Nachhaltige Waldwirtschaft

Kapitelübersicht - Vormoderne Umwelten - Nachhaltige Waldwirtschaft

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Nachhaltige Waldwirtschaft

 Nachhaltige Waldwirtschaft   

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Niederwald
  3. Mittelwald
  4. Peter Stromer - Nadelholzsaat
  5. Nürnberger Tannensäer
  6. Reichenhall, der ewige Wald
  7. Carlowitz – Sylvicultura oeconomica

 

Verwandte Themen

Entgrenzungen des Holzhandels, Die Lüneburger Heide, Der Nationalpark Bayerischer Wald, Waldsterben, Das Naturdenkmal, Der Freiberger Hüttenrauch, Der Amazonische Regenwald

 

Literatur

Carlowitz, Hans Carl von, Sylvicultura oeconomica. Edition mit Einführung und wiss. Apparat. Hamberger, Joachim (Hrsg.), oekom, München, 2013.

 

Bülow, Götz von, Die Sudwälder von Reichenhall. Ihr ursprüngliches Waldbild und ihre Bestockungsentwicklung unter der Wirkung des Massenholzbedarfes der Reichenhaller Saline während der letzten 800 Jahre salinarisch-forstlichen Betriebes. In: Mitteilungen aus der Staatsforstverwaltung Bayerns, 33. Heft, München, 1962.

 

Hamberger, Joachim, Von der Nachlässigkeit zur Nachhaltigkeit: etymologische und forsthistorische Annäherung an Schlüsselbegriffe bei Hans Carl von Carlowitz. In: Forum Forstgeschichte, Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Egon Gundermann, Forstliche Forschungsberichte München 206, S. 31-39, München, 2009.

 

Hasel, Karl, Schwartz, Ekkehard, Forstgeschichte. Ein Grundriß für Studium und Praxis. Remagen, 2002.

 

Mantel, Kurt, Wald und Forst in der Geschichte. Alfeld-Hannover 1990.

 

Zierhut, Martin, Die Geschichte der Traunsteiner Salinenwälder. Forstliche Forschungsberichte München 194, München 2003.

 

Fußnoten

[1] Bülow 1962, S. 159 ff.
 

Bildnachweis

Das Titelblatt der Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht von 1713. Es ist das erste forstliche Buch, in dem das Prinzip der Nachhaltigkeit beschrieben ist. Es fasst das forstliche Wissen der Zeit zusammen, um die kompetente Verjüngung und Nachzucht der Wälder zu ermöglichen und so die befürchtete große Holznot zu vermeiden. Quelle: Carlowitz, Hans Carl von, Sylvicultura oeconomica. Leipzig, 2013.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist ursprünglich Kerngedanke und identitätsstiftendes Herzstück der deutschen Forstwirtschaft, und hat inzwischen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Gemeint ist, nur so viel zu nutzen, wie nachwächst; das heißt, die Substanz/das Kapital soll erhalten bleiben, nur der Zuwachs/der Zins wird abgeschöpft. Damit wird ein Ausgleich über die Zeit geschaffen, der auch künftigen Verbrauchern Teilhabe an einer Ressource ermöglicht. Basis ist also ein ethisches Prinzip, das Nutzungsrechte Ungeborener an gegenwärtigen Ressourcen anerkennt. Diese Kernaussage findet sich in vielen Rechtsquellen des 15. und 16. Jahrhunderts.
Es ist kein Zufall, dass dieser Begriff und das ihm zugrunde liegende Denken im Wald geboren wurden. Hier geht es um umfassende Ressourcen, um lange Zeiträume, hier treffen Ökonomie und Ökologie unmittelbar aufeinander, hier sind ihre Ansprüche direkt und konkret auszugleichen. Die Ressource Holz kann nur in generationenübergreifender Zusammenarbeit erzeugt werden.

 

 

1. Vorgeschichte

Der Begriff Nachhaltigkeit taucht erst in der Aufklärung auf. Aber das gilt nur für das Wort an sich. Nachhaltiges Handeln und das Bewusstsein um das Prinzip der Nachhaltigkeit sind schon viel älter. Bereits in der Bibel sind solche Prinzipien genannt. Bei uns reichen sie, in Weistümern und Forstordnungen fassbar, weit ins Mittelalter zurück. Starkes Bevölkerungswachstum brachte die mittelalterliche Agrargesellschaft an die Grenzen der vorhandenen Ressourcen. Dies führte zu Regelungen, die zum Ziel hatten im Wald das Holz dauerhaft und gleichmäßig zu produzieren, damit jährliche und gleichmäßige Nutzungen möglich waren. Nachhaltiges Handeln wird technisch, manchmal blumig umschrieben und ist damit als Prinzip, aber noch nicht als eigenes Wort greifbar.
Die mittelalterlichen Stadtgemeinschaften, und auf dem Land die Markgenossenschaften, mussten mit zunehmender Bevölkerungsexpansion die Nutzung am und im Wald regeln und zwar so, dass jeder Markgenosse auf dem Land und jeder Gewerbetreibende in der Stadt zu seinem Recht bzw. seinem speziellen Waldrohstoff kam. Eine Fülle von Spezialanforderungen war zu befriedigen. Der Wald war die entscheidende Ressource der Gesellschaft und Holz war zentrale Bau- und Energiestoff der ganzen Epoche. So hat die Nachhaltigkeit einen genossenschaftlichen und einen frühindustriellen Entstehungszweig: Das Prinzip der forstlichen Nachhaltigkeit fußt zum einen in der bäuerlichen Allmende, zum anderen in der mittelalterlichen, städtischen Frühindustrie.

