Knechtsand

Kapitelübersicht - Aufbrüche - Knechtsand

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Knechtsand    

Knechtsand

 

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Schauplatz des Kalten Krieges
  3. Krieg auf Probe
  4. Die Vögel
  5. Der Protest
  6. Die Besetzung
  7. Erfolge
  8. Folgen
  9. Vom Reservat zum Weltnaturerbe

 

Verwandte Themen

Laufenburger Stromschnellen, Naturdenkmal, Nationalpark Bayerischer Wald, Lüneburger Heide

 

Literatur

Jens Ivo Engels: Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980. Schöningh, Paderborn 2006.

 

Anna-Katharina Wöbse: Die Bomber und Brandgans. Zur Geschichte des Kampfes um den 'Knechtsand'. In: Jahrbuch Ökologie 2008. München 2007, S. 188-199.

 

Fußnoten

 

Bildnachweis

Schild der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, fotografiert am Kalfamder, der Ostspitze der ostfriesischen Nordseeinsel Juist
Link: http://commons.wikimedia.org /wiki/File:Ruhezone.JPG.

Der Knechtsand ist eine von Menschen unbewohnte Sandbank in der Wesermündung. Landschaftlich eher unspektakulär und wirtschaftlich irrelevant entwickelte sich das wandernde Eiland in den 1950er Jahren zu einem umkämpften Gelände. Denn diese Sandbank diente ab 1953 als Übungsplatz für Bombenabwürfe der alliierten Luftstreitkräfte. Ansässige, Fischer und Naturschutzaktivisten organisierten den wachsenden Widerstand. Dessen Symbol wurden die bunten Brandgänse, die sich im Sommer alljährlich zu Tausenden auf der Insel zur Mauser einfanden und nun den militärischen Übergriffen schutzlos ausgeliefert waren. Der Kampf um den Knechtsand hat als ökologischer Erinnerungsort mehrfache Bedeutung: Er gehört zu den frühsten Umweltproteste der jungen Bundesrepublik und verrät viel über die Natur-Mensch-Beziehungskrise in der Zeit des Kalten Krieges. Zudem gehört er zu den wichtigsten Ausgangspunkten für einen deutschen Nationalpark und ist heute Kernregion des Weltnaturerbes Wattenmeer.

 

 

1. Vorgeschichte

Der Große Knechtsand: Der Hochsand in der Wesermündung gehört zur spezifischen Landschaft des Wattenmeeres, das aus schlickigen bis sandigen holozänen Sedimenten aufgebaut ist und sich durch Strömungs- und Windverhältnisse bedingt ständig verändert: Ein Ort in Bewegung. Die Fischer fischten in den umliegenden Gewässern, die Seehundjäger gingen hier auf die Pirsch. Es war ein entlegener, wenngleich selbstverständlich genutzter Platz. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Vogelschutzbewegung die Schutzbedürftigkeit der Seevögel "entdeckte", deren Bestände vor allem durch den Badetourismus zunehmend in Bedrängnis gerieten, entstanden entlang der deutschen Küsten zahlreiche sogenannte "Vogelfreistätten". Auch der Knechtsand gehörte vorübergehend in diese Kategorie und wurde vom Bund für Vogelschutz mit einem Vogelwart beschickt. Allerdings nicht auf Dauer. Offenbar war der Druck auf die Insel nicht so hoch, dass der Schutz zu den vordringlichen Projekten gehörte.

 

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2. Schauplatz des Kalten Krieges

Die unspektakuläre Sandbank hätte sicher auch nicht für weitere Aufmerksamkeit gesorgt, wenn sie nicht Objekt der bundesdeutschen Außenpolitik geworden wäre. Unter der Ägide des Bundeskanzlers Konrad Adenauer war am 9. September 1952 das sogenannte Knechtsand-Abkommen in Kraft getreten. Dabei handelte sich um einen schlichten Tauschhandel, den der Bundeskanzler mit den Alliierten ausgehandelt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die im Zweiten Weltkrieg evakuierte und stark zerstörte Insel Helgoland als Bombenübungsziel der britischen und der in England stationierten amerikanischen Luftstreitkräfte gedient. Aber im Zuge der Konsolidierung und Normalisierung bundesdeutscher Politik hatte die Bundesregierung darauf gedrungen, den Bewohnerinnen und Bewohnern der einzigen deutschen Hochseeinsel rasch die Rückkehr auf die roten Felsen zu ermöglichen. An Stelle dieses Abwurfziels sollte nun der von Menschen unbewohnte Große Knechtsand dienen. Der Aufschrei der anliegenden Gemeinden folgte unmittelbar. Die Menschen an der Küste, die Fischer, Bauern und Pensionswirte fürchteten sowohl um ihre eigene Unversehrtheit als auch um ihre ökonomische Sicherheit. Aber die Proteste der Lokalpolitik konnte angesichts der außen- und innenpolitischen Interessen wenig ausrichten: Helgoland war ein Symbol der wiedergewonnen Souveränität, und damit waren Zugeständnisse an die westlichen Alliierten verbunden. So fielen im November 1953 die ersten Übungsbomben in die Weiten des Wattenmeeres.

 

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3. Krieg auf Probe

Die Bevölkerung litt unter diesen Probebombardements – die Erschütterungen waren weithin zu spüren. Die Fischer fanden sich regelmäßig vom Zugang zu den benachbarten Gewässern ausgeschlossen und die Beeinträchtigung durch Lärm und die damit einhergehende unangenehme Erinnerung an die jüngsten Kriegserfahrungen standen einem erfolgreichen Bädertourismus diametral entgegen. Aber erst ein durch die Abwürfe verursachtes Massensterben von Brandgänsen sollte dem Protest ein nachhaltiges politisches Gewicht und der Debatte eine ökologische Dimension verleihen, die nicht nur die regionale, sondern auch die nationale Lesart von Natur und Landschaft dauerhaft veränderte.

 

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4. Die Vögel

Dass das Wattenmeer wichtige Rast-, Brut- und Nahrungsstätte für Millionen von Zugvögeln ist, war durchaus bekannt. Aber die besondere Bedeutung des Knechtsandes hatte bis dato keine größere Aufmerksamkeit bekommen. Gerade in dem Jahr, als das Knechtsand-Abkommen unterzeichnet wurde, begann der in der anliegenden Gemeinde Wremen tätige Volksschullehrer Bernhard Freemann, die auffälligen Enten mit rotem Schnabel und buntem Gefieder, die zu den Charaktervögeln der Region zählen, systematisch zu beringen, um Daten über ihre Herkunft zu erhalten. Bald kamen Fundmeldungen aus Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich zurück. Das öde Eiland war offenkundig eine zentrale Sammelstelle der europäischen Brandgansgemeinde, die sich hier alljährlich im Spätsommer zum gemeinsamen Mausern traf. Fast der gesamte Bestand von bis zu 200.000 Tieren stieß hier – geschützt in den flachen und nahrungsreichen Gewässern des Wattenmeeres – die Schwungfedern ab. Während der Mauerzeit sind die Brandgänse für vier Wochen flugunfähig und entsprechend verletzlich. Als die Bomben ins vermeintlich leere Watt fielen, trafen sie Tausende von flugunfähigen Vögeln. Weniger die umherfliegenden Splitter als die starken Druckwellen verursachten deren massenhaften Tod. Der Lehrer Freemann sammelte nicht nur die ornithologischen Befunde, sondern auch die Augenzeugenberichte der Fischer, die in den Gewässern immer wieder auf treibende Vogel- und gelegentlich auch auf Seehundkadaver trafen. Der sprachgewandte Lehrer machte das Massensterben öffentlich. Und er beschied sich nicht mit der Forderung nach einem Bombenstopp. Die von ihm gegründete Schutzgemeinschaft Knechtsand verlangte nun auch die Unterschutzstellung dieses unsteten Eilandes.

 

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5. Der Protest

Der Tod der Vögel verschaffte dem Konflikt nun eine ganz neue Dimension. Zum einen bekam die Auseinandersetzung plötzlich eine dringliche moralische Aufladung: Die Tiere wurden zum Inbegriff unschuldiger Opfer, die sich der massiven Gewalteinwirkung durch die Militärs nicht entziehen konnten. Durch ihre Herkunft aus vielen verschiedenen Ländern verkörperten sie zudem ein vereinigtes Tierreich Europas. Zum anderen führte das Brandgans-Leid zu ganz neuen zivilgesellschaftlichen Koalitionen, wie es sie in der Naturschutzgeschichte bis dahin selten gegeben hatte. Der bis zu diesem Zeitpunkt vornehmlich lokal aufgestellte Protest bekam nun die Unterstützung auch überregionaler und sogar international organisierter Verbände. Es waren eben nicht mehr nur die Vertreter von Lokalpolitik und Tourismuslobby sondern die Aktivistinnen und Aktivisten von Tierschutzverbänden, Naturwissenschaftlichen Gesellschaften, Natur- und Vogelschutzbünden. Vor allem wurde ein Naturschutzdiskurs mit pazifistischen Versatzstücken angereichert. In Zeiten hitziger Wiederbewaffnungsdebatten wurde hier der Slogan „Friede dem Knechtsand" ausgegeben. Die Aktionen interessierten damit nun auch ganz andere Klientele als die Kreise der Vogelfreunde. Dank der außergewöhnlichen medienpolitischen Gewieftheit des Lehrers und seiner unablässigen Öffentlichkeitsarbeit berichtete auch die überregionale Presse verstärkt und mit langen Bildstrecken unterlegt über den Skandal. Das junge auflagenstarke Blatt BILD widmete dem Thema ebenso wie die britische TIMES wiederholt umfangreiche Artikel. Auch international orientierte Organisationen begannen, die Kampagne zur Unterschutzstellung zu unterstützen. Die Tiere ermöglichten plötzlich, eine Frage deutscher Außenpolitik viel kritischer und offensiver zu diskutieren als das bis dahin vorstellbar gewesen wäre. Mit der Freigabe der Sandbank für Übungsbombardements hatte die Bundesregierung ihren Willen zur Westbindung unter Beweis gestellt und sich als verlässlicher Bündnispartner im Kalten Krieg präsentiert. Eine Selbstdarstellung der Ansässigen als Opfer dieser Politik war eine prekäre Angelegenheit. Nach der aggressiven Expansion des nationalsozialistischen Deutschlands schien es zudem nicht unbedingt angemessen, sich im internationalen Kontext lauthals über die Übungsflüge der Alliierten zu beschweren. Die Brandgänse hingegen vermochten eine neue und grenzüberschreitende Empathie zu mobilisieren. Die Bonner Politik hingegen wusste sich nicht recht aus der Pattsituation zu befreien. Sie sorgte für höhere Entschädigungszahlungen an die Fischer, aber trotz des steigenden Drucks machte sie zunächst keine Zugeständnisse an den Vogelschutz. Die Luftwaffe der Alliierten hingegen minimierte die Zahl der Flüge während der Mauserzeit und verwendete fortan statt Spreng- Rauchbomben.

 

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6. Die Besetzung

Als 1957 die Verlängerung des Knechtsand-Abkommens anstand, mobilisierte die "Schutz- und Forschungsgemeinschaft Knechtsand" noch einmal all ihre Kräfte, rief die Verbündeten zusammen und informierte die Presse. Am 8. September 1957 rief sie zur einer friedlichen Besetzung der Sandbank auf. Die Sympathisanten strömten busladungsweise herbei. Früh am Morgen machten sich mehrere hundert Aktivistinnen und Aktivisten auf 20 geschmückten Kuttern auf den Weg ins Wattenmeer. Mit an Bord war eine Entourage von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten. Auf dem Knechtsand angekommen, wurde eine ansehnliche Protestaktion inszeniert: Ein Mahnfeuer loderte, umringt von eigens aufgestellten Masten, an denen die grün-weiße Europaflagge, die Fahne des Landes Wursten und eine Totenkopfflagge flatterten. Die Schar der Widerständigen, die nun im Sprechchor die Freiheit der Sandbank intonierten, spiegelte die heterogene Koalition, die sich dem Schutz der Sandbank verschrieben hatte: Abgesandte der Tier-, Vogel- und Naturschutzbewegung waren angereist, Vertreterinnen und Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde, der Lokalpolitik, der Naturwissenschaft und des Landesjagdverbandes. Ihre Petitionen, von einer angeschwemmten Orangenkiste aus verlesen, kreisten allesamt um die eine Forderung: Den Großen Knechtsand von Bombardements jeglicher Art zu verschonen und zum Reservat zu machen.

 

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7. Erfolge

Die Szenerie war eindrücklich. Die Bilder und Berichte von der friedlichen Besetzung des Sandes fanden sich in der folgenden Zeit breit gestreut in den Medien der ganzen Bundesrepublik wieder. In Bonn hingegen zeigt man sich von dem Protest wenig beeindruckt, zumindest wollte man sich dem Druck nicht beugen und sich den alliierten Forderungen nach militärischen Manöverräumen verweigern. Während die Diskussion in Bonn also stagnierte, nahm die Regierung des Landes Niedersachsen das Heft in die Hand. Die föderale Struktur machte es möglich: das Land Niedersachsen in seiner Rolle als Oberste Naturschutzbehörde kooperierte mit dem zuständigen Regierungspräsidenten in Stade und erließ am 8. Oktober 1957 kurzerhand die "Verordnung über das Naturschutzgebiet 'Vogelfreistätte Knechtsand'", das eine Größe von 244 Quadratkilometern besaß und so zum größten Naturschutzgebiet der Bundesrepublik avancierte. Dieser Erlass kam einem Spiel über die Bande gleich. Die zögerliche Bonner Regierung war damit recht elegant ausgetrickst worden. Denn die Alliierten nahmen bald darauf Abstand davon, in einem offiziell deklarierten Naturschutzgebiet und von internationalen Fachleuten als Reich des europäischen Brandgansbestandes anerkannten Reservat weiterhin Übungsbomben abzuwerfen. Durch die populären und öffentlichkeitswirksamen Aktionen unter dem Zeichen der Brandgans war der Protest gleichermaßen humanitär als auch ökologisch neu eingefärbt und gesellschaftlich und diplomatisch kompatibel gemacht worden.

 

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8. Folgen

Die Freundinnen und Freunde der Brandgans im Speziellen und des Knechtsandes im Allgemeinen jubelten: Das Herzstück schien in Sicherheit. Aber vielleicht war ihnen nicht wirklich klar, was das konkret bedeutete: Dass die Insel ihnen nämlich zunehmend entzogen würde. Fortan entschieden die zuständigen Beamten der Unteren Naturschutzbehörde, wer Zutritt zu den Sänden erhalten würde. Und das waren nicht viele. Selbst Lehrer Freeman wurde bald das Betreten der Insel untersagt. Als im Laufe der 1970er Jahre dann die Gemeindepolitiker touristische Visionen entwickelten und den Knechtsand schon mit einer Strandbar ausgestattet und einem Sesselbahnlift an das Festland angeschlossen sahen, mussten sie erleben, dass sie längst kein Verfügungsrecht mehr über ihre unmittelbare Nachbarschaft besaßen. So, wie der Protest die unterschiedlichen Akteure zusammengeführt hatte, zeigte sich nun zunehmend, dass diese Verbindung schnell brüchig wurde. Selbst die wissenschaftliche Forschung, die einige Jahre systematisch auf dem Knechtsand stationiert wurde, musste schließlich weichen. Denn der Wohnturm, den den jungen Forschern als Unterkunft gedient hatte, stand auf unstetem Grund, und die zuständigen Behörden waren nicht bereit, die Forschung dauerhaft im Gebiet zu halten. Menschen gehörten nicht in das Gelände. Die Ökologisierung des amtlichen Naturschutzes und das Denken in größeren Habitatszusammenhängen verdrängte die bis dahin in Deutschland taktgebende Konzeption kleinteiliger Schutzgebiete. Der Knechtsand selbst sollte in einem größeren Gefüge aufgehen: 1986 wurde nach mehrjährigen Vorläufen der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer Wirklichkeit.

 

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9. Vom Reservat zum Weltnaturerbe

Aber es ging noch eine Stufe höher: Heute ist der Knechtsand eine Kernzone im Weltnaturerbe "Wadden Sea" der UNESCO. Aus einem lokalen Konflikt führt ein gerader Pfad zum höchsten und populärsten globalen Schutzstatus. Die Vorzeichen der Debatten über die Sandbank sind mehrfach neu definiert worden und die sich verändernden gesellschaftlichen Ansprüche an Natur und Wildnis werden auch weiterhin wieder neu verhandelt werden müssen. Die Brandgänse selbst sind ausgesprochen dynamisch und bewiesen, dass sie sich nicht an die ihnen zuliebe errichteten Schutzgrenzen zu halten gedachten. Seit 1978 ist der Große Knechtsand nicht länger die alleinige Topadresse für die Mauserzeit – dafür wuchsen die Brandgans-Bestände rund um die Insel Trischen im Dithmarschen Watt. Natur und die ihnen gewogenen menschlichen Akteure bleiben in Bewegung.

 

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Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Anna-Katharina Wöbse

 

Online seit 2012

 

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Empfohlene Zitierweise: Anna-Katharina Wöbse, Erinnerungsort "Knechtsand", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/aufbrueche/76-knechtsand.