Biologisch-Dynamische Landwirtschaft

Kapitelübersicht - Lebensweisen - Biologisch-Dynamische Landwirtschaft

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Biologisch-Dynamische Landwirtschaft    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Herr Steiner hat eine Idee
  3. Kunstdünger - eine Reizvokabel
  4. Humuswirtschaft
  5. Krebsgefahren
  6. NS-Erfahrungen
  7. Eine Art friedlicher Koexistenz
  8. Alternativen im Landbau
  9. Mehr als der Boden
  10. Frau Künast fördert den Ökolandbau
  11. Angekommen im Alltag?

 

Verwandte Themen

Vollkornbrot, Vom Reformhaus zum Bioladen, Obstbaukolonie Eden, Tierquälerei

 

Literatur

Gunter Vogt, Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus. Bad Dürkheim 2000.

 

Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945). München 1999.

 

Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. 2 Bde. Göttingen 2007.

 

Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft. Göttingen 2010.

 

Fußnoten

[1] http://www.oekolandbau.de/service/ zahlen-daten-fakten/ oekoflaeche-und-anzahl-betriebe/.


[2] Gemeines Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz I. HA Rep. 87 B Nr. 10547 Bl. 69.

 
[3] Staatsarchiv Münster Landwirtschaftliche Kreisstellen Nr. 698, Zeitungsbericht vom 12.1.1931.

 

[4] So etwa jüngst Peter Staudenmaier, Organic Farming in Nazi Germany: The Politics of Biodynamic Agriculture, 1933-1945, in: Environmental History 18 (2013), S. 383-411.

 

[5] Staatsarchiv Münster Landwirtschaftliche Kreisstellen Nr. 798, Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, Kurzer Bericht über das Geschäftsjahr 1962/63 und die gegenwärtige Situation, Darmstadt, 2.6.1964, S. 1.

 

Bildnachweis

Schloss Koberwitz bei Breslau.

Es gibt in Deutschland nicht viele Branchen, die seit Jahrzehnten ein stetiges Wachstum vorzeigen können. Der Ökolandbau gehört dazu: Beständig wächst die Fläche, die Landwirte mit Methoden des alternativen Landbaus bestellen. Ende 2012 gab es in der Bundesrepublik 23 096 Betriebe, die zusammen über eine Million Hektar nach den Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschafteten.[1] Längst sind Bio-Eier und Öko-Vollkornbrot nicht mehr nur im Bioladen, sondern auch im Supermarkt um die Ecke erhältlich, aus vielen guten Gründen: aus Sorge um die natürliche Umwelt, aus Protest gegen die großen Lebensmittelkonzerne und weil es einfach schmeckt. Aber diese Selbstverständlichkeit ist ziemlich jungen Datums: Der Ökolandbau und speziell die biologisch-dynamische Landwirtschaft waren jahrzehntelang Spielball regelrechter Weltanschauungskonflikte, die immer noch nicht ganz verklungen sind.

 

 

1. Vorgeschichte

Auch die Landwirtschaft veränderte sich in der Moderne grundlegend. Um 1800 war Landarbeit noch zu weiten Teilen Handarbeit, die das Gros der Bevölkerung reklamierte. Zweihundert Jahre später ist die Zahl der Bauern dramatisch geschrumpft, und ihre Arbeit ist umfassend mechanisiert. Ein solcher Umbruch vollzieht sich nicht ohne Verwerfungen, und so ist die Agrargeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts auch eine Streitgeschichte: über Auflösung und Verteilung der Allmenden, über Freihandel und Schutzzoll, über die relativen Vorteile von Pferden und Traktoren – und auch über Kunstdünger. Letzterer gab den Impuls zur Gründung einer neuen, "biologisch-dynamischen" Wirtschaftsweise.

 

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2. Herr Steiner hat eine Idee

Der Ursprung der biologisch-dynamischen Landwirtschaftslehre lässt sich mit seltener Präzision bestimmen. Sie geht zurück auf acht Vorträge zum Thema "Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft", die Rudolf Steiner im Juni 1924 auf Gut Koberwitz bei Breslau hielt. Die Vorlesungsreihe führte zur Gründung eines Landwirtschaftlichen Versuchsrings der Anthroposophischen Gesellschaft, der 1929 in Versuchsring anthroposophischer Landwirte und 1936 in Versuchsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umbenannt wurde. Damit die Erzeugnisse auch im Einzelhandel erkennbar blieben, erfanden die biologisch-dynamischen Landwirte ein Markenzeichen, das uns heute noch beim Einkauf begegnet: Demeter.

 

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3. Kunstdünger - eine Reizvokabel

Steiners Vorlesungsreihe lieferte keine umfassende Anleitung zum korrekten Wirtschaften. Einer der Kerngedanken war jedoch der Verzicht auf künstliche Düngemittel – was prompt ein ganzes Heer von Gegnern heraufbeschwor. Die Verwendung künstlicher Düngemittel gehörte seit dem späten 19. Jahrhundert zur agrarischen Normalität. Wissenschaftler und Berater hielten Kunstdünger für einen Eckpfeiler modernen Landbaus, Agrarpolitiker drängten in den zwanziger Jahren auf höhere Hektarerträge, um kostspielige Lebensmittelimporte zu vermeiden, und die Hersteller des Kunstdüngers waren ohnehin not amused. Außerdem zeigten sich in dieser Zeit erstmals negative Begleiterscheinungen des Kunstdüngereinsatzes auf den Feldern, so etwa eine Versauerung vieler Böden. So wirkte Steiners Lehre wie ein Stich ins Wespennest, und selbst gestandene Experten verloren bei dem Thema die Fassung. Die Düngerabteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft begann eine Versuchsreihe mit biologisch-dynamischen Landwirten, beschloss aber zugleich in öffentlicher Versammlung, dass sie "eine Befolgung der Vorschläge der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise im privaten und allgemeinen Interesse für bedenklich, ja gefährlich" hielt – was unvermeidlich zum Ende der gemeinsamen Versuche führte.[2]

 

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4. Humuswirtschaft

Die Landwirte sahen die Sache deutlich lockerer. In einer Versammlung des Landwirtschaftlichen Kreisvereins Soest in Westfalen erklärte ein Gutsbesitzer 1931, "daß das Verfahren im ganzen nichts Neues biete, sondern nur auf das Vorgehen der Vorfahren zurückgreife."[3] Tatsächlich lief die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in der Praxis vor allem auf eine gepflegte Humuswirtschaft hinaus – und die gehörte seit den Zeiten eines Albrecht Daniel Thaers (1752-1828) zu den Insignien klugen Wirtschaftens. Ein sparsamer Einsatz von Kunstdünger war in den 1920er Jahren auch betriebswirtschaftlich attraktiv, zählte Kunstdünger doch seinerzeit noch zu den größten Ausgabenposten. So war die biologisch-dynamische Lehre nicht nur für überzeugte Anthroposophen attraktiv, sondern auch für all jene, die bei den Betriebsausgaben sparen wollten.

 

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5. Krebsgefahren

Die anthroposophische Lehre warf für naturwissenschaftlich geschulte Personen einige Probleme auf. Die Steiner'sche Unterscheidung von lebendigem und totem Stickstoff war letztlich Glaubenssache, desgleichen die Äther- und Astralkräfte. Das musste nicht zwangsläufig zu großen Konflikten führen, zumal die zeitgenössische Landwirtschaftslehre noch viel Raum für Intuition und Erfahrungswissen bot. An einem Punkt hörte jedoch der Spaß auf: nämlich bei der Unterstellung, konventionelle Produkte seien gesundheitsgefährdend oder gar krebserregend. Einen Beleg blieb die biologisch-dynamische Lehre schuldig – wenig verwunderlich, denn die Behauptung richtete sich eher an die Kunden denn an die akademische Forschung. Was die Sache für die Vertreter der konventionellen Lehre nicht wirklich besser machte.

 

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6. NS-Erfahrungen

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu regional und zeitlich begrenzten Äußerungsverboten für biologisch-dynamische Kreise. Das war jedoch nur der Einstieg in eine ungewöhnlich turbulente NS-Geschichte, in deren Verlauf die neue Lehre auch zum Spielball einiger Nazi-Größen, ja dank des berüchtigten Heilkräutergartens im Konzentrationslager Dachau auch zum Komplizen des Genozids wurde. Zunächst war es vor allem Rudolf Heß, der seine schützende Hand über die biologisch-dynamischen Zirkel hielt, später zeigten auch Reichsbauernführer Richard Walther Darré sowie der Reichsführer der SS Heinrich Himmler Interesse. Das Ausmaß der Verbindungen und ihre Bewertung liefern bis heute Stoff für kontroverse Diskussionen.[4]

 

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7. Eine Art friedlicher Koexistenz

Seit etwa 1950 erfasste ein umfassender Wandlungsprozess praktisch alle Bereiche agrarischen Wirtschaftens in der Bundesrepublik. Landarbeit wurde umfassend mechanisiert, und neue, chemieintensive Verfahren brachten die Hektarerträge auf Rekordniveau. Der Geschäftsführer des Forschungsrings für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise Hans Heinze, der sich intensiv für die Fortentwicklung und Popularisierung des alternativen Landbaus engagierte, war der Meinung, dass sich seine Mitglieder dieser Entwicklung nicht grundsätzlich verweigern sollten: "Diesem Druck zur Vereinfachung, Spezialisierung, Arbeitseinsparung, vor allem an Handarbeiten, kann auch das biologisch-dynamisch orientierte Wirtschaften sich nicht entziehen."[5] Anthroposophische Veteranen wie Franz Dreidax zeigten sich befremdet. Für sie lief derlei auf eine Verwässerung der ursprünglichen Impulse hinaus.
Trotz aller Vermittlungsversuche blieben die biologisch-dynamischen Landwirte in diesen Umbruchszeiten insgesamt randständig und kommunizierten vor allem mit Mitgliedern ihrer Gruppe. Im Vergleich mit den heftigen Kontroversen der späten 1920er und frühen 1930er war zwar eine gewisse Beruhigung unverkennbar. Aber manchmal brauchte es nur ein schrilles Wort, und der ganze Konflikt kochte sogleich wieder auf.

 

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8. Alternativen im Landbau

In den siebziger und achtziger Jahren kam dann Bewegung in die jahrzehntelang festgefahrenen Fronten. Eine wachsende Zahl von Reformern fragte nach "Alternativen im Landbau", nach Ideen und Impulsen jenseits der allerorts dominierenden industrieförmigen, chemie- und maschinenintensiven Agrarproduktion. Die Annäherung war nach Jahrzehnten des Dauerstreits für beide Seiten schwierig: Die kleinen, überschaubaren Zirkel, in die sich biologisch-dynamische Praktiker in der Nachkriegszeit zurückgezogen hatte, besaßen auch eine gewisse Heimeligkeit. Mehr und mehr stellten nun Landwirte ihre Betriebe um, die Ökolandbau vor allem als eine attraktive ökonomische Perspektive sahen. An anthroposophischer Wahrheitssuche waren solche Praktiker nicht interessiert.

 

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9. Mehr als der Boden

Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ging wie andere Verfahren des Ökolandbaus von der Sorge um den fruchtbaren Boden aus. Die Suche nach Alternativen im Landbau verlangte jedoch nach mehr: Die Hoffnung war, im Ökolandbau Betriebe zu finden, die ein umfassendes Gegenmodell zur konventionellen Praxis dienen konnten. Damit kamen auf die biologisch-dynamische Landwirtschaft neue Anforderungen zu, die vor allem beim Tierschutz folgenreich waren. Bis in die achtziger Jahre findet sich in den Leitlinien des Ökolandbaus kaum ein Hinweis auf das Wohl der Tiere – nun war den Konsumenten ein glückliches Nutztier jedoch viel wichtiger als der fruchtbare Boden. Heutige Richtlinien für den Ökolandbau tragen diesen neuen Prioritäten Rechnung, und eine penible Kontrolle sorgt dafür, dass die Konsumenten in ihren Erwartungen nicht enttäuscht werden.

 

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10. Frau Künast fördert den Ökolandbau

Als BSE um die Jahrtausendwende die deutschen Konsumenten ängstigte und Renate Künast zur Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ernannt wurde, gehörte der Ökolandbau zu den Gewinnern. Die Förderung alternativer Wirtschaftsweisen zählte zu den zentralen Zielen der neuen Agrarpolitik im Zeichen des Verbraucherschutzes, und so fanden sich einschlägige Produkte nun auch zunehmend im Supermarkt um die Ecke. Unter gestandenen Vertretern der konventionellen Lehre rumorte es mächtig, aber am Ende vermochten sich die meisten Agrarier irgendwie mit der neuen Linie zu arrangieren – und das nicht nur, weil deutsche Landwirte nun einmal auf die Zusammenarbeit mit dem Staat angewiesen sind. Ökolandbau war kein Reizbegriff mehr, sondern einfach ein Wirtschaftszweig mit ein paar besonderen Regeln. Wenn Konsumenten für solche Produkte mehr bezahlen wollten und Landwirte diese Nachfrage befriedigten – wo war dann das Problem?

 

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11. Angekommen im Alltag?

Renate Künast wollte den Anteil des Ökolandbaus bis 2010 auf 20 Prozent steigern – tatsächlich reklamierten alternative Betriebe dann gut fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Das langsamere Wachstum war aber vielleicht gar nicht so schlecht, denn auch so brodelt es kräftig in der Szene. Da stehen überzeugte Ökos gegen Landwirte, die letztlich nur Profit wollen, Großbetriebe gegen Kleinbetriebe, Direktvermarkter neben starken regionalen Vertriebsnetzen – und die Frage der gemeinsamen Identität steht ungelöst im Raum. Längst konkurrieren biologisch-dynamische Betriebe mit anderen Anbauverbänden, die zumeist weniger strenge Standards pflegen. So wird sich der biologisch-dynamische Landbau auch in Zukunft wohl immer wieder neu erfinden müssen – ganz schön paradox für eine Lehre, an deren Anfang eine Philosophie mit Ewigkeitsanspruch stand.

 

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Empfohlene Zitierweise: Frank Uekötter, Erinnerungsort "Biologisch-Dynamische Landwirtschaft", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/lebensweisen/65-biologisch-dynamische-landwirtschaft/.