Die Blaue Blume

Kapitelübersicht - Verehrte Natur - Die Blaue Blume

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Die Blaue Blume    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte: Heinrich von Ofterdingen
  2. Natur und Dichtung in der Romantik
  3. Wanderschaft und Wandervogel
  4. Romantik und Nationalismus
  5. Die Nationalisierung der Kornblume
  6. Romantik in der NS-Zeit
  7. Romantische 68er?
  8. Wo versteckt sich die blaue Blume heute?

 

Verwandte Themen

Der romantische Rhein, Jugendtreffen auf dem Hohen Meißner, FKK, Heimat

 

Literatur

Rüdiger Safranski, Romantik. Frankfurt a. M., 2009.

 

Otto Best, Die Blaue Blume im Englischen Garten.

 

Romantik – ein Mißverständnis? Frankfurt a. M., 1998.


Werner Helwig, Die Blaue Blume des Wandervogels. Vom Aufstieg, Glanz und Sinn einer Jugendbewegung. Gütersloh, 1960.


Novalis, Heinrich von Ofterdingen. Frankfurt a. M. (1802) 1982, S. 5-8.


Rolf Wilhelm Brednich, Heinz Schmitt (Bearb.), Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. Münder 1997, S. 409-411.


Ulrich Beck, Die blaue Blume der Moderne. Der Spiegel 33 (1991). Online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/ print/d-13488201.html.

 

Fußnoten

[1] Novalis, Heinrich von Ofterdingen. Frankfurt a. M. (1802) 1982, S. 5-8.


[2] Ernst Buske: Jugend und Volk, in: Werner Kindt (Bearb.), Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Düsseldorf 1963, S. 198f.

 
[3] Rüdiger Safranski, Romantik, Frankfurt a.M., 2009, S. 392.

 

[4] Joseph Goebbels, in: Rüdiger Safranski, Romantik, Frankfurt a.M. 2009, S. 354.

 

[5] Ulrich Beck, Die blaue Blume der Moderne. Der Spiegel 33 (1991). Online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/ print/d-13488201.html (30.10.2011)

 

Bildnachweis

Kornblumen in einem Gerstenfeld; Ort: Münster, NRW, Deutschland.

Kaum eine kulturelle Epoche hat die Wahrnehmung der Beziehung zwischen Mensch und Natur so beeinflusst wie die Romantik. Im Gegensatz zu den Aufklärern, die Verstand und Logik in den Mittelpunkt stellten, ist Erkenntnis für die Romantiker eng mit Gefühlen und vor allem Liebe verbunden. Die blaue Blume aus dem Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis gilt vielen als zentrales Symbol dieser literarischen Bewegung. Die blaue Blume ist mehr als nur eine Pflanze: Sie verbindet Mensch und Natur und steht für eine goldene Zeit, einen paradiesischen Zustand, für Vollkommenheit und Erleuchtung. Die Blume ist auch die verkörperte Sehnsucht und steht für das Streben nach Liebe, Erkenntnis und vollkommener, transzendierender Vereinigung mit dem Universum.
Als Quelle für das Romanfragment diente eine Thüringische Sage von einer Wunderblume, die im Inneren des Kyffhäuserbergs wächst: Wer sie am Abend des Johannistags pflückt, wird ein weiser Mensch und das glücklichste Geschöpf der Welt. Die blaue Blume steht auch für Fernweh, Wanderschaft und die Suche nach dem Glück. In einem weiteren Sinne erstreckt sich dieses Fernweh auch auf neue Erlebnishorizonte und Bewusstseinsebenen. Auch Analogien zum blauen Lotus lassen sich finden. Der blaue Lotus war die heiligste Blume der Pharaonen und symbolisierte Reinheit, Harmonie und Ganzheit.

 

 

1. Vorgeschichte: Heinrich von Ofterdingen

Heinrich hat in der Johannisnacht einen prophetischen Traum von einer Blume, die ein Mädchengesicht hat – das Gesicht seiner späteren Frau Mathilde:


"Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte."[1]

Heinrich erwacht voller Sehnsucht nach diesem Gesicht und zieht aus, um es zu finden. Auf dieser Suche reift der Held innerlich, lernt die Welt kennen und gewinnt Lebens- und Liebeserfahrung. Der Roman, der 1802 nach dem frühen Tod des Dichters erschien, definierte viele Ziele der romantischen Bewegung. Er thematisiert nicht nur das Wesen und die Entstehung von Poesie, sondern auch deren Verbindung zu Heimat und Vergangenheit und darüber hinaus das Zusammenspiel von subjektiver wie objektiver Realität in der menschlichen Seele. Novalis spielt mit zentralen Stilmitteln der Romantik: Träume, Gedichte, Lieder und Märchen. Allerdings wurden Roman, Autor und blaue Blume erst später zum prägenden Symbol der Romantik, als Heinrich Heine das Motiv in seiner Romantischen Schule von 1833 aufgriff. Durch Heines prominente Thematisierung kam es allerdings ähnlich wie bei der Loreley auch zu einer Trivialisierung und Ironisierung des Symbols.

 

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2. Natur und Dichtung in der Romantik

Der Romantik liegt ein organischer Naturbegriff zugrunde, der sich auf Kants Naturphilosophie und seinen Organismusbegriff stützt. Demzufolge ist der Kosmos kein statischer, maschinenartiger Mechanismus, kein Perpetuum Mobile, sondern ein dynamischer Organismus. Damit wird der Entzauberung, die die Aufklärung mit ihrem rationalistisch-technischen Blick mit sich brachte, entgegen gewirkt. Das Universum ist für die Romantiker immer im Entstehen und alles ist Teil von allem Anderen. Samenkörner, Blumen, Pflanzen und Bäume sind zentrale Metaphern dieser organischen Weltauffassung, die den ewigen Kreislauf von Leben und Sterben betont. Die Blüte ist dabei Symbol für den Höhepunkt des organischen Kontinuums – ihre Analogie ist der menschliche Kopf. Die menschliche Bewusstseinsentwicklung ist eng mit dem Verständnis dieses Universums verbunden. Für die Romantiker ist das Hauptinstrument für dieses Verständnis die Dichtung und das subjektive Empfinden. In Natürlichkeit, Urwüchsigkeit und intensiven, stark aus dem Unterbewussten drängenden Gefühlen sehen sie den Ursprung dichterischer Kreativität. Diese Gefühle standen in ihrer Direktheit und Klarheit in starkem Kontrast zu als gekünstelt und verfälscht empfundenen zivilisierten Verhaltensweisen. Noch heute klingen viele dieser romantischen Ideale in der Umweltbewegung nach.

 

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3. Wanderschaft und Wandervogel

Romantische Ideale und Mystik wurden vor allem von diversen Lebensreformbewegungen und der Jugendbewegung – allen voran dem Wandervogel – in ihre Vereinsmentalität integriert. Die blaue Blume wurde wegen ihrer Wanderschaftssymbolik häufig getragen und wurde in zahlreichen Liedern als Motiv verwendet. Die Jugendbewegung wandte sich ab von Industrialisierung und Urbanisierung, Rationalismus und Materialismus und berief sich auf ein naturnahes Leben. Ihre Vorstellungen von naturnahem Leben versuchte der Wandervogel über Wanderaktivitäten und als ursprünglich empfundene Volkskultur auszuleben:


"Wen es jahraus, jahrein, Sonntag für Sonntag und in den Ferien auch für mehrere Wochen aus Unnatur und Zwang, aus Hast und Gier des lebenstötenden Stadtgetriebes hinaus in die ewigjunge, Spannung auslösende Natur getrieben hat, (...) wer so sich selbst als Teil der Natur und die Natur als Teil seines Selbst fühlt, der ist nicht mehr wurzellos wie der Städter, seine Wurzeln senken sich tief hinein in das Land, das er durchwandert, und er umfaßt die Heimat mit seiner ganzen Liebe. – Aber nicht nur das Land, auch seine Bewohner und ihre Art werden dem Wanderer Leben und Erleben. Wer heut beim Bauer, morgen beim Dorfhandwerker, übermorgen beim Förster (...) sein einfaches Nachtlager findet, wer heut hier am Herd sitzt und sich von der freundlichen Großmutter von alten Sagen und Gebräuchen und wunderbaren Menschenschicksalen erzählen läßt, wer morgen (...) die alten Volkslieder singt oder in lustigen Reigen sich schwingt, wer übermorgen mit dem Bauern aufs Feld geht und bei dringlicher Arbeit fleißig mit Hand anlegt – wer so mit freundlichem Blick und mit helfender Hand den Menschen begegnet, dem bleiben sie nicht fremd. Und aus dem Verstehen der Menschen (...) kommt das tiefe Gefühl des Teilseins, das Bewußtsein eines übernatürlichen Zusammenhangs, in dem wir alle umfangen sind."[2]

Obwohl der Wandervogel sich vom Hurra-Patriotismus des Kaiserreichs absetzte, hing die Bewegung dennoch einem romantischen National-Idealismus an. Waren „Natur" und „Geist" die Losungsworte der Romantiker, so wurde "Leben" zum Motto der Jugendbewegung – ein von Friedrich Nietzsche geprägter Begriff, der für die Einheit von Leib und Seele sowie für Dynamik und Kreativität stand. Der Wandervogel wurde in der Nazi-Zeit entweder aufgelöst oder zwangsweise in die Hitlerjugend eingegliedert.

 

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4. Romantik und Nationalismus

Die romantische Idee der deutschen Nation war anfangs stark geprägt von einem Zusammenspiel aus christlicher Religion und dem Ideal einer universalistischen und poetischen Kulturnation. Für Novalis spielten idealisierte Vorstellungen des christlichen Mittelalters mit der angeblich organischen Ordnung des Lebens durch die Religion eine wichtige Rolle. Mit "Heinrich von Ofterdingen" wollte Novalis den romantischen Mythos der Deutschen schreiben. Spätere Romantiker waren jedoch stärker nationalistisch geprägt.

 

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5. Die Nationalisierung der Kornblume

Die Kornblume – eine von wenigen blauen Blumen – wurde im 19. Jahrhundert zum Symbol von Natürlichkeit. Nach dem Tod der jungen preußischen Königin Luise wurde sie zur "preußischen Blume" und Kaiser Wilhelm I. wie auch Otto von Bismarck erklärten sie zu ihrer Lieblingsblume. Später geriet die blaue Kornblume zum Symbol der deutschnationalen "Alldeutschen Bewegung", die starke antisemitische und antiliberale Tendenzen hatte und von Hitler in "Mein Kampf" erwähnt wurde.

 

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6. Romantik in der NS-Zeit

Romantik, schreibt Rüdiger Safranski, "ist fast immer im Spiel, wenn ein Unbehagen am Wirklichen und Gewöhnlichen nach Auswegen, Veränderungen und Möglichkeiten des Überschreitens sucht".[3] Die Romantik betonte statt Selbstbestimmung und Normalität eher Urwüchsiges, Irrationales, Subjektivität, Trieb, Mythos und Gemeinschaft. So gesehen, war auch der Nationalsozialismus in mancherlei Hinsicht eine extreme Form der politischen Romantik.
Weil Religion für die romantische Nation eine so wichtige Rolle spielte, konnte sich der Nationalsozialismus dieses Nationalkonzept aneignen und sich als neue Religion inszenieren. Bei der Aneignung romantischer Ideen ging er jedoch äußerst selektiv vor. Ideen, die von den Nazis integriert wurden, waren unter anderem die Vorstellung der poetischen Schöpfungskraft von Volk und Volkskultur, die Auffassung von Staat und Gesellschaft als Organismus oder die Tendenz zur Mythologisierung eines germanischen Heldentums. Auch die romantische Idee einer archaischen Erdverbundenheit schwang in der "Volkskultur" der Nationalsozialisten mit – stand aber in starkem Kontrast zum modernen Industriestaat der NS-Zeit. Die ausgewählten romantischen Ideen wurden von den Nationalsozialisten ideologisch überspitzt, moralisch enthemmt und durch Rassekonzepte ergänzt. Schließlich war die nationalsozialistische Ideologie von einem Aktivismus durchzogen, der den vergeistigten und passiven Romantikern fehlte. So erklärte Joseph Goebbels in einer Rede zur Eröffnung der Reichskulturkammer (1933), dass das NS-Reich eine "stählerne Romantik" brauche, "die sich nicht vor den Härten des Daseins versteckt oder in blaue Fernen zu entrinnen trachtet".[4] Mit den christlich-religiösen Hintergründen und dem poetischem Universalismus der früheren Romantik hatte dieser Synkretismus nichts mehr gemein.

 

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7. Romantische 68er?

Die Bewegungen der späten 60er und frühen 70er Jahre stellten viele der kapitalistischen, konsumorientierten Tendenzen der westlichen Gesellschaft in Frage und lehnten sich mit ihren liberalen wie pazifistischen Werten auch an romantische Ideale an. Rousseau war plötzlich wieder in aller Munde, man verlangte Freiheit und impulsives Erleben und feierte eine Zeit der (erotischen) Versöhnung und Naturverbundenheit. Auch die Lebensreform- und Teile der Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts befanden sich mit den Hippies plötzlich wieder im Aufwind – genauso wie Werte von Gemeinschaft, Natur und poetischer Imagination. Doch auch hier bestanden Widersprüche: Zwar identifizierte sich die 68er-Bewegung mit romantisch-idealistischen Werten, doch lehnte sie den romantischen Eskapismus ebenso ab wie vor ihr der Nationalsozialismus.

 

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8. Wo versteckt sich die blaue Blume heute?

Heute steht die blaue Blume weiterhin für Umweltfreundlichkeit: Auf der Webseite der Deutschen Bahn kann man über die Schaltfläche „Blaue Blume“ einen „UmweltMobilCheck“ durchführen und den Kohlendioxidverbrauch von Auto, Flugzeug und Bahn vergleichen. Auch die EU nutzt die Blaue Blume als Umweltzeichen. Immer noch steht sie aber auch für einen demokratieorientierten Öko-Idealismus, der im Gegensatz zu einem industriell, wirtschaftlich und technokratisch ausgerichteten Pragmatismus steht.[5]

 

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Empfohlene Zitierweise: Claudia Köpfer, Erinnerungsort "Die Blaue Blume", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verehrte-natur/verehrte-natur/35-die-blaue-blume.