Tschernobyl

Kapitelübersicht - Entgrenzungen - Tschernobyl

PDF-Version

Tschernobyl    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Alles unter Kontrolle
  3. Super-GAU
  4. Radioaktiver Regen, Grenzwerte, gesperrte Spielplätze und Dosenkost im Westen
  5. Grüner Salat und Schub für die Umweltbewegung im Osten
  6. Tschernobyl ist überall
  7. Anthropologischer Schock
  8. "Gezerre um die Strahlentoten"
  9. Tschernobylkinder
  10. "Die Wolke" und "Störfall"
  11. Virtuelle Kampfzone, Katastrophentourismus und Naturparadies
  12. Radioaktive Wildschweine und Pilze
  13. Fukushima: Ende der "typisch sozialistischen" Katastrophe

 

Verwandte Themen

Der GAU, Bitterfeld, Die Ost-Berliner Umweltbibliothek, Das Windrad, Seveso ist überall, Die SAG/SDAG Wismut, Risikotechnologien

 

Literatur

Melanie Arndt (Hrsg.), Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl. (Ost-)Europäische Perspektiven. 2015 (im Erscheinen).

 

Melanie Arndt, Tschernobyl in Deutschland, in: Bernd Greiner/Tim B. Müller/Klaas Voß (Hrsg.), Erbe des Kalten Krieges, Hamburg 2013, S. 364-382.

 

Melanie Arndt, Tschernobyl. Auswirkungen des Reaktorunfalls auf die Bundesrepublik Deutschland und die DDR. 3. überarb. Auflage, Erfurt 2012.

 

Melanie Arndt (Hrsg.), Memories, Commemorations, and Representations of Chernobyl, Themenausgabe Anthropology of East Europe Review 30 (2012) 1, Online: https://scholarworks.iu.edu/ journals/index.php/aeer/ issue/view/178.

 

Melanie Arndt / Margarethe Steinhausen, "Wir mussten völlig neu anfangen". Zeitzeugen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl berichten. Bielefeld 2011.

 

Frank Biess, "Everybody has a Chance": Nuclear Angst, Civil Defence, and the History of Emotions in Postwar West Germany", in: German History 27 (2009), S. 215-243.

 

Franz-Josef Brüggemeier, Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung. München 1998.

 

Astrid Sahm, Auf dem Weg in die transnationale Gesellschaft? Belarus und die internationale Tschernobyl-Hilfe, in: Osteuropa 56 (2006)4, S. 105-116.

 

Fußnoten

[1] Im Folgenden wird "Tschernobyl" ohne Anführungszeichen verwendet - es steht dabei nicht allein für das Katastrophenereignis am 26. April 1986, sondern für den gesamten Katastrophenprozess, der auch Sinnzuschreibungen berücksichtigt, die nicht unmittelbar mit der Reaktorexplosion zu tun haben.


[2] Charles Perrow, Normale Katastrophen. Die unvermeidlichen Risiken der Großtechnik. Frankfurt am Main / New York 1987.

 
[3] Frankfurter Neue Presse, 2.5.1986, zit. nach Arndt, Tschernobyl. Auswirkungen und Reaktionen, S. 59.

 

[4] Günther Anders, Hiroshima ist überall, München 1982.

 

[5] Ulrich Beck, Der anthropologische Schock. Tschernobyl und die Konturen der Risikogesellschaft, in: Merkur, Zeitschrift für europäisches Denken 40 (1986) 8/450, S. 653–663.

 

[6] Stefan Schmitt, "Gezerre um die Strahlentoten", in: Spiegel Online, 18.4.2006, http://www.spiegel.de/wissenschaft /mensch/0,1518,411839,00.html [5.3.2011].

 

[7] Vgl. beispielsweise: Greenpeace, The Chernobyl Catastrophe. Consequences on Human Health, Amsterdam 2006; Ian Fairlie/David Summer, The Other Report on Chernobyl (TORCH). An independent scientific evaluation of health and environmental effects 20 years after the nuclear disaster providing critical analysis of a recent report by the International Atomic Energy Agency (IAEA) and the World Health Organization (WHO). Berlin/Brüssel/Kiev April 2006; IAEA, The Chernobyl Forum: 2003-2005, Chernobyl's Legacy: Health, Environmental and Socio-economic Impacts and Recommendations to the Governments of Belarus. The Russian Federation and Ukraine. Second revised version. Wien April 2006; A.V.Jablokov/B.V. Nesterenko/A.V. Nesterenko, Černobyl': Posledstvija katastrofy dlja čeloveka i prirody [Tschernobyl: Die Folgen der Katastrophe für Mensch und Natur]. Sankt Petersburg, 2007.

 

Bildnachweis

Schild außerhalb eines Cafés in Pripyat. Foto von D. Markosian für Voice of America News.

In der Nacht zum 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des sowjetischen Atomkraftwerks "Wladimir Iljitsch Lenin", besser bekannt unter dem Kürzel "Tschernobyl"[1], der bisher größte nukleare Unfall der Menschheitsgeschichte. Die radioaktive Wolke, die sich nach der Explosion des Reaktors ausbreitete, verseuchte weite Teile Europas. Erhöhte Strahlenwerte konnten selbst noch in den USA und in China gemessen werden. Fast drei Jahre hielt die sowjetische Regierung unter Michail Gorbatschow Jahre das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe geheim. Bis heute herrscht Unklarheit über die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung. Die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen sind nicht nur in den am stärksten betroffenen Ländern – Belarus, Ukraine und Russland – offenkundig. Auch wenn erst die Reaktorunglücke in Fukushima ihn durchsetzten: Ohne Tschernobyl wäre der Ausstieg aus der Atomenergienutzung in Deutschland undenkbar gewesen. In seiner nun über ein Vierteljahrhundert währenden Geschichte ist Tschernobyl zu einem wandel- und streitbaren Erinnerungsort geworden.

 

 

1. Vorgeschichte

Knapp dreißig Jahre dauerte es vom Bau des ersten Atomkraftwerks bis zur Katastrophe von Tschernobyl. Die Liste der kleineren und größeren Störfälle, die die Nutzung der Atomenergie von Beginn an begleiteten, ist lang und scheint die These von der "Normalität der Katastrophe"[2] zu bestätigen. Allerdings sind nur wenige dieser Unfälle – wie Windscale, Three Mile Island und zunehmend auch Majak/Kyschtym - in den Kanon des Allgemeinwissens übergegangen.
Ohne den Kontext des Kalten Krieges ist die Entwicklung der "friedlichen" Nutzung der Atomenergie nicht zu verstehen. Nach einer zunächst auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zelebrierten Atomeuphorie in den 1950er und 1960er Jahren, die aus heutiger Sicht fantastisch-utopische Züge trug, verschafften sich im Westen immer mehr kritische Stimmen Gehör. Während zunächst vor allem wirtschaftliche Aspekte zum Protest motivierten, vereinte später zunehmend die Angst vor gesundheitlichen Folgen radioaktiver Verstrahlung, allen voran die Krebsangst, immer mehr Menschen. Die Anti-AKW-Bewegung entwickelte sich zu einer der größten sozialen Bewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Als der sowjetische Reaktor explodierte, verfügte sie über einen breiten Erfahrungsschatz und hatte ihren Höhepunkt längst überschritten.
Im Osten Deutschlands hingegen ließen fehlende Meinungs- und Informationsfreiheit sowie die offenbar sehr wirksame ideologische Maxime von der "wissenschaftlich-technischen Revolution" Kritik am Atomprogramm gar nicht erst aufkommen. Erst Anfang der 1980er setzten sich vereinzelt oppositionelle Intellektuellenkreise mit den Gefahren der Atomenergienutzung auseinander. Die engen Verbindungen zur Sowjetunion, die nicht nur auf staatlicher Ebene bestanden, wirkten sich auch auf die Wahrnehmungen und Reaktionen nach Tschernobyl aus. Aus diesen unterschiedlichen Vorgeschichten ergeben sich auch - zumindest teil- und zeitweise - unterschiedliche Wege der Erinnerung im Osten und Westen Deutschlands.

 

nach oben

2. Alles unter Kontrolle

In den ersten Tagen nach Bekanntwerden des Unfalls ähnelten sich die öffentlichen Reaktionen der Regierungen im Westen und Osten Deutschlands. In gewisser Hinsicht glichen sie dabei der sowjetischen Informationspolitik, die das Ziel verfolgte, das Ansehen der Sowjetunion im Ausland und die innenpolitische Stabilität zu wahren. Panik sollte vermieden und die Fortsetzung des Atomprogramms nicht gefährdet werden. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR erklärten Regierungsvertreter, dass keinerlei gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung bestünden und die eigenen Reaktoren absolut sicher seien. Kurz und knapp: Alles unter Kontrolle. Tatsächlich ließen beide Regierungen zahlreiche Strahlenmessungen durchführen und auch die eigenen Atomkraftanlagen intensiv überprüfen. Dabei wurden zahlreiche Sicherheitsmängel festgestellt, die aber weder im Westen noch im Osten in die Öffentlichkeit getragen wurden. Während die Regierung der DDR keinerlei Veranlassung zu Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung sah, deklarierte die Bundesregierung die von ihr verfolgten Maßnahmen – etwa zeitweilige Verkaufsverbote für einige Gemüsesorten – als reine Vorsorge.
Wie wenig in beiden Ländern tatsächlich unter Kontrolle war, zeigen das Kompetenz- und Kommunikationschaos zwischen Bund, Ländern und Kommunen in der Bundesrepublik und das Erstarken einer ökologisch motivierten Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Während in der Bundesrepublik ein öffentliches Wirrwarr aus Entwarnungen, Alarmmeldungen, Information und Desinformation herrschte, forderten nun immer mehr Ostdeutsche Informationen ein und äußerten ihre Sorgen und ihren Protest in Eingaben, Unterschriftensammlungen und selbstgedruckten Publikationen.

 

nach oben

3. Super-GAU

Weil er über (lat. supra) einer berechneten und vorstellbaren Unfallsmöglichkeit liegt, sei die Verwendung des Begriffs "Super-GAU" für Tschernobyl und vermutlich auch für die Unfälle in Fukushima durchaus berechtigt. So wird zumindest in manchen fachsprachlichen Diskussionen argumentiert. In der Umgangssprache bleibt er jedoch eine Tautologie, eine redundante Steigerung des GAU. Die ungebrochene Popularität des Intensivierungspräfixes ist zum einen Ausdruck tiefer Verunsicherung und gleichzeitig Versuch, das Unvorstellbare zu beschreiben und zu ordnen. Außerdem ist "Super-GAU" ein medientauglicher Kampagnen- und Kampfbegriff, der bis heute zum Standardrepertoire der Anti-AKW-Bewegung zählt, aber auch in Bereichen fernab der Atomenergiedebatte in der Alltagsprache Anwendung findet.

 

nach oben

4. Radioaktiver Regen, Grenzwerte, gesperrte Spielplätze und Dosenkost im Westen

"Muss ich für meine Kinder Jodtabletten kaufen? Ich war mit meinem kleinen Sohn spazieren, soll ich ihn jetzt duschen? Dürfen Kinder überhaupt noch ins Freie? Ist der Salat aus unserem Garten noch genießbar?"[3] - Diese und ähnliche Fragen bewegten die Bundesbürger/innen in den ersten Tagen und Wochen nach der Katastrophe. Zusätzliche Verunsicherung lösten dabei die unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Herangehensweisen von Bund, Ländern und selbst Kommunen aus. Während die einen Spielplätze, Sport- und Freizeitanlagen schlossen, weil sie befürchteten, radioaktiver Regen könnte sie verseucht haben, ließen andere ihre Kinder weiter im Freien toben. Heftige Auseinandersetzungen entbrannten auch über die Grenzwerte für die Strahlenbelastung von Lebensmitteln, insbesondere Milchprodukten. Auch hier herrschte Uneinigkeit. Statt frische Milch und Marktgemüse zu kaufen, wichen nun viele Verunsicherte auf H-Milch und Dosenkost aus, die vor der Katastrophe produziert worden waren. Trotz Warnungen, dass Jodtabletten auch negative Wirkungen haben könnten und eine Einnahme nur unmittelbar nach einem Unfall sinnvoll sei, waren sie vielerorts ausverkauft. Schließlich führte das bundesdeutsche Chaos unmittelbar nach der Katastrophe zur Gründung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit am 6. Juni 1986.

 

nach oben

5. Grüner Salat und Schub für die Umweltbewegung im Osten

Bis heute hält sich unter Ostdeutschen ein Erinnerungsstrang, der die gesellschaftlichen Reaktionen in der Bundesrepublik unmittelbar nach der Katastrophe als "typisch westdeutsche" Hysterie begreift. Doch auch viele Einwohner/innen der DDR waren besorgt. Sie erinnern sich an ein plötzliches Überangebot an ansonsten in den Kaufhallen rarem frischen Obst und Gemüse, insbesondere den begehrten Kopfsalat.
Statt Grenzwerten existierten in der DDR "Richtwerte", die aber für die Bevölkerung nicht zugänglich waren und teilweise (z.B. bei Salat) stark von den bundesdeutschen abwichen, d.h. eine stärkere Strahlenbelastung erlaubten.
Die widersprüchlichen Informationen, die über das Westfernsehen und das Westradio in die DDR drangen sowie die fehlende Aufklärung in der DDR trugen letztlich maßgeblich zum einem Erstarken der ostdeutschen Umweltbewegung bei. Nicht mehr nur unter dem schützenden Dach der evangelischen Kirche, verknüpfte sie nun zunehmend Umwelt- und Bürgerrechtsfragen.
Mit dem Ende der DDR kam auch das Aus für die beiden ostdeutschen Atomkraftwerke in Lubmin bei Greifswald und im brandenburgischen Rheinsberg.

 

nach oben

6. Tschernobyl ist überall

Nach Seveso ist überall und Günther Anders' "Hiroshima ist überall"[4] fand der Slogan auch eine Übertragung auf die Tschernobylkatastrophe. Er ist bis heute weltweit auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen zu finden. Als erste nutzten ihn die bundesdeutschen Grünen kurz nach der Katastrophe in einer Kampagne mit dem Ziel eines sofortigen Ausstiegs aus der Atomenergie. Auch in der DDR wurde er, leicht abgewandelt, aufgegriffen. "Tschernobyl wirkt überall", war die Losung eines im Frühsommer 1986 von Ost-Berliner Oppositionellen verfassten Appells, der eine Aufklärung über die Gefahren der Atomenergienutzung und ein Umdenken in der Atompolitik nicht nur in der DDR forderte.
In der Tat war und ist die Katastrophe transnational sowohl in Bezug auf die Verteilung des radioaktiven Fallouts als auch in den sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Unfalls. Noch während des Kalten Krieges offenbarte dieser grenzüberschreitende Charakter der Katastrophe die Zusammengehörigkeit Europas und schließlich auch der Welt: weder geographische noch ideologische Grenzen können ökologischen Gefahren Einhalt gebieten. .

 

nach oben

7. Anthropologischer Schock

Der Soziologe Ulrich Beck diagnostizierte nach der Katastrophe einen "anthropologischen Schock"[5]. In der Tat höhlte die Katastrophe bei vielen Menschen in West- und Ostdeutschland zumindest vorübergehend den Glauben an den technischen Fortschritt, die Beherrschbarkeit von Risikotechnologien und die relative Sicherheit des alltäglichen Lebens aus. Die chaotischen Reaktionen in der Bundesrepublik, das Schweigen in der DDR – beides potenzierte Unsicherheit, Sorge und Angst in der Bevölkerung. Wie sollte der Alltag im Atomzeitalter gemeistert werden, wenn die Gefahren weder mit den Sinnen noch mit dem Verstand zu begreifen waren? Während dieser "Schock" in anderen Ländern schnell wieder abebbte, führte die Auseinandersetzung mit den Gefahren der Atomenergienutzung im wiedervereinigten Deutschland schließlich zum geplanten Atomausstieg.

 

nach oben

8. "Gezerre um die Strahlentoten"[6]

Eines der umstrittensten Themen ist bis heute die Anzahl der "Tschernobylopfer". Einigkeit besteht lediglich über die 31 Menschen, die in unmittelbarer Folge der Reaktorexplosion ihr Leben verloren. Die unterschiedlichen Schätzungen der Anzahl der Menschen, die in den darauffolgenden Jahren an den Folgen der Katastrophe gestorben sind, reichen von "etwa 50" plus geschätzten 4.000 zusätzlichen Krebstoten bis fast einer Million Strahlentoter.[7] Das "Gezerre um die Strahlentoten", wie der "Spiegel" zum 20. Jahrestag der Katastrophe titelte, beruht vor allem auf unterschiedlichen Prämissen in vier miteinander verbundenen Bereichen. Erstens bestehen unterschiedliche, oft sogar konträre wissenschaftliche und moralisch-ethische Grundannahmen in Bezug auf die Schädlichkeit von radioaktiver Strahlung für den menschlichen Organismus und die dadurch verursachten Krankheiten. Zweitens differieren die den Zählungen zugrundeliegenden Bezugsgruppen und die Vorstellung davon, wer zu den Opfern zu rechnen sei. Drittens variieren die berücksichtigten Zeitspannen und viertens werden unterschiedliche geographische Räume mit in die Analysen einbezogen.
Letzten Endes zeigen diese oft heftig geführten Auseinandersetzungen um die Anzahl der "tatsächlichen" Opfer vor allem eines: die im wahrsten Sinne des Wortes unfassbare Komplexität eines nuklearen Unfalls, dessen gesundheitliche und ökologische Folgen sich eben nicht präzise bestimmen lassen. Die Unsicherheit, die dadurch ausgelöst wird, führt schließlich trotz des Wissens um die Unmöglichkeit des Unterfangens dazu, unaufhörlich weiter nach Parametern zu suchen, um doch noch "definitive" Antworten zu geben. Damit ist der Teufelskreis geschlossen. Das "Gezerre um die Strahlentoten" ist letztlich nichts anderes als die Weigerung, die Komplexität und unauflösbare Unsicherheit, die mit der Nutzung von Risikotechnologien verbunden sind, einzugestehen.

 

nach oben

9. Tschernobylkinder

Für viele Deutsche - in Ost und West - repräsentieren die sogenannten Tschernobylkinder den persönlichsten Referenzpunkt zur Katastrophe. Seit Anfang der 1990er erholten sich Hundertausende Kinder und Jugendliche aus mehr oder weniger strahlenverseuchten Gebieten der Ukraine, Belarus' und Russlands in deutschen Ferienheimen und Familien oder wurden medizinisch versorgt. Das private deutsche Tschernobylengagement ist sowohl in Bezug auf die Kinderreisen als auch das sonstige Spendenaufkommen eines der stärksten weltweit.
Für zahlreiche der über tausend größeren und kleineren deutschen Vereine war der Beginn ihres Engagements mit dem Wunsch nach Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit verbunden. Schließlich waren die nun vom radioaktiven Fallout am meisten betroffenen Regionen, jene Gebiete die im Zweiten Weltkrieg besonders unter der deutschen Vernichtungspolitik leiden mussten.
Weil der Nachwuchs fehlt, neue Einsatzfelder Aufmerksamkeit und Mittel abwerben oder aber auch bürokratische Herausforderungen und unterschiedliche Lebenswelten desillusionierten, geht das Engagement langsam zurück. Trotzdem erholen sich immer noch jedes Jahr zehntausende "Tschernobylkinder" in Deutschland. Diese grenzüberschreitende Engagement hat gezeigt: Neben all den verheerenden Auswirkungen kann eine Katastrophe auch unerwartet positive Folgen haben. Es hat sich eine weltweite Solidaritätsbewegung herausgebildet und Interesse für Regionen geweckt, die bis zum Zeitpunkt der Katastrophe von einem Großteil der Engagierten kaum auf einer Karte verortet werden konnten.

 

nach oben

10. "Die Wolke" und "Störfall"

Zwei Bücher haben die Wahrnehmung Tschernobyls in Deutschland besonders stark geprägt: Gudrun Pausewangs Jugendbuch "Die Wolke", das ein knappes Jahr nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl in der Bundesrepublik erschien, gehört seit langem in vielen Schulen zur Standardlektüre. Es holt den GAU in die westdeutsche Provinz. Durch die Verfilmung zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl und zuletzt nach den Reaktorunfällen in Fukushima erstürmte es erneut die Bestsellerlisten.
Ebenfalls 1987 erschien in der DDR Christa Wolfs "Störfall. Nachrichten eines Tages". Anders als Pausewang, die einen fiktiven Nuklearunfall zum Plot ihres Buches machte, setzt sich Wolfs Ich-Erzählerin direkt mit der Katastrophe von Tschernobyl auseinander. Indem sie gleichzeitig über die Krebsoperation ihres Bruders reflektiert, offenbart sie die elementaren Konfliktlinien einer hochtechnologisierten Gesellschaft, in der Gefahren und Nutzen der Technik nicht mehr zweifelsfrei voneinander zu trennen sind.

 

nach oben

11. Virtuelle Kampfzone, Katastrophentourismus und Naturparadies

Längst sind auch andere Auseinandersetzungsformen mit der Katastrophe in Deutschland angekommen. Im Computerspiel "S.T.A.L.K.E.R." kann man sich, immer wieder bedroht von Mutanten, durch eine detailgetreue virtuelle Kopie des Sperrgebiets kämpfen. Wem das zu wenig Authentizität ist, der kann sich von echten "Stalkern", wie sich die speziellen Fremdenführer nennen, durch die reale Sperrzone führen lassen. Fotopausen an Plätzen, die längst die Ikonographie der Katastrophe bestimmen, gehören zu jedem Katastrophentourismusprogramm: das Posieren vor dem Unglücksreaktor, dem niemals in Betrieb genommenen Riesenrad und Stillleben von herumliegendem sowjetischen Spielzeug in verwahrlosten Kindergärten der ehemaligen sowjetischen Musterstadt.
In jüngster Zeit wird die evakuierte Zone zudem zunehmend als Naturparadies inszeniert. Heulende Wölfe unter dem Vollmond, Wildpferde und Wisente im Nebel der Sümpfe lösen eine neue Tschernobyl-Faszination aus, in der die "Todeszone" zum Garten Eden stilisiert wird. Dabei herrscht keine Einigkeit unter den Biologen, die Untersuchungen in diesem Freilandlabor vornehmen, wie es um die Verfassung von Flora und Fauna steht.

 

nach oben

12. Radioaktive Wildschweine und Pilze

Die Zeit der häufig sehr emotional geführten Debatten um die radioaktive Verstrahlung deutscher Landschaften und um angemessene Grenzwerte ist vorbei. Mittlerweile hat die EU seichtere Grenzwerte für die Belastung mit dem langlebigen Cäsium-137 von Lebensmitteln als Belarus, die Ukraine und Russland. Diese Länder können Produkte, die dort nicht mehr verkauft werden dürfen, in die EU exportieren. Zwar existieren immer noch Institutionen wie das Umweltinstitut München, Foodwatch oder die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) die weitaus schärfere Grenzwerte einfordern. Sie sammeln und veröffentlichen auch Daten zu noch heute verstrahltem Wild und anderen Waldprodukten wie Pilzen und Beeren. Allerdings stoßen sie weitestgehend auf Desinteresse seitens staatlicher Institutionen und der Bevölkerung.

 

nach oben

 13. Fukushima: Ende der "typisch sozialistischen" Katastrophe

In Bezug auf Tschernobyl haben die Reaktorunfälle von Fukushima vor allem eines gezeigt: weder der Unfall selbst noch die Reaktionen darauf können allein mit dem sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem erklärt werden. Vielmehr als zuvor zwingt uns Fukushima, die "Normalität" von Katastrophen in der Nutzung von Risikotechnologien wie der Atomenergie anzuerkennen.

 

nach oben

 

Kommentare

Leider noch keine Kommentare verfügbar.

nach oben

 

Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Melanie Arndt

 

Online seit 2014

 

nach oben

 



Ihre Kommentare


Was meinen Sie: Ist "Tschernobyl" tatsächlich ein ökologischer Erinnerungsort? Zur Abstimmung klicken Sie bitte
HIER.


Sie haben ein hier erwähntes Ereignis miterlebt oder möchten unsere Präsentation kommentieren? Dann klicken Sie bitte auf unser FEEDBACK-FORMULAR.
Wir werden Ihre Email-Adresse ausschließlich für Zwecke dieses Projekts verwenden und nicht an Dritte weitergeben.

 


 

Empfohlene Zitierweise: Melanie Arndt, Erinnerungsort "Tschernobyl", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/entgrenzungen/103-tschernobyl.