 

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2. Niederwald

Die mittelalterlichen Dorfgemeinschaften lebten und arbeiteten viel enger zusammen, als dies heute vorstellbar ist. Neben einer relativ kleinen Fläche, die zur privaten Nutzung gedacht war, gab es große Flächen, die im Gemeinbesitz standen, die sogenannte Allmende. Dabei handelte es sich v.a. um Weide- und Waldflächen. Mit dem gewaltigen Bevölkerungsanstieg im Hochmittelalter mussten zum einen Waldflächen gerodet werden, um Ackerfläche für die Ernährung zu schaffen, zum anderen musste aus dem kleiner gewordenen Wald aber auch der gewachsene Bedarf an Bauholz und Brennholz für die größer gewordene Gemeinschaft gedeckt werden. Um eine geregelte Versorgung sicherzustellen, entstanden so zunächst im Wald Flächen gleicher Größe, die in einem bestimmten, periodisch wiederkehrendem Rhythmus geerntet wurden. Bei vielen Laubholzarten schlägt aus den Stöcken neuer Wald aus, der wegen des vorhandenen Stockwurzelwerkes besonders schnell und kräftig heranwächst. Auf diese Art und Weise war durch den Stockausschlag, die strikte Flächeneinteilung und die periodische Wiederkehr des Einschlags die Niederwaldwirtschaft geboren. Sie lieferte jährlich gleiche Flächen und damit annähernd auch gleiche Holz-Erträge. Erste, unsichere Schrifttumshinweise auf Niederwald gibt es aus dem 8. Jahrhundert, sicher nachweisbar ist er im 13. Jahrhundert.

 

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3. Mittelwald

Lässt man nach dem Brennholzhieb einige der Stockausschläge eine oder gar mehrere dieser Perioden stehen, wachsen Stämme heran deren Dimension für Bauholz tauglich ist. Der Umtrieb dieses Oberholzes beträgt also stets ein Vielfaches der Niederwaldkomponente und liegt zwischen 20 und 40 Jahren. Diese Wirtschaftsform bezeichnet man als Mittelwald. Auch sie kann in den Urkunden bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden.
Nieder- und Mittelwaldwirtschaft sind die erste Kunstform menschlichen Wirkens im Wald und damit die Dinosaurier nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Heute sind sie nur noch an wenigen Orten anzutreffen und wegen der Stockausschlagfähigkeit an bestimmte Laubbäume gebunden. Mit den wirtschaftlich wichtigen Nadelbäumen musste anders verfahren werden.

 

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4. Peter Stromer - Nadelholzsaat

In Städten, v.a. in großen Handelszentren wurden mengenmäßig noch viel mehr Ansprüche an den Wald als Energie- und Rohstofflieferant gestellt. Vor allem die metallverarbeitenden Gewerbe verschlangen Unmengen von Holzkohle. Deshalb waren Städte in ihrem Wirtschaftswachstum stark abhängig von der Holzversorgung aus dem nahen Umland.
In Nürnberg war der Wald wegen der vielfältigen vorindustriellen Gewerbe in der boomenden Stadt besonders belastet. Der Ratsherr und Montanunternehmer Peter Stromer hatte im Jahre 1368 die entscheidende Idee: er säte, nach Bodenvorbereitung, auf unbestockte Kahlflächen Kiefernsamen aus, um Holz nachzuziehen. Diese nur scheinbar belanglose Leistung ist unter zwei Aspekten zu würdigen: einem technisch-biologischen und einem planerisch-nachhaltigen. Es setzte eine sehr genaue Naturbeobachtung voraus, weil die Kiefernsamen zwei Jahre zur Reife benötigen und bereits am Baum aus den Zapfen fallen, wenn der Erntezeitpunkt verpasst wird. Außerdem ist die Lagerung der Samen im Winter schwierig, weil sie leicht verschimmeln, oder vertrocknen und vor Insekten- und Mäusefraß geschützt werden müssen. Planerisch war die Tat eine Leistung, weil Peter Stromer über seinen eigenen Zeithorizont weit hinausdachte, und auch eine künftige Versorgung seiner Vaterstadt und seines eigenen Unternehmens mit Holz anstrebte und gewährleistet wissen wollte. Ressourcen zu begründen, die erst Nachfolgegenerationen zugute kommen, war neu und ist für das Mittelalter völlig außergewöhnlich. Deshalb gilt Stromer zu Recht als Pionier und Mitbegründer des forstlichen Nachhaltigkeitsgedankens, wenngleich der Begriff erst 1713 bei Carlowitz erscheint.

 

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5. Nürnberger Tannensäer

Die Erfindung der Nadelholzsaat bewährte sich schnell. In Nürnberg bildete sich eine Tannensäer-Zunft, die die Methodik der Samengewinnung und der Saatgutausbringung verfeinerte und weiterentwickelte. Für die alte Reichsstadt Nürnberg waren die Tannensäer ein florierender Industriezweig, der nicht nur die eigenen Wälder wiederbestockte sondern auch zum Exportschlager wurde. Mit großer ökologischer Fachkenntnis (Baumarten, Böden, Klima) begründeten die Nürnberger Tannensäer bald schon in den Montanrevieren und Ballungszentren Europas devastierte Wälder neu. Die Nürnberger Nadelwaldsaaten bedeuten einen außergewöhnlichen Fortschritt in der Technik der Urproduktion, der bis heute von Bedeutung für die Forstwirtschaft ist.

 

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6. Reichenhall, der ewige Wald

Auch in Reichenhall ist es die Industrie gewesen, die begann die Wälder nachhaltig zu bewirtschaften. Für ihre Sudpfannen war die Saline auf gleichmäßige Lieferung großer Mengen Nadelholz angewiesen. Es galt der Spruch "ohne Holz kein Sud". Holz war notwendig für das Schmelzen und Eindampfen der Sole, aber auch für die technischen Geräte wie hölzerne Soleleitungen oder die auf der Salzach eingesetzten Salzschiffe. Schon im 16. Jahrhundert wurden deshalb im Salinengebiet Vorratsschätzungen und Einschlagsplanungen vorgenommen. Die Reichenhaller Forstordnung von 1661 umschreibt den Nachhaltigkeitsgedanken als ewigen Wald: "Gott hat die Wäld(er) für den Salzquell erschaffen, auf dass sie ewig wie er continuieren mögen; also soll der Mensch es halten: ehe der alte (Wald) ausgehet, der junge bereits wieder zum Verhacken herangewachsen ist."[1]

 

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7. Carlowitz – Sylvicultura oeconomica

Nachhaltigkeit wird als Begriff immer in Verbindung mit Hans Carl von Carlowitz gebracht, einem weitgereisten und erfahrenen Forst-Praktiker, der im Jahr 1713 ein bemerkenswertes Buch über Waldbau geschrieben hat (Die wilde Baumzucht oder Sylvicultura oeconomica). Darin wendet er sich gegen die Unkultur der Verschwendung und Beliebigkeit, die aus dem Vollen schöpft und sich nicht darum schert, was danach kommt. Er fordert die "nachhaltende Nutzung", die planerisch vorgeht, sparsam nutzt und für Nachwuchs sorgt und so Basis einer erfolgreichen Volkswirtschaft ist.
Hinter den Erkenntnissen von Carlowitz steht ein gewaltiger Entwicklungsprozess, den er erst "ins Wort" brachte. Die Nachhaltigkeit wurde also nicht von einem einzelnen Hirn erfunden wie etwa die Formel E=mc², sondern sie hat einen Geburtsprozess durchlaufen, der sich über mindestens 500 Jahre hinzieht. Er beginnt im Mittelalter mit den Niederwäldern der Markgenossen und den Nadelholzsaaten Peter Stromers im Reichswald bei Nürnberg. Es war eine lange Entwicklung mit großen Rückschlägen, aber auch mit vielen kleinen Fortschritten. Was herauskam, das Prinzip der Nachhaltigkeit, ist für die Menschheit mindestens ebenso wichtig wie Einsteins Formel.
Der Blickwinkel des Hans Carl von Carlowitz – und das ist wichtig – ist kein rein forstlicher, sondern ein volkswirtschaftlicher. Er sieht den Wald als Energie- und Rohstoffressource, auf die die Volkswirtschaft angewiesen ist. Er weist auf den übermäßigen Ressourcenverbrauch hin und zeigt Folgen dieser, wie er es nennt, nachlässigen Nutzung auf. Nachlässig, das ist für ihn das Reizwort für gedankenlosen Verbrauch, der nicht wirtschaftlich organisiert und planerisch beschränkt ist und deshalb auch nicht auf Dauer ausgerichtet ist. Carlowitz setzt dieser Nachlässigkeit, den Begriff der "nachhaltenden Nutzung" entgegen.

 

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Empfohlene Zitierweise: Joachim Hamberger, Erinnerungsort "Nachhaltige Waldwirtschaft", URL: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/vormoderne-umwelten/22-nachhaltige-waldwirtschaft.