verursacht. Sauberkeit, Desinfektion und Quarantäne waren nunmehr die entscheidenden Gegenmittel.

 

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5. Übertragungswege

Mit Kochs Theorie rückten die Übertragungswege in den Mittelpunkt des hygienischen Interesses, durch die der Choleraerreger von Mensch zu Mensch wanderte. Als ein kritisches Thema präsentierten sich dabei ausgerechnet die Trinkwasserleitungen, die die Großstädte mit großem finanziellem Aufwand gebaut hatten. Wenn sich ein Krankheitserreger in einer Wasserleitung festsetzte, drohte massenhaftes Sterben. Als ebendies 1892 in Hamburg geschah, forderte eine verheerende Choleraepidemie etwa 10 000 Menschenleben. Es blieb nicht das einzige Ereignis, bei dem Trinkwasser den Tod brachte. 1901 forderte eine Typhusepidemie im Ruhrgebiet etwa 500 Todesopfer.

 

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6. Stadttechnik

Schlagartig wurde mit solchen Ereignissen klar: Die Sauberkeit des Trinkwassers war eine prekäre Angelegenheit. Hamburg hatte viel Geld in ein Wasserleitungsnetz und eine Kanalisation investiert und dafür sogar Experten aus England angeheuert, um die Mitte des 19. Jahrhunderts das führende Land der öffentlichen Gesundheitspflege. Wie es tatsächlich in dem Leitungsnetz aussah, verdeutlich ein Aufsatz von 1885 mit dem Titel "Die Fauna der Hamburger Wasserleitung". Darin berichtete der Zoologe Karl Kraeplin frohgemut von allerlei Getier, das in dem noch nicht gründlich filtrierten Wasser hinreichend Nahrung fand.[1] Erst nach und nach bekam die entstehende Disziplin der Stadttechnik solche unhygienischen Zustände in den Griff. Einrichtungen wie die Preußische Landesanstalt für Wasser-, Boden- und Lufthygiene beflügelten die Klärung der zahlreichen technischen Probleme.

 

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7. Die Macht der Gewohnheit

Die Hamburger Choleraepidemie blieb auch dank solcher Anstrengungen die letzte auf deutschem Boden. Damit schwand das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken aus dem Wasserhahn: Das Abkochen des Trinkwassers war, von kurzen Notsituationen abgesehen, eine Sache für Hypochonder. Trinkwasser war sicher und wurde ohne großes Nachdenken genutzt. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft verbraucht jeder Deutsche täglich 122 Liter Wasser.[2]

 

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8. Trinkwasser im Klosett

Gewinnung und Transport von sauberem Wasser verursacht einen beträchtlichen Aufwand, wie der Stadtbewohner unschwer an seiner Wasserrechnung erkennen kann. Daraus entstanden Überlegungen, ob man wirklich für alle Verwendungszwecke Trinkwasser der höchsten Güteklasse benötigt. Vor allem das Wasserklosett – auch eine Errungenschaft der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts – stand im Mittelpunkt der Kritik. War es wirklich sinnvoll, das mühsam aufbereitete Wasser zum Wegspülen von Fäkalien zu verschwenden? Bislang blieb Überlegungen, Toiletten mit bereits genutztem Wasser oder Regenwasser zu betreiben, der Durchbruch verwehrt, und so geht bis heute etwa ein Viertel des Trinkwassers durch die Toiletten unseres Landes.

 

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9. Wasser in Flaschen

Es ist eigentlich ein Affront: Da mühen sich die Wasserversorger redlich, jedem Bundesbürger sauberes Wasser frei Haus zu liefern – und dann schleppt der Konsument lieber Kisten voller Mineralwasser ins Haus. Für das Säubern des Salats und die Zahnpflege ist das Trinkwasser weiterhin gut genug – aber für das einfache Trinken gelüstet es dem Konsumenten nach Höherwertigem. Aber vielleicht sind das ja nur die Zeichen der Zeit? Längst drängen Großkonzerne in den Wassermarkt, der lange Zeit in kommunaler Hand lag. Es ist das wenig beachtete Ende einer Ära: Die leistungsfähigen kommunalen Großkonzerne waren ein entscheidender Faktor, der die Großstädte Europas so gesund und lebenswert machte.

 

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10. Ein Privileg des Westens

"Don't drink the water", hieß in der Nachkriegszeit der Ratschlag an Amerikaner, die in südliche Länder reisten. Das saubere, vertrauenswürdige Trinkwasser ist ein Privileg westlicher Wohlstandsgesellschaften, das erst dann ins Bewusstsein rückt, wenn es eben nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. Jede Minute sterben drei Kinder aufgrund schlechter sanitärer Versorgung, insgesamt leben 2,6 Milliarden Menschen weltweit ohne sanitäre Grundversorgung – und vieles deutet darauf hin, dass sich diese Probleme in Zukunft weiter zuspitzen werden.[3] Es gibt also Grund genug zum Nachdenken, wenn wir das nächste Mal einen Wasserhahn aufdrehen.

 

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Empfohlene Zitierweise: Frank Uekötter, Erinnerungsort "Trinkwasser", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verschmutzte-natur/70-trinkwasser.

